09. November 2009 Am 20. März 1933 telegraphierte Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron aus Washington an das Auswärtige Amt. Wenige Wochen nach Hitlers "Machtergreifung" und ersten antijüdischen Ausschreitungen sei in Amerika "eine antideutsche Stimmung im Werden". Zur Eindämmung empfahl der 48 Jahre alte Botschafter "dringendst" die "umgehende Abgabe eindeutiger autoritativer deutscher Erklärung über den Schutz Fremder und Andersgläubiger unter Festnagelung Falschmeldungen und Übertreibungen und Weitergabe derselben durch dortige amerikanische Korrespondenten an hiesige Presse".
Das Telegramm gehört zu den 320 Dokumenten, die sich im Band 1 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" (VEJ) befinden. Das vom Bundesarchiv, vom Institut für Zeitgeschichte und vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau betreute Quellenwerk soll 16 Bände umfassen, die sich - zeitlich und territorial gegliedert - befassen mit dem "Protektorat Böhmen und Mähren", Polen, West- und Nordeuropa, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien, Südost- und Südeuropa, Ungarn sowie dem KZ Auschwitz und den Todesmärschen 1944/45. Das Großprojekt dient laut Herausgeber als Nachschlagewerk und "als Schriftdenkmal für die ermordeten Juden Europas". Band 2 "Deutsches Reich 1938-August 1939" mit 329 Schriftstücken liegt mittlerweile ebenfalls vor.
Der wissenschaftliche Kommentar zur Edition ist knapp gehalten, um möglichst viele Quellentexte zu bringen. Dennoch stellt sich die Frage, warum in der Fußnote zum Telegramm aus Washington über Prittwitz lediglich zu erfahren ist: "am 25.3.1933 in den Ruhestand versetzt". Hätte hier nicht wenigstens ein "auf sein Verlangen" eingefügt werden müssen, zumal Prittwitz nach der Reichstagswahl vom 5. März umgehend sein Amt zur Verfügung stellte und dies Reichsaußenminister Constantin Freiherr von Neurath mitteilte? Der freiwillige Verzicht war damals im höheren Auswärtigen Dienst die absolute Ausnahme. Merkwürdig ist auch, dass im zweiten Band mehrfach von Geschäftsträgern die Rede ist, wo Gesandte gemeint sind, dass über das "Internationale Komitee des Roten Kreuzes" geschrieben wird statt korrekt über das "Internationale Komitee vom Roten Kreuz".
Die Hoffnungen eines Prittwitz, dass etwa der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Bernhard Wilhelm von Bülow, und manche Botschafterkollegen seinem Beispiel folgen würden, erwiesen sich als trügerisch. Bülow blieb, um nach Selbstaussage "Schlimmeres zu verhüten". Er und viele hohe Beamte des Auswärtigen Amts sorgten sich vor allem um die Außenwirkung der nationalsozialistischen Judenpolitik. Das brachte er am 5. Juli 1933 - nach dem Boykott jüdischer Geschäfte und dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April - in einem Brief an Neurath, der eigentlich in diese Edition gehört hätte, zum Ausdruck. Bülow bemerkte zu einem vom Staatssekretär des Reichsministeriums des Innern (RMdI), Hans Pfundtner, angekündigten neuen Staatsangehörigkeitsgesetz: "Das sind wohl alte Programmpunkte der NSDAP. Sie laufen auf die Schaffung von Bürgern I. und II. Klasse hinaus . . . Ferner liegt es auf der Hand, dass die Juden und sonstige Bürger II. Klasse noch einschneidender als durch die bisherige Gesetzgebung vom Berufsleben ausgeschlossen werden sollen. Das Ausland ist aber hinsichtlich solcher Möglichkeiten längst vorgewarnt und wird mit einem Sturm der Entrüstung antworten . . . Wir sollten m. E. sehen, dass wir spätestens bis zum Herbst die Judenfrage praktisch abwickeln und keine neuen Gesetze erlassen, die offenkundig auf Judenverfolgungen abzielen. Das RMdI sollte endlich lernen, seine Maßnahmen gegen die Juden usw. in die unkontrollierbaren Regionen der Verwaltung zu verlegen, statt Gesetze zu erlassen, deren innerpolitischer Propagandawert durch den außenpolitischen Schaden mehr als aufgewogen wird."
So der vornehme, hier unverblümt argumentierende Pragmatiker alter Schule aus der Wilhelmstraße. Was den Gesetzes- und Verordnungswahn der Nationalsozialisten betraf, so konnte Bülow diesen nicht stoppen. Bereits am 6. April 1933 lag der Entwurf für ein Gesetz "zur Regelung der Stellung der Juden" vor. Darin war ein "Volkswart" vorgesehen, dem die Anerkennung von Juden als "vollberechtigte deutsche Staatsbürger" obliegen sollte (höchstens 8000 in zwei Jahren). Jeder andere Jude sollte "seinem Familiennamen den Buchstaben ,J'" anfügen. "Unterlassung ist als Personenstandsverschleierung strafbar. Schriftsteller haben auf allen Veröffentlichungen ihre eigenen Namen oder Schriftstellernamen zu setzen mit der Hinzufügung des Davidsterns." Rudolf Heß lehnte dies alles ab.
Am 3. April 1935 teilte das Reichsinnenministerium der "Adjutantur der Wehrmacht beim Führer und Reichskanzler" die geschätzten Zahlen der Juden im Deutschen Reich mit: "Volljuden mosaischen Glaubens: 475 000; Volljuden nicht mosaischen Glaubens: 300 000; Mischlinge 1. und 2. Grades: 750 000", insgesamt also "1 525 000", davon 327 825 "Juden und Mischlinge" im wehrfähigen Alter zwischen 18 und 45 Jahren. Am 21. Mai bestimmte das Wehrpflicht- und Wehrdienst-Gesetz "die arische Abstammung" als Voraussetzung für Wehrdienst und Offizierslaufbahn und verbot Wehrmachtsangehörigen die Ehe mit Frauen "nichtarischer Abstammung".
Am 20. August 1935 fand eine Ministerbesprechung über weitere Schritte in der antijüdischen Politik statt. Reichsinnenminister Wilhelm Frick erklärte, im Sinne des Parteiprogramms der NSDAP sei klar, dass "der jüdische Fremdkörper restlos aus dem deutschen Volk ausgeschieden werde", und zwar "langsam, aber sicher auf völlig legalem Wege". Einzelaktionen von Mitgliedern der NSDAP und ihrer Gliederungen müssten aber unter allen Umständen unterbleiben, weil die "große Gefahr" bestünde, "dass dunkle Elemente die Oberhand gewännen". Daher habe er einen Erlass an die Länderregierungen und an die Geheime Staatspolizei vorbereitet, wonach "jede Einzelhandlung gegen Juden zu unterbleiben habe und wonach derjenige, der an solchen Handlungen teilnehme oder zu ihr auffordere, als Provokateur und Rebell betrachtet werde". Chefdiplomat Bülow riet dem Reichsjustizminister, dies nicht in der Presse bekanntzugeben: "Denn dieser Erlass würde von dem Weltjudentum als ein Erfolg gewertet werden."
Am 15. September 1935 wurden das Reichsbürgergesetz, durch das deutsche Juden Staatsbürger zweiter Klasse wurden, sowie das "Blutschutzgesetz", das Ehen und außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden verbot, in Nürnberg verkündet. Seit November wurden dazu die Verordnungen erlassen. Alsbald bereiteten Staatssekretär Wilhelm Stuckart und Oberregierungsrat Hans Globke, Referent für Staatsangehörigkeitsfragen im RMdI (der spätere Chef des Bundeskanzleramtes in der Adenauerzeit), den "Kommentar zu den deutschen Rassengesetzen" vor, den der Verlag C.H. Beck am 5. März 1936 dem Hauptamt für Erzieher bei der Reichswaltung des NS-Lehrerbundes mit einem "Heil Hitler!" anpries: Der Kommentar werde "als authentische Auslegung der neuen Rassengesetze den Parteistellen wertvolle Dienste leisten".
Der zweite Quellenband widmet sich ausführlich den Folgen des "Anschlusses" vom März 1938. Anfang 1938 lebten etwa 200 000 Juden in Österreich, 165 000 von ihnen in Wien. Was in Deutschland in fünf Jahren an Unterdrückungsmaßnahmen durchgesetzt worden war, wurde den österreichischen Juden in wenigen Tagen aufgezwungen. Besonders gefürchtet waren in Wien "Reibpartien", bei denen Juden genötigt wurden, Bürgersteige mit Hand- oder Zahnbürsten zu schrubben; anschließend gossen ihnen SA-Leute das Putzwasser über den Kopf.
Am 17. August kam die Verordnung heraus, dass deutsche Juden ab 1. Januar 1939 einen weiteren Vornamen anzunehmen hätten, "und zwar männliche Personen den Vornamen Israel, weibliche den Vornamen Sara". Die 18 Jahre alte Gymnasiastin Ruth Maier vertraute in Wien am 9. Oktober 1938 ihrem Tagebuch an: "Es gab nie ein Ereignis in der Geschichte von solchem Elend und Unglück, Erniedrigung, Scham und Bestialität. Dass wir es ertragen, wundert mich. Dass wir trotz alledem nicht den Gashahn aufdrehen, in die Donau springen." Vier Wochen später, am 7. November - dem Tag des Attentats von Hershel Grynszpan auf Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris -, schrieb sie über den 17 Jahre alten Attentäter: "Er ist polnischer Jude. Mein Gott! . . . Niemand, kein Jude geht außer Haus. Wir haben alle Angst, sie werden uns erschlagen, weil ein polnischer Jude einen Deutschen töten wollte."
Die Nachricht vom Tode Raths nahm die NS-Führung am 9. November zum Anlass für die heimlich von oben angeordneten, angeblich spontanen Exzessen. Allein in der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden mindestens 91 Juden getötet, 36 schwer verletzt und mehrere jüdische Frauen vergewaltigt. 1000 Synagogen wurden von Nationalsozialisten in Brand gesteckt, demoliert oder gesprengt, über 7000 jüdische Geschäfte geplündert. Am 14. November legte der Sicherheitsdienst der SS auf Anordnung von SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich fünf Entwürfe von Abzeichen zur Kennzeichnung vor, auf denen entweder das Wort "Jude" oder der Buchstabe "J" aufgetragen war. Die Entscheidung darüber wurde vertagt; erst vom 19. September 1941 an mussten alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr in der Öffentlichkeit einen gelben Stern tragen.
Wie Wolf Gruner in der vorzüglichen Einleitung zu Band 1 erwähnt, kehrten 1933 bereits 37 000 deutsche Juden ihrer Heimat den Rücken: "Bis Ende 1937 hatten mehr als 125 000 Juden Deutschland verlassen; von insgesamt 116 000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 20 Jahren waren 67 000 ausgewandert." Dies habe die Auflösung vieler kleinerer jüdischer Gemeinden zur Folge gehabt. Zehntausende jüdische Deutsche wählten einen "zweiten Weg" und flüchteten vom Land in die Großstädte, weil sie dort unter geringerem Anpassungsdruck standen: "Von Auschwitz aus betrachtet, eröffnet sich eine tragische Einsicht: Je antisemitischer sich die ,arischen' Nachbarn, Kunden und Arbeitskollegen zu Anfang der NS-Herrschaft verhielten, desto schneller entschlossen sich die Bedrängten zur Flucht und retteten so ihr Leben. Zeigten sich die alten christlichen Bekannten und Freunde freundlich und hilfsbereit, entschieden sich die Verfolgten eher zum Bleiben. Das minderte ihre Überlebenschance."
Susanne Heim hebt in der ausgezeichneten Einleitung zu Band 2 hervor, dass Ende 1937 noch etwa 400 000 Juden in Deutschland lebten, 140 000 davon allein in Berlin. Berufsverbote und Boykotte hätten deren Sozialstruktur stark verändert. Die seit 1933 vorangetriebene wirtschaftliche Entrechtung der Juden habe drei Zwecke erfüllt: "Erstens erlaubte sie die sofortige oder künftige Enteignung zugunsten des deutschen Staates, zweitens beschränkte sie im Interesse ,arischer' Mittelständler und Kleingewerbetreibender deren jüdische Konkurrenz; drittens sollte Isolation, Erniedrigung und Ausgrenzung den Juden in Deutschland das Leben unerträglich machen und sie in die Emigration treiben."
Letzteres zeigte sich besonders während und nach dem Novemberpogrom, als es zur panischen Flucht kam, insbesondere nach vielen vorübergehenden Festnahmen. Im Ausland führten die Nachrichten über die Gewaltexzesse zum Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten jüdischer Flüchtlinge. Die inhaltlich teils abstoßenden, teils ergreifenden Dokumente vergegenwärtigen eindringlich die bürokratische Regulierungsbesessenheit der NS-Führung und der Beamten - ob es nun Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur oder einfach nur das Vereinsleben der Wellensittichliebhaber betraf -, die leicht zu entfesselnde Brutalität der manchmal alkoholisierten Schlägerhorden und das Leid und die Verzweiflung der entrechteten und geknechteten Opfer.
RAINER BLASIUS
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 1: Deutsches Reich 1933-1937. Bearbeitet von Wolf Gruner. Band 2: Deutsches Reich 1938-August 1939. Bearbeitet von Susanne Heim. R. Oldenbourg Verlag, München 2008 und 2009. 811 und 864 S., je 59,80 [Euro].
Buchtitel: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 - Band 1 - Deutsches Reich 1933-1937
Buchautor: Gruner, Wolf
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2009, Nr. 260 / Seite 10