23. Juni 2009 Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war die Selbstmordrate in den deutschsprachigen Ländern nahezu doppelt so hoch wie in Großbritannien oder Frankreich. Nach der Niederlage von 1918 stieg sie kontinuierlich an und erreichte in der Endphase der Weimarer Republik einen Höhepunkt. 1932 wurden 18 934 Selbstmorde registriert, das entsprach etwa 2,5 Prozent aller Todesfälle in Deutschland. Der Historiker Christian Goeschel beleuchtet diese Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven, indem er die zeitgenössische öffentliche Diskussion durch ausgewählte Einzelschicksale ergänzt. Neben Statistiken, Ermittlungsakten, populärer und wissenschaftlicher Literatur sowie damaliger Presseberichterstattung stützt er sich auf einen großen Bestand von Abschiedsbriefen, den die Berliner Polizei von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts sammelte. Damit kann er die sonst schwer zu analysierende individuelle Ebene mit den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen verknüpfen.
Viele zeitgenössische Beobachter machten die politischen Umbrüche und die verschlechterten sozioökonomischen Bedingungen für die Zunahme der Selbsttötungen verantwortlich. Sie diente als Munition für alle politischen Lager. Konservative sahen darin einen Beweis für den sittlich-moralischen Niedergang. Und sowohl die Nationalsozialisten als auch die Kommunisten führten das Phänomen auf das Versagen des herrschenden Systems zurück, verbunden mit der Prognose, unter ihrer Herrschaft werde es niemand mehr nötig haben, sein Leben selbst zu beenden. Goeschel wagt die weitreichende Folgerung, dass die stete Präsenz des Themas zur Delegitimierung des demokratischen Staates beitrug. Der Nationalsozialismus sprach dem Individuum grundsätzlich das Recht ab, über sein Leben zu entscheiden, da es Teil des "Volkskörpers" war. Sein Leben selbst zu beenden verletze die "Gemeinschaftspflicht". Nach 1933 sank die Selbstmordrate bis 1939 nur langsam, wofür Goeschel vielfältige Gründe findet. Unter der jüdischstämmigen Bevölkerung stieg die Zahl der Selbstmorde im unmittelbaren Zusammenhang mit den direkten antisemitischen Gewaltausbrüchen stark an. Nachdem es für sie nicht mehr möglich war, Deutschland zu verlassen, bewahrten sich viele der verbliebenen, meist älteren Juden durch den Freitod soweit möglich noch Handlungshoheit und Würde und entzogen sich damit der Deportation. Viele im aktiven, organisierten Widerstand aller politischen Lager töteten sich nach der Entdeckung, um keine Mittäter verraten zu müssen.
Die ununterbrochenen Bombardierungen deutscher Städte und der für Deutschland immer ungünstigere Kriegsverlauf zermürbten zahlreiche Menschen und trieben manche in den Selbstmord, die Wohnung, Familie und Hoffnung verloren hatten. Die immer rigorosere Verfolgung auch geringster Vergehen führte zu Angst vor Folter und damit zu Selbstmorden. In den ersten Monaten des Jahres 1945 diagnostiziert der Autor eine "Selbstmordepidemie", hinsichtlich der relativen Steigerung vielleicht zutreffend, angesichts der absoluten Zahlen wohl übergewichtet. Ihre Forderung, bis zum letzten Atemzuge zu kämpfen, setzten viele nationalsozialistische Funktionäre für sich selbst nicht um und entzogen sich ihrer Verantwortung durch Selbstmord. Besonders im Osten Deutschlands war die Furcht vor der Roten Armee so groß, dass vor allem Frauen den Freitod wählten. Allein im April 1945 wurden in Berlin 3881 Selbstmorde gezählt. Erschreckend genug, doch gemessen an den etwa 5,5 Millionen deutschen Kriegsopfern ein Randphänomen. Spätestens nach der Niederlage in Stalingrad trug das Handeln der NS-Führung selbstmörderische Züge, die dabei allerdings Millionen anderer Leben mit sich riss.
KLAUS A. LANKHEIT
Christian Goeschel: Suicide in Nazi Germany. Oxford University Press, Oxford 2009. 247 S., 30,99 [Euro].
Buchtitel: Suicide in Nazi Germany
Buchautor: Goeschel, Christian
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2009, Nr. 142 / Seite 8