Hubert Orlowski und Thomas F. Scherer haben ein außergewöhnliches Zeitdokument ediert: Das Tagebuch des Hauptmanns der Reserve August Töpperwien. 1892 in Osterode geboren, zog er 1914 als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg, kehrte als Leutnant zurück, schloss das Studium der Neueren Sprachen und der Theologie mit einer Promotion in Anglistik ab und wurde Lehrer an einem Solinger Gymnasium. Als der Zweite Weltkrieg begann, meldete er sich freiwillig, wurde schließlich im Juli 1940 eingezogen und war bis Kriegsende in verschiedenen Gefangenenlagern in Deutschland, Russland und Polen eingesetzt. Im Juli 1942 versetzte man ihn auf eigenen Wunsch nach Russland. Töpperwien erlebte im Führungsstab von Durchgangslagern und als selbständiger Leiter von Neben- und Auffanglagern den Krieg im rückwärtigen Heeresgebiet am Südabschnitt der Ostfront.
Er war nicht an den Brennpunkten des Kriegsgeschehens eingesetzt und durchlief auch keine bemerkenswerte Karriere. Gerade die Perspektive des scheinbar "Gewöhnlichen" macht sein Tagebuch, das er vom 3. September 1939 bis zu seiner Gefangennahme am 6. Mai 1945 kontinuierlich führte, aber so interessant. Historiker versuchen bereits seit längerem, die Kriegserfahrung "normaler" Soldaten zu erfassen, um unserer Vorstellung von "der" Wehrmacht mehr Tiefenschärfe zu verleihen. Dieses Bemühen scheitert freilich oft am Mangel an zeitgenössischen Ego-Dokumenten. Daher ist es besonders erfreulich, dass diese sorgfältig gearbeitete Edition erschienen ist. Das Tagebuch - ergänzt um einige persönliche Briefe und dienstliche Dokumente - verdeutlicht vor allem sein Schwanken zwischen Gefolgstreue und Zustimmung zum nationalsozialistischen System einerseits sowie Ablehnung und Abscheu andererseits. Immer wieder versuchte er, sein christliches Selbstverständnis mit dem Nationalsozialismus in Einklang zu bringen, wobei es ihm freilich nie gelang, diesen Gegensatz aufzulösen.
Töpperwien wusste schon früh von den deutschen Ausschreitungen im Osten. Am 21. Dezember 1939 - zu diesem Zeitpunkt war er noch Lehrer in Solingen - erzählten Soldaten, dass in Polen die Juden "weithin massakriert werden". Im Verlauf des Krieges wurde ihm die ganze Radikalität der nationalsozialistischen Rassenpolitik bewusst. "Wir vernichten nicht bloß den gegen uns kämpfenden Juden, wir wollen dieses Volk als solches buchstäblich ausrotten", schrieb er am 22. November 1943. Ihm kamen immer wieder Zweifel über das "zynische Machtdenken" und "die furchtbaren Verirrungen des biologischen Zeitalters". Viel ungewisses Grübeln um Hitler beschäftigte ihn im Mai 1940, und es ängstigte ihn, dass dieser "Christus nicht will". Das Wissen um fürchterliche Verbrechen und die Überzeugung, dass der Krieg spätestens im Sommer 1944 endgültig verloren war, führten indes nicht dazu, seine Bindung an Hitler und den nationalsozialistischen Staat zu lösen. "Ich glaube wie bisher, dass er nicht das seelische Ungeheuer ist, zu dem ihn seine Gegner - außerhalb und innerhalb unseres Volkes machen", schrieb er am 17. August 1944. An seiner Treue ließ er keinen Zweifel: "Wir müssen die Reihen um den Führer immer enger schließen", notierte er im Januar 1943. "Je mehr das Schwere heranrückt, desto mehr fühlt man sich an den Führer gebunden", hieß es im August 1944.
Überaus aufschlussreich ist es, wie ein so sehr im Christentum verankerter und humanistisch gebildeter Mann das "Dritte Reich" wahrnahm. Er bezeichnete die Ausrottung der Juden zwar als Frevel, "aber ist das Maß an Frevel bei den Angloamerikanern oder bei den Bolschewiken etwa kleiner?", fragte er. Für ihn war der Nationalsozialismus das fanatische Aufbäumen gegen den vom Liberalismus und Bolschewismus vorangetriebenen geistigen Zerfall. "Der Mensch wurde wieder gestellt unter das über ihm und über ihn waltende Gesetz: Schicksal, Blut, Boden, Volk, Boden, Ehre, Pflicht, Dienst", schrieb er an seine Frau im August 1944.
Töpperwien war eines von vielen Rädchen im großen Getriebe der Wehrmacht. Wie viele andere deutsche Soldaten auch versuchte er durch Erfüllung der ihm zugewiesenen Aufgaben und durch Gesten christlicher Menschenliebe in der Tyrannei Ehre und Selbstachtung zu bewahren. So war er darum bemüht, den russischen Soldaten die Gefangenschaft zu erleichtern, und nutzte dabei geschickt die sich bietenden Spielräume aus. Er schreckte auch nicht vor Konfrontationen mit Vorgesetzten zurück, die ihm "Weichheit" vorwarfen. "Ich will die Leute so gut behandeln, wie die Kriegsgesetze es zulassen", war seine Devise. Im September 1943 ließ er auf dem Rückzug sogar 630 Kriegsgefangene frei. Seine Aufzeichnungen zeigen, wie sehr Zweifeln, Zaudern und Schönreden das menschliche Dasein in der Zeit des Totalen Krieges bestimmen konnten und wie es trotzdem möglich war, bis zum Schluss einwandfrei zu funktionieren.
SÖNKE NEITZEL
Hubert Orlowski/Thomas F. Schneider (Herausgeber): "Erschießen will ich nicht!" Als Offizier und Christ im Totalen Krieg. Das Kriegstagebuch des Dr. August Töpperwien. 3. September 1939 bis 6. Mai 1945. Gaasterland Verlag, Düsseldorf 2006. 392 S., 1 CD, 25,50 [Euro].
Buchtitel: Erschießen will ich nicht! - Als Offizier und Christ im Totalen Krieg - Das Kriegstagebuch des Dr. August Töpperwien - 3. September 1939 bis 6. Mai 1945
Buchautor: Orlowski, Hubert
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2007, Nr. 245 / Seite 9