07. März 2006 Auch die meisten Muslime wollen frei sein, doch fast überall liegen sie in Fesseln. Der radikale Islam hat wohl noch nicht die Mehrheit, ist aber auf dem Vormarsch; und gegen ihn geht oft gar nichts mehr in der islamischen Welt zwischen Rabat und Jakarta. Mehr noch als mit dem Westen setzen sich die Muslime mit sich selbst auseinander, findet der vielberedete "Zusammenprall der Kulturen" im Islam selbst statt - zwischen den Islamisten, den "Reformern" und jenen real existierenden Regimen in der Region, die Freiheit verweigern und wissen, daß sie von manchen dennoch als das geringere Übel angesehen werden, weil sie wenigstens die gewohnte Ordnung garantieren und mit dem Westen zusammenarbeiten.
Daß es im Islam Reformdenker gibt, ist viel zuwenig bekannt. Katajun Amirpur und Ludwig Amman sind Herausgeber und Mitautoren eines Herder-Bandes, der - neben bekannten Namen wie Abdolkarim Sorusch (Iran) und Nasr Hamid Abu Zaid (Ägypten) - dem westlichen Leser auch weniger bekannte Reformdenker vorstellt. In fünf Teilen beschäftigt sich das Buch mit dem "europäischen Islam", mit Entwürfen einer religiösen Demokratie, mit den Reformmöglichkeiten der Scharia, mit einem künftigen, erneuerten Verständnis des Korans sowie mit Frauen- und Menschenrechtsfragen. Nicht Originaltexte werden vorgestellt, sondern kurze Zusammenfassungen der Gedanken und Entwürfe durch muslimische und nichtmuslimische Autoren geboten, die sich mit jedem einzelnen Denker ausführlicher befaßt haben. Zu jedem Kapitel gibt es eine Bibliographie.
Wieviel aus diesen Entwürfen zu einer Veränderung des Islam "durch sich selbst" eines Tages werden wird, ist ungewiß; doch sollte man diese Bemühungen von zur Veränderung bereiten Muslimen wenigstens zur Kenntnis nehmen.
In groben Umrissen kann zwischen zwei "Schulen" unterschieden werden. Die eine, repräsentiert am besten durch den in der Schweiz aufgewachsenen, jetzt in England lehrenden und nicht unumstrittenen Tariq Ramadan, bleibt dem islamischen Konservatismus verhaftet. Zu dieser Schule gehört in dem Buch auch Yusuf al Qaradawi, der in Qatar ansässige ägyptische Prediger, der einen Stammplatz bei dem Sender al Dschazira hat und bei dem große Zweifel angebracht sind, ob er überhaupt als "Reformer" und nicht als Islamist bezeichnet werden muß. Doch bei anderen, etwa dem türkischen Prediger Fethullah Gülen, dem Syrer Muhammad Schahrur, dem in Deutschland lebenden Türken Bekir Alboga, der vor allem an die "Solidarität aller Monotheisten" appelliert, kann auch konservativ-traditionalistische Gesinnung zum Eingehen auf manche Herausforderungen der Moderne führen.
"Westlichem" Empfinden näher stehen jedoch Leute wie der türkische Philosoph Mehmet Paçaci oder Sorusch, sein iranischer Landsmann Mohammad Shabestari, Nurcholish Madjid aus Indonesien, der sich ausdrücklich gegen einen islamischen Staat wendet, aber die islamische Frömmigkeit vertiefen will, sowie Soheib Bensheikh, der sich vor allem in Frankreich als brillanter Reformdenker vorgestellt hat, und natürlich Abu Zaid, dessen Verfolgung durch die Justizbehörden Ägyptens, seiner Heimat, ihn auch in Europa bekannter machte, als es seine Schriften vermochten. Ihre hermeneutischen, historisierenden oder gar existentialistischen Ansätze zu einer neuen Koran- und Traditionsauslegung oszillieren zwischen Rück- und Neubesinnung hin und her. In Südafrika widmet sich Farid Esack einer "Theologie der Befreiung", die sich offenkundig, und zwar nicht nur in der Begrifflichkeit, an der gleichnamigen christlichen Bewegung in Lateinamerika orientiert. "Freiheit" ist ein Begriff, der im klassischen Islam weit hinter der "Gerechtigkeit" rangiert. Es gilt ihn, im Sinne der Moderne, erst noch zu entdecken.
Am interessantesten ist der letzte Teil über engagierte Frauen, die gegen den patriarchalischen Geist der islamischen Kultur wie des Orients insgesamt zu Feld ziehen. Dies gilt - mit Unterschieden in der Betonung der Tradition - für die Ägypterinnen Gamal al Banna und Gihan al Halafawi (die immerhin den Muslimbrüdern angehört, was die Sache recht problematsich macht), die Marokkanerin Nadja Yassine, insbesondere jedoch für die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi aus Iran. Sie versucht ebenfalls, die Mullahs mit deren eigenen Waffen zu schlagen, und ist wohl die fortschrittlichste der hier vorgestellten Frauenrechtlerinnen.
Katajun Amirpur/Ludwig Amman (Hrsg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion, Herder Verlag Freiburg 2006, 219 Seiten, 9,90 Euro.
Buchtitel: Der Islam am Wendepunkt - Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion
Buchautor: Amirpur, Katajun
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 10