Finanzaufsicht

Bafin sieht sich als Opfer der Rating-Agenturen

Von Joachim Jahn

15. Mai 2008 Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Jochen Sanio, hat eine europaweite Kontrolle der Rating-Agenturen verlangt. "Jetzt muss Tacheles geredet werden", sagte Sanio am Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz seiner Behörde in Bonn. Eine solche Kontrollinstanz müsse unabhängig sein und die notwendigen Prüfungsrechte erhalten. Eine "gut geeignete Andockstation" dafür könne das bereits bestehende Komitee der europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (CESR) sein, sagte Sanio. Der Leiter der Allfinanzaufsicht regte eine Initiative von Europa-Kommissar Charlie McCreevy an.

Sanio wies den Rating-Agenturen eine Schlüsselstellung in der weltweiten Bankenkrise zu, die durch die Weiterreichung schlechter Kredite entstanden war. "Über Jahre haben sie sich an den Ratings für Subprime-Verbriefungen eine goldene Nase verdient", kritisierte der Chefaufseher. Die besten Noten ("Triple A") hätten sie dabei mit der Gießkanne verteilt. Dadurch hätten die Agenturen ihr kostbarstes Gut verloren - ihre Glaubwürdigkeit. Wer von ihnen sich dem neuen Verhaltenskodex der Internationalen Organisation der Wertpapieraufseher (IOSCO) verweigere, müsse in aller Öffentlichkeit "gebrandmarkt" werden.

"Verquere Anreizstrukturen"

Die Bankenaufsicht sprach Sanio von jeder Mitschuld frei. Er fühle sich selbst als Opfer der Agenturen, sagte Sanio. "Wir hatten keine Chance, uns ein eigenes Urteil zu bilden - dieser Gedanke ist absurd." Das gelte jedenfalls für den Normalfall, der ausländische Phantasieprodukte betreffe. "Das ist auch für uns Aufseher ein Desaster." Die Banken treffe ebenfalls eine Verantwortung, hob Sanio hervor. Als Käufer der verbrieften Darlehen hätten sie offenbar in großem Umfang solche Papiere erworben, ohne die geringste Ahnung von den Risiken zu haben. Wer weiter sein Geld in solch komplexe Geschäfte stecken wolle, solle zunächst einmal in eigene Analysekapazitäten investieren.

Als Hauptproblem machte Sanio die "verqueren Anreizstrukturen" aus: Die Weitergabe der Risiken vom Begründer - also der Bank, die nicht kreditwürdigen Kunden Geld gegeben habe - an den Endabnehmer - den Erwerber der strukturierten Forderungen - bringe die große Gefahr mit sich, dass laufend der Grundsatz der Risikobegrenzung außer Acht gerate. Daher bezeichnete es Sanio als "sehr diskussionswürdig", den Finanzinstituten vorzuschreiben, dass sie einen Teil der Darlehen in den eigenen Büchern halten.

Der Bafin-Präsident zeigte sich besorgt über die Feststellung, dass Banken von einer gewissen Größe an offenbar gerettet werden müssten. Wenn Banker meinten, sie genössen unbegrenzten Versicherungsschutz, seien sie permanent der Versuchung ausgesetzt, hohe Risiken einzugehen. Dagegen müsse man "am Rande des Abgrunds" konsequent angehen. Nach Sanios Ansicht bewerten die Geldinstitute diese Papiere jetzt allerdings deutlich zu niedrig, weil sich kein Marktwert ermitteln lasse. Sanio sagte, bei den neuen Eigenkapitalregeln ("Basel II") müssten nun die Regeln für die Unterlegung von Verbriefungstransaktionen entscheidend verschärft werden. Aber anders als bei "Basel I" seien jetzt auch Kredite von weniger als einem Jahr Laufzeit eigenkapitalpflichtig. Zudem müssten Investmentvehikel (SIVs) seither in der Bankbilanz berücksichtigt werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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