Anwaltschaft

Harte Zeiten für die Anwälte von morgen

Von Corinna Budras

06. Mai 2008 Die Anwaltschaft wird sich in Zukunft stark verändern. Grund dafür sind der rege Zustrom von Frauen in diesen Beruf und die starke Segmentierung des Marktes. Das haben die beiden Berufsforscher vom Soldan Institut für Anwaltsmanagement, Christoph Hommerich und Matthias Kilian, auf dem 59. Deutschen Anwaltstag in Berlin erläutert. Von diesen grundlegenden Veränderungen bleiben weder die Einzelanwälte noch die internationalen Großkanzleien verschont.

Gefährdet seien dabei insbesondere nichtspezialisierte Kanzleien und Einzelanwälte, die vor allem regional tätig sind. "Bei zunehmender regionaler Anwaltsdichte geraten sie in einen immer schärfer werdenden Wettbewerb um Mandate und Preise", warnte Hommerich. Seiner Beobachtung zufolge wird die wirtschaftliche Spreizung der Kanzleien weiter zunehmen. An einem Ende der Skala stehen die kleinen Sozietäten, die die Privatkunden betreuen. Am anderen sind die internationalen Großkanzleien zu finden, die auf dem Markt der Wirtschaftskunden mit oft sehr spezialisierter Nachfrage tätig sind.

Mehr Spin-offs

In den Wirtschaftskanzleien werde es künftig noch stärker als bisher zu einer Konzentration auf die profitabelsten Geschäftsfelder kommen. "Dies führt zur Herausbildung von steilen Hierarchien und damit zu einer deutlichen Veränderung des Berufsbildes der Rechtsanwälte", betonte der Soziologe. Bereits jetzt ist zu beobachten, dass jüngere Juristen immer seltener Gelegenheit bekommen, zum Partner ernannt zu werden. Damit nimmt in den Großkanzleien die Fluktuation von angestellten Anwälten zu, die in anderen Sozietäten ihr Glück suchen. Auch Abspaltungen ganzer Gruppen von Advokaten, die dann ihr eigenes Büro eröffnen ("Spin-offs"), werden zunehmen, erwartet Hommerich. "Diese strategischen Grundentscheidungen schaffen Risiken, aber auch Chancen für mittelständische Kanzleien", sagte er.

Die anstehenden Veränderungen markieren keineswegs eine völlig neue Entwicklung in der Anwaltschaft. Vielmehr hat sich der Beruf in den vergangenen zwanzig Jahren schon erheblich gewandelt. Den Grundstein für die Reformen legte 1987 das Bundesverfassungsgericht, das in einer wegweisenden Entscheidung die rigiden Standesregeln kippte. Seither sind immer mehr Verbote gefallen, die etwa die Werbung und die engen Vorgaben zur Gründung einer Sozietät betrafen. Mit der Liberalisierung zogen in den neunziger Jahren auch die internationalen Großkanzleien in Deutschland ein, die meist über die Fusion mit deutschen Traditionskanzleien einen Fuß in den hiesigen Rechtsberatungsmarkt bekamen.

Unterschiedliche Berufsziele

Auch der verstärkte Zustrom von Frauen werde das Berufsbild des Advokaten in den kommenden Jahren nachhaltig prägen, sagte Hommerich voraus. Das liegt auch an den besonderen Berufszielen, die die weiblichen Vertreter einer Studie des Soldan Instituts zufolge haben. Danach sind nur knapp 20 Prozent der Frauen an einer Übernahme als Sozia interessiert, während die Hälfte der männlichen Kollegen dieses Ziel vor Augen hat. Frauen gehe es eher darum, auch nach einer Auszeit durch Mutterschutz und Erziehungszeit das bestehende Arbeitsverhältnis beizubehalten, unterstrich Kilian.

Auch sonst unterscheiden sich die Arbeitsweisen der Geschlechter immer noch erheblich: Rechtsanwältinnen sind der Studie zufolge überproportional als Einzelkämpferinnen tätig und so gut wie gar nicht in Großkanzleien vertreten. Zudem spezialisieren sie sich sehr stark auf das Familien- und Sozialrecht und sind weit unterdurchschnittlich in den wirtschaftsrechtlichen Materien tätig.

Signifikant geringere Stundensätze

Zudem bestätigt sich eine Benachteiligung, die auch in anderen Berufsfeldern immer wieder kritisiert wird: Angestellte Anwältinnen und freie Mitarbeiterinnen werden bei gleicher Arbeitszeit schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Bei Vergütungsvereinbarungen erzielten die Frauen zudem signifikant geringere Stundensätze, betonte Hommerich. So nähmen sie mittlere Stundensätze von 156 Euro, während die Herren der Zunft 191 Euro berechneten.

Doch dass Frauen seit rund zehn Jahren die Mehrheit der Studienanfänger im Fach Rechtswissenschaft bilden, wird nach Angaben der Berufsforscher nicht ohne Folgen bleiben: Insbesondere größere Kanzleien werden mehr Rechtsanwältinnen rekrutieren müssen, wenn sie weiterhin nach den qualifiziertesten Nachwuchsjuristen suchen. Zudem müssten sich die Arbeitsbedingungen der "endlosen Arbeitstage" dringend ändern, warnte Hommerich. "Der unweigerliche Sog der Akte muss durchbrochen werden."



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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