Das Ende der Ära Zumwinkel

Wie bist Du vom Himmel gefallen

Von Rainer Hank und Georg Meck

Der jähe Sturz dauerte nicht einmal einen Tag: Razzia, Rauswurf, rums

Der jähe Sturz dauerte nicht einmal einen Tag: Razzia, Rauswurf, rums

17. Februar 2008 Der jähe Sturz dauerte nicht einmal einen Tag: Razzia, Rauswurf, rums. Dann war Klaus Zumwinkel erledigt, der Post-Chef am Ende. Keinen Moment zögerte die Bundesregierung am Freitag, Zumwinkel in den Abgrund zu stoßen. Selbst auf die sonst üblichen Scheinheiligkeiten („ein verdienter Mann“) hat die Politik verzichtet. Keine Floskel des Dankes für das berufliche Wirken mildert die Empörung über das private Versagen. Auf die Frage, ob die Vorwürfe der Steuerhinterziehung zutreffen, sagt ein Regierungssprecher: „Wir haben den Eindruck, Herr Zumwinkel geht davon aus.“ Noch nie wurde ein privates Schuldbekenntnis derart lakonisch, aber dafür regierungsamtlich zur allgemeinen Kenntnis gebracht.

Der Held von gestern ist ganz unten angekommen. „Wie bist Du vom Himmel gefallen“, heißt es im Buch Jesaja. Hinabgestoßen in das Reich der „Asozialen“ (SPD-Generalsekretär Hubertus Heil). Nie hätte sie sich solche Verfehlungen vorstellen können, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Ich glaube, das geht vielen Menschen so wie mir.“

Die Richter haben längst ihr Urteil gesprochen

Seither tobt die öffentliche Empörung. „Die Elite versagt, und die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft erodieren“, heißt es unisono aus allen politischen Lagern. An der individuellen Verfehlung entzündet sich die Systemkrise. Noch am Boden liegend wird Zumwinkel eine große destruktive Kraft zugeschrieben: Ein einzelner Top-Manager stürzt die Marktwirtschaft in ihre tiefste Vertrauenskrise. Weil er eine Million Euro am Fiskus vorbeigeschleust hat? Weil mit ihm plötzlich zur Regel wird, was bislang als Ausnahme galt: Selbstbereicherung geht vor Ehrlichkeit, Gier vor Gesetzestreue und Egoismus vor Gemeinwohl? Das wäre der Zerfall des Staates.

Jeden Anspruch auf Gnade hat Klaus Zumwinkel verwirkt. Die Richter an allen deutschen Frühstückstischen haben längst ihr Urteil gesprochen, noch bevor im Gerichtssaal über den Fall Zumwinkel die Anklageschrift verlesen wurde. Die Enttäuschung ist riesengroß. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil der Ex-Post-Chef ein Guter war, der Gentleman-Manager, die gelbe Eminenz. Wenn wir so einem Mann nicht mehr trauen können, wem dann? In seinen fast 20 Jahren bei der Post hat Zumwinkel die Sehnsucht nach dem anständigen Unternehmer gestillt. Noch am vergangenen Mittwoch, einen Tag vor seiner Verhaftung, war er der Favorit für die Nachfolge von Heide Simonis beim Kinderhilfswerk Unicef. Da wird gerade ein Mann gesucht, der einen angeblich moralisch verwahrlosten Laden saniert.

„Ich bin reich“, hat Zumwinkel stets beteuert

Das Bild, das Zumwinkel von sich selbst entworfen hat, zeigt ihn hoch oben im Post-Tower, entrückt vom operativen Intrigantentum. Finanziell unabhängig („Des Geldes wegen habe ich meinen jetzigen Job jedenfalls nicht übernommen“), innerlich frei. Noch nicht einmal eine Briefmarke für einen Privatbrief würde Zumwinkel sich aus der Portokasse der Post bezahlen lassen, schwor noch am Tag der Verhaftung ein Freund aus alten McKinsey-Tagen.

„Ich bin reich“, hat Zumwinkel stets beteuert und auf sein Erbe verwiesen. Die Millionen dieses Mannes weckten nicht Neid, sondern fast schon Achtung. Dem macht Geld nichts aus. Der hat es nicht nötig. Er ist keiner dieser kleingeistigen Managerdarsteller, sondern das Gegenteil: gebildet, kultiviert und ein klein bisschen bieder. Aber da wirkte es fast schon wieder wohltuend, dass es an der Spitze eines Weltkonzerns noch einen gab, der nicht zu den Blendern gehörte, die mit ihrem auf den Business-Schulen eingetrichterten halbenglischen Gequatsche nur holpernd kaschieren, wie billig männlich sie ticken. Zumwinkel war einer, der sich langweilige Souveränität leisten konnte.

Gewiss, der abrupte Sturz aus dem Olymp der oberen Etagen deutscher Vorzeigeunternehmen ist in den vergangenen Jahren fast schon Normalfall geworden. Die Umschlaggeschwindigkeit im Top-Management hat fast so rapide zugenommen wie die Gehälter dort oben. Jürgen Schrempp, der gefeierte Bräutigam einer Hochzeit im Himmel zwischen Daimler und Chrysler, wurde am Ende vorzeitig als Buhmann aus Stuttgart verstoßen. Aber wirkte Schrempp nicht immer schon wie ein Hochstapler und auch ziemlich ordinär? Auch Klaus Kleinfeld, der vom Kapitalmarkt verwöhnte Star bei Siemens, wurde nach wenigen Jahren mit Schimpf und Schande in München vom Hof gefegt. Aber war Kleinfeld nicht immer der kleine Junge, den der Weltkonzern in den Größenwahn trieb? Lauter vom Ehrgeiz gezeichnete Helden, die von unersättlichem Machthunger und grenzenloser Habgier getrieben werden.

Zumwinkel bot sich als Vaterfigur geradezu an

Einzig das Schicksal des Heinrich von Pierer zeigt viel Ähnlichkeit mit dem Drama Klaus Zumwinkels. So viel Moral, Menschenfreundlichkeit und Marktmäßigung wie Pierer hatte noch kaum einer für sich gepachtet. Und so einer sollte Bestechung als übliches Geschäftsgebaren nicht nur geduldet, sondern womöglich befördert haben? Undenkbar. Das war der Firmenskandal des Jahres 2007.

Der Fall Zumwinkel hat heute schon, Mitte Februar, gute Chancen, zum Skandal des Jahres 2008 zu werden – mit noch unabsehbaren weiteren Erschütterungen in Folge. Wie konnte das Publikum sich in einem Mann so sehr täuschen? Wie konnte Zumwinkel alle täuschen? Hat er am Ende sich selbst getäuscht?

Erst jetzt, nachdem der Fall Zumwinkel mit dem Rücktritt vom Freitag öffentlich abgeschlossen ist, fallen die Widersprüche seiner Persönlichkeit ins Auge. Er war der Mann, der nach nichts anderem trachtete, als aus der alten Schneckenpost den globalen Logistiker DHL World Net zu zimmern. Früher, im Zenit der Macht, hat der biographische Blick die Ecken abgerundet, denn der Drang zu Sinnstiftung und Kohärenz ist menschlich. Und die Mächtigen idealisieren wir nur zu gerne als die Guten. Womöglich ist also die Geschichte Klaus Zumwinkels nichts als die Neuauflage der ewigen Wiederkehr von Aufstieg und Fall. Machiavelli im Management? Im Zenit als moralisch verehrt, im Fall als amoralisch verspottet. Klaus Zumwinkel bot sich als Vaterfigur geradezu an, ein bisschen trottelig, aber allmächtig und fürsorgend.

Ein Mann mit zwei Gesichtern?

Erst als er in seiner Fürsorglichkeit auch noch als Retter der Armen und Entrechteten auftrat und für ihren Mindestlohn zu kämpfen vorgab, erhielt das geschlossene Zumwinkel-Bild seine ersten Risse. Da zog ein Chief Executive Officer doch tatsächlich eine päpstliche Enzyklika aus der Tasche und zitierte gerührt: „Ich bin der persönlichen Überzeugung und so steht es auch in der päpstlichen Enzyklika, dass der Lohn eines Arbeiters seiner Familie ein vernünftiges Einkommen ermöglichen muss. Also ist der Papst auf meiner Seite.“ Das war zu dick aufgetragen, auch wenn es auf sozial gestimmte Gemüter eine Weile lang wirkte.

Doch allzu deutlich wurde, dass Zumwinkel in Wahrheit nur für die Verlängerung seines Monopols mit anderen Mitteln kämpfte - und dabei die Öffentlichkeit überzeugen konnte, sein partikulares Interesse diene dem Gemeinwohl. „Ich ziehe alle Register“, hat Zumwinkel, auf den Taschenspielertrick angesprochen, geantwortet. Im Geschäftsleben gehe es hin und wieder eben brutal zu.

Doch da hat er die Spaltung der Person zum ersten Mal erahnen lassen. Was war er nun: Beistand des Prekariats unter den Postboten oder Vorkämpfer für den Erhalt der Monopolrente seiner Aktionäre? Welch abgründiger Gedanke: Der Ehrliche könnte ein Spieler sein? Ein Mann mit zwei Gesichtern und vielen Widersprüchen? Wo ist da noch Platz für die persönliche Überzeugung?

Jetzt, von heute aus gesehen, wo das Bild einer Persönlichkeit in ihre Teile zerfällt, fallen auch die berühmten Schuppen von den Augen. Wie passt der Ex-McKinseymann zum Sozialreformer? Wie passt der Privatisierer zum Monopolisten? Der Ballbesucher zum Biedermann? Wie passt der Ehrenmann zum Lügner?

Jedem anderen hätte man die Ausflüchte um die Ohren gehauen

Zum Lügner? Schon vor drei Monaten befreite Zumwinkel sich aus der Not, indem er seinen alten Weggefährten, den Finanzvorstand, einen vermeintlichen Freund, dem Drängen des Kapitalmarkts opferte. Als die Personalie ruchbar wurde, ließ er sie wider besseres Wissen dementieren, um sie wenig später ohne erkennbares Unrechtsbewusstsein zu exekutieren. So agiert nicht der warmherzige Onkel, sondern der kaltblütige Scharfrichter.

Der Gedanke, monetäre Motive könnten in Zumwinkels Welt doch eine gewisse Rolle spielen, dämmerte, als höchst profitable wie unkluge Aktiengeschäfte bekannt wurden. 200450 Stück der Aktie gelb im Gesamtwert von 4,73 Millionen Euro hatte er verkauft, kaum war der kurstreibende Mindestlohn beschlossen. „Raffzahn Zumwinkel“ musste er da zum ersten Mal über sich lesen. Entschuldigt hat er sich mit Tapsigkeit, seiner eigenen und der seines Compliance-Experten. Jedem anderen hätte man die Ausflüchte um die Ohren gehauen. An Zumwinkel schien selbst die Zerknirschung echt. Die Enttäuschung darüber mag einen Teil der wütenden Reaktionen in Berlin heute erklären. Von heute aus wird klar, wie viel Legende der Post-Chef der Öffentlichkeit servierte. Und wie dankbar die Öffentlichkeit sich die Legende servieren ließ.

Warum gibt es plötzlich so viele Privatsachen?

Hat er vor Jahren beim Wechsel vom Versandhaus Quelle zur Post, Ende der achtziger Jahre, tatsächlich auf 80 Prozent des Gehalts verzichtet, nur der großen Aufgabe wegen? So hat Zumwinkel die Geschichte immer erzählt. Oder hatte er schlicht keine berufliche Alternative? Musste er den schlechter dotierten Job bei der Post annehmen, weil er in einer Sackgasse steckte? Jetzt wird plötzlich bekannt, dass das Verhältnis zur Quelle-Eigentümerin Grete Schickedanz zerrüttet war, als Zumwinkel von Fürth nach Bonn wechselte. Dort verdiente er immerhin noch ein Mehrfaches des Bundeskanzlers. Und wurde von den wechselnden Amtsinhabern regelmäßig in den höchsten Tönen gelobt.

Und dann ist da noch die Geschichte von der mittelalterlichen Burg Tenno, ein vielzimmeriges Anwesen oberhalb des Gardasees, das Zumwinkel vor zehn Jahren für drei Millionen Euro kaufte und aufwendig renovieren ließ, aber öffentlich immer verschwieg. Gewiss, das ist alles Privatsache. Aber warum gibt es plötzlich so viele Privatsachen, von denen vorher niemand wusste? Und die irgendwie alle mit Geld zu tun haben. Mit viel Geld.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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