Von Georg Meck
14. Februar 2008 Es ist laut geworden um Klaus Zumwinkel. Vorwürfe, Verdächtigungen, Razzien. Das Wort Steuerhinterziehung steht im Raum. Noch weiß keiner Genaues. Doch das Bild des Post-Vorstandsvorsitzenden wird durch die Geschehnisse dieses Donnerstags gehörig durcheinandergewirbelt.
Denn über Jahre zog Klaus Zumwinkel still und weitgehend allürenfrei seine Bahnen. Mit an Langeweile grenzender Seriosität (ich bin immer gleich temperiert) hat der ehemalige McKinsey-Berater die Schneckenpost zum Weltkonzern hochgezüchtet. Die Deutsche Post World Net, wie sich die Post heute nennt, ist mit einer halben Million Beschäftigten der sechstgrößte Arbeitgeber weltweit, der Konzern hat in mehr Ländern Niederlassungen als die katholische Kirche.
1989 machte die Behördenpost jeden Tag eine Million Mark Verlust, heute wird das Unternehmen an der Börse mit 35 Milliarden Euro bewertet. Das alles ist Zumwinkels Werk. Wir sind die beste Post der Welt, tönte er jüngst. Es ging ihm um das Bild in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, um nichts weniger. Der goldene Rahmen drum herum war schon entworfen: Klaus Zumwinkel, der Manager, der eine Behörde zum Global Player konvertierte. Doch jetzt hat das perfekte Bild einen Makel. Klaus Zumwinkel ist seit diesem Donnerstag auch der Manager, der von der Polizei mitgenommen wurde. Der Manager, dessen Privathaus durchsucht wurde. Der Manager, den die Fahnder der Steuerhinterziehung verdächtigen.
Gelbe Eminenz oder Häuptling Silberlocke
Häuptling Silberlocke nannten sie ihn bislang voller Respekt oder gelbe Eminenz. Niemand steht länger an der Spitze eines Dax-Konzerns. Niemand wurde höher dekoriert, niemand ist besser vernetzt. Ob Post, Telekom oder Lufthansa - in den privatisierten Staatsbetrieben sitzt Zumwinkel an entscheidenden Posten, in Vorstand oder Aufsichtsrat. Beinahe zwangsläufig bildeten sich da die Verbindungen in die Politik, erwuchs ihm ein Übermaß an Macht, wie einer der vielen Ex-Minister kritisiert, die Zumwinkel im Amt überlebt hat.
Im Jahr 1989 ist der Manager in Bonn angetreten - als erster Post-Chef, der kein Minister war. Des Geldes wegen hat er den Job nicht angenommen. Durch die von den Eltern geerbte Firma war er finanziell gut gestellt, wie er sagt. Zudem habe er in seiner vorherigen Position als Quelle-Chef ein Mehrfaches verdient. Im Dezember dieses Jahres feiert er den 65. Geburtstag, dann sollte allmählich Schluss sein. So sagte er es selbst noch vor kurzem. Wie das Wort allmählich zu interpretieren ist - das wird eventuell neu definiert werden müssen - so schien es zunächst. Doch vorerst bleibt Zumwinkel im Amt, sagte die Post am Donnerstagabend. Der Postchef sei vollständig handlungsfähig.
Manches tat weh
Völlig abgebrüht ist Häuptling Silberlocke allerdings nicht. Schon die Angriffe der vergangenen Monate haben bei ihm Spuren hinterlassen. Manches tat weh, bekennt Zumwinkel. Das freilich ist bezogen auf Vergangenes. Wie weh die aktuellen Anschuldigungen tun ist noch nicht auszumachen.
Im Kampf für sein Briefmonopol in Deutschland wurde Zumwinkel - zum ersten Mal in seiner Karriere - zu einer öffentlichen Reizfigur. Um den Wettbewerb auch künftig fernzuhalten, sicherte er sich einen hohen Mindestlohn. Damit mobilisierte er Volkes Stimme, entzauberte sich aber auch selbst, indem er offenbarte, wie abhängig der angeblich so globale Player von den Briefen auf dem Heimatmarkt ist. Wer wollte, konnte rasch durchschauen, dass Zumwinkel um seine Monopolrente kämpft - und nicht um das Wohl frierender Briefträger. Die Schlacht hat der Post-Chef gewonnen, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist seinem raffinierten Lobbying erlegen - sowie dem Druck der wahlkämpfenden Ministerpräsidenten Roland Koch und Christian Wulff. Doch das ist eine andere Geschichte.
Die Rivalen auf dem Briefmarkt hat Zumwinkel abgedrängt, eine Pin-Gesellschaft nach der anderen meldet Insolvenz an. Bleibender Schaden für den Post-Chef: Im Laufe der Auseinandersetzung hat sich herumgesprochen, wie wenig die rund um den Globus eingekauften Firmen zum Gewinn des Konzerns beitragen. Wer boshaft sein wollte, und dazu neigen unzufriedene Investoren, warf ihm vor, die Monopolgewinne für Auslandsabenteuer zu versenken. Keine Juwelen, nirgends. Freche Bürschchen in Banken und Fondsgesellschaften, Jahrzehnte jünger als Zumwinkel, setzten ihn plötzlich unter Feuer, schmähten ihn als Mann von gestern, rechneten ihm vor, wie viel der Konzern mehr wert wäre, würde er in seine Einzelteile zerlegt.
Mit Härte reagiert - mit Härte getroffen
Auf den enormen Druck des Kapitalmarktes reagierte der Post-Chef mit ungewohnter Härte. Den Finanzvorstand, einen langjährigen Weggefährten, hat er im Herbst ausgewechselt, den Investoren hat er mehr Klarheit versprochen, einen Teilrückzug aus Amerika in Aussicht gestellt. Die Phantasie der Börse hat er mit einem angedeuteten Verkauf der Postbank beflügelt. Bis zum November vorigen Jahres galt die noch als Kerngeschäft. Wir behalten 51 Prozent, hatte Zumwinkel stets gesagt. Bis er sich entschlossen hat, neu nachzudenken. Die Börse dankte das zunächst mit einem rapiden Anstieg des Aktienkurses. Inzwischen aber scheint klar: Zumwinkel meint es ernst. Er will die Postbank verkaufen.
Vorerst aber hat er nun andere Sorgen. Mag sein, dass sich die Verdächtigungen in Luft auflösen. Mag sein, dass an den Anschuldigungen nichts dran ist. Mag auch sein, dass sich die Causa Zumwinkel nun lange hinzieht, bis Klarheit da ist. Sein Ruf aber wird auf jeden Fall einen Knacks erleiden. Bilder von Polizei in Privathaus und Konzernzentrale können nicht ganz spurlos an ihm vorübergehen. Wann immer er abtritt und aus welchem Grunde auch immer: Ob er als Häuptling Silberlocke in die Geschichte eingehen wird, ist nun noch einmal fraglich geworden.
Der Mensch
Klaus Zumwinkel, Jahrgang 1943, trägt das Unternehmer-Gen in sich. Erste Erfahrung sammelt er nach dem frühen Tod des Vaters, als er mit seinem Bruder die Geschäftsführung der Zumwinkel-Handelsunternehmen übernimmt. Die Kette mit damals zehn Kaufhäusern und 50 Discountern verkaufen die Erben 1971 an Rewe - das verschafft Klaus Zumwinkel finanzielle Unabhängigkeit.
Nach Studium und Promotion macht er Karriere als Berater bei McKinsey, wechselt von dort Anfang der achtziger Jahre zum Versandhaus Quelle.
1989 übernimmt er den Vorstandsvorsitz der Deutschen Bundespost, die er im Jahr 2000 an die Börse bringt. Außerdem sitzt er im Aufsichtsrat von Deutscher Telekom und Lufthansa. Zumwinkel lebt mit Gattin Antje in Köln. Bekannt ist seine Leidenschaft für Bergtouren, unter anderen mit den Similaunern, einem losen Club deutscher Spitzenmanager.
Das Unternehmen
Deutsche Post World Net nennt sich die Post seit einigen Jahren. Mit einer Behörde hat die weltweit tätige Aktiengesellschaft nichts mehr gemein. 520000 Angestellte arbeiten heute für den Konzern, 60 Prozent des Umsatzes von 60,5 Milliarden Euro (2006) werden außerhalb Deutschlands erwirtschaftet.
22 Prozent des Umsatzes nimmt die Post mit Briefen ein, 20 Prozent entfallen auf das Expressgeschäft, 39 Prozent auf die Logistik und 16 Prozent auf die Finanzdienstleistungen. Der operative Gewinn (vor Einmaleffekten) erreichte voriges Jahr 3,7 Milliarden Euro. Die Bilanz legt der Konzern Anfang März vor.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 44
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt - F.A.Z.
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