15. April 2008 Zum Schluss war gar nichts mehr zu hören von Georg Milbradt. Die Rentenerhöhung passt ihm zwar nicht, ordnungspolitisch hält er sie für falsch wie so vieles, was die Bundesregierung unter Angela Merkel querbeet an Wohltaten streut. Doch Milbradt schwieg dazu in der entscheidenden Präsidiumssitzung. Weil da inzwischen alle mehr oder minder schweigen“, verteidigt ihn einer seiner wenigen Anhänger in Berlin. Andere aus dem höchsten CDU-Kreis sagen, Milbradt sei schon zu sehr mit seinen sächsischen Landesbankproblemen“ beschäftigt gewesen, als dass er sich bundespolitisch hätte zu Wort melden können.
Milbradt war nie beliebt bei der CDU-Führung, dem Präsidium, dem er als sächsischer Ministerpräsident qua Amt seit 2002 angehört. Dort konnte er dermaßen aufbrausen, oft ganz unvermittelt, dass es manchen in der Runde verschreckte. Er zeigte seine Verachtung für jene, die er fachlich für Leichtgewichte hält – was nicht wenige betraf. Seine Arroganz der Intelligenz ließ manchen ganz klein aussehen“, sagt ein CDU-Fahrensmann von Milbradt bewundernd.
Gefälligkeit hat er immer fast verachtet
Auf Gruppenfotos der CDU-Führung hingegen sah Milbradt meist klein aus. Er suchte nie die Mitte, stellte sich selbst an den Rand, oft in die letzte Reihe und legte – anders als sein Vorgänger Kurt Biedenkopf – auf den Professoren-Titel keinen Wert.
Gefälligkeit hat er immer fast verachtet“, sagt der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz. Er, der 2000 kurze Zeit als CDU-Generalsekretär zum engen Kreis um Frau Merkel zählte, kennt Milbradt aus Münsteraner Studententagen und lobt ihn als einen der hilfsbereitesten Menschen in meinem Bekanntenkreis“.
Die beiden sind befreundet, seit sie im Studentenparlament zusammenarbeiteten. Damals habe Milbradt sich viel um ausländische Kommilitonen gekümmert. Er war immer da für Leute, die ihn brauchten, und hat nie viel Aufhebens darum gemacht“, sagt Polenz. Von 1975 an saßen beide für die CDU im Rat der Stadt Münster, deren hochgeachteter Kämmerer Milbradt bis zur Wende war. Als beschlagener Experte war er stets anerkannt“, sagt Polenz über den Volkswirt Milbradt. Er ist einer der ganz wenigen, die wissenschaftliche Expertise mit Praxis kombinieren können.“
Sture Sachgerechtigkeit
In der Politik habe es das in vergleichbarer Form zuvor nur bei Ludwig Erhard, Karl Schiller und zuletzt bei Paul Kirchhof gegeben, sagt Polenz, der vor 30 Jahren Kirchhofs Assistent am Institut für Steuerrecht in Münster war. Mit Kirchhof teile Milbradt leider auch“ den Unwillen, klare politische Inhalte in geschmeidige Hüllen zu packen. Milbradts Politik sei aber in weiten Teilen erfolgreich gewesen, gerade wegen seiner sturen Sachgerechtigkeit“. Die Sachsen würden bald schon begreifen, was Milbradt für das Land getan hat, sagt Polenz.
Fast wortgleich wird Milbradt auch im Adenauer-Haus gelobt – als großer Finanzfachmann und Ordnungspolitiker. Dennoch scheint die CDU-Führung nicht betrübt über den angekündigten Rücktritt, zu dem Milbradt von niemandem aus der Hauptstadt gedrängt worden sei, wie versichert wird.
Am Donnerstag rief CDU-Generalsekretär Pofalla bei Milbradt an. Es war ein langes Gespräch. Pofalla beschwor den Ministerpräsidenten, die große Koalition nicht aufs Spiel zu setzen. Vorgezogene Wahlen will die CDU-Führung keinesfalls, da sie in Sachsen derzeit herbe Verluste befürchten müsste.
Milbradt sagte nichts von seinem bevorstehenden Rücktritt. Davon erfuhr die CDU-Führung in Berlin erst am Sonntag – und zwar von Kanzleramtsminister Thomas de Maizière, der am Sonntagabend in kleiner Runde bei Milbradt saß. De Maizière gilt als derjenige, der die CDU-Bundesvorsitzende über das Treiben im sächsischen Landesverband auf dem Laufenden hält. Denn zu Milbradt selbst hatte Frau Merkel stets ein distanziertes Verhältnis. Er gehört zu den wenigen Landesvorsitzenden der Union, der die Bundeskanzlerin nicht duzt.
Eine Ablösung Milbradts wurde in der Berliner Führung schon Ende des vergangenen Jahres für möglich gehalten. De Maizière sagte schon damals, dass er selbst nicht als Ministerpräsident nachfolgen, sondern in Berlin bleiben wolle. Der nun als künftiger Ministerpräsident auserkorene Stanislaw Tillich ist zwar als einstiger Landesminister für Bundesangelegenheiten hin und wieder in Berlin gewesen und dort entsprechend bekannt. Wo er aber steht, vermag in der CDU-Führung niemand zu sagen. Netter Kerl“, heißt es über ihn, und vor allem echt aus Sachsen. Das ist wichtig für die Landtagswahl.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa