Der Grad der Anpassung

Joachim Gauck blickt zurück auf die DDR und lässt die 1989 gewonnene Freiheit leuchten

15. Oktober 2009 Aus der Vielzahl der Neuerscheinungen zur friedlichen Revolution ragen Joachim Gaucks glänzend formulierte und das Vergessen des SED-Unrechts beklagende Erinnerungen heraus. Der 1940 geborene Rostocker war Pastor in Lüssow/Kreis Güstrow, später in Rostock-Evershagen. In den achtziger Jahren kümmerte er sich zudem federführend um Kirchentage in Mecklenburg. Nach der Wiedervereinigung war er bis 2000 erster Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Gauck schildert Kindheit und Jugend in Mecklenburg, mit dem "Abholen" seines Vaters 1951 als prägendem Erlebnis. Den verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal zu "zweimal 25 Jahren" - wegen Spionage für einen Brief mit einer Einladung nach West-Berlin plus 50 Mark Reisegeld sowie wegen angeblicher antisowjetischer Hetze, weil sich bei dem Arbeitsschutzinspektor für Schifffahrt und früheren Kapitän eine nautische Fachzeitschrift aus dem Westen fand. Nach Stalins Tod hörte die Familie erstmals 1953 davon, dass der Vater noch lebe - in einem sibirischen Lager. 1955 durfte er zurückkehren.

So wuchs Gauck als "Opponent gegen kommunistisches Unrecht" und durch Reisen zu Freunden und Verwandten als Bewunderer des Westens auf - bis die SED-Clique "ein ganzes Staatsvolk kurzerhand zu Leibeigenen erklärte". Der 13. August 1961 bestimmte die Mentalität in der DDR nachhaltig, weil der objektiven Machtlosigkeit die subjektive Ohnmacht folgte und die Menschen "allmählich die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln" verloren. Gauck berichtet von Schikanen, die jene erleiden mussten, die sich mit dem Regime nicht arrangieren, ja ihm den Rücken kehren wollten: "Bis 1989 wurden etwa 250 000 Menschen aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Unter ihnen drei meiner vier Kinder." Und zum Alltag als Pfarrer stellt er fest, dass "die Kirche in der DDR eine Vertreterin der politisch Unterprivilegierten" war. Sie besaß kein Gegenprogramm, machte aber "die Menschen freier und für das System nicht oder weniger verführbar" . Ein Dutzend IMs hatten Gauck im Visier.

Die Demonstrationen in Mecklenburg setzten 1989 mit einer gewissen Verzögerung ein - ab 19. Oktober und von Gaucks Rostocker Marienkirche aus. Der "Revolutionspastor" engagierte sich im Neuen Forum, wo manche für einen neuen Sozialismus und die Eigenständigkeit der DDR plädierten. Gauck war jedoch dagegen, den von der Bevölkerung zum Ausdruck gebrachten "Einheitswillen zu diskreditieren oder zu zensieren. Im Neuen Forum sollten wir dies unterlassen. Wir sind nicht in erster Linie Lehrer des Volkes, sondern Teil des Volkes", notierte er damals. Nach seiner Wahl (Bündnis 90) in die Volkskammer im März 1990 übernahm er die Leitung des Sonderausschusses, der sich mit der Auflösung und den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) befasste. Außerdem gehörte er zu den Initiatoren des Stasiunterlagengesetzes vom 24. Juni 1990: "Zum ersten Mal in der Politikgeschichte gab es eine Umwidmung des gesamten Archivgutes einer Geheimpolizei, die dem Einzelnen und der Öffentlichkeit das Recht eines umfassenden geregelten Zugangs einräumte."

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Die Volkskammer wählte Gauck am 28. September zum Sonderbeauftragten für die Akten und Dateien des MfS. Am 2. Oktober händigte ihm ein Beamter des Bundesinnenministeriums vor dem Festakt zur Einheit im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt die Urkunde aus, die ihn in dieser Funktion bestätigte: "Um Mitternacht, als das neue Deutschland geboren wurde, begann meine Tätigkeit als Leiter einer Behörde, die zunächst nur auf dem Papier existierte." Gauck holte sich als Direktor und Chefbeamten den bayerischen Juristen und Datenschützer Hansjörg Geiger, der sich große Verdienste beim Behördenaufbau und bei der Vorbereitung des Stasiunterlagengesetzes von Ende 1991 erwarb.

Gauck veranschaulicht den Umfang der Stasi-Hinterlassenschaft: 204 Kilometer Akten, darunter sechs Millionen Personendossiers (vier Millionen über DDR-, zwei Millionen über Bundes-Bürger), Fotos, Filme, Tonbänder und "die perversen Geruchsproben, gelbe Tücher, die - hatten sie einmal den speziellen Geruch einer Person an seinen Geschlechtsteilen aufgenommen - in Einweckgläsern konserviert worden waren". Beim DDR-Zusammenbruch gab es 90 000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 174 000 aktive Inoffizielle. "Insgesamt erfüllt es mich mit tiefer Genugtuung, dass wir ein Spezialgesetz geschaffen haben, das zur Delegitimierung der vergangenen Diktatur beigetragen hat."

Zum Schluss singt Gauck ein Hohelied auf die Freiheit und die Grundrechte. Er erinnere sich gut daran, wie in der DDR eine ganze Gesellschaft ins Glied und unter einen einheitlichen Willen gezwungen werden sollte. "Zu wählen war nur zwischen dem Grad der Anpassung", schreibt er. Wer aufsteigen wollte, passte sich an - und wenn es sich nur um eine "unüberzeugte Minimalloyalität" handelte. Der Untergang der DDR habe die einen dazu befähigt, Firmen zu gründen oder unbekannte Kontinente zu erforschen ("eine der Befreiten wird Regierungschefin"), andere fühlten sich überfordert, weil sie in der "lange eingeübten Ohnmacht" gefangen blieben. Man schaue in Deutschland allgemein zu sehr auf "Kleinmütige und Zweifler". Für ihn stehe nach wie vor die 1989 gewonnene Freiheit im Mittelpunkt: "Sie wird mir immer leuchten."

RAINER BLASIUS

Joachim Gauck: Winter im Sommer - Frühling im Herbst. Erinnerungen. In Zusammenarbeit mit Helga Hirsch. Siedler Verlag, München 2009. 348 S., 22,95 [Euro].

Buchtitel: Winter im Sommer - Frühling im Herbst
Buchautor: Gauck, Joachim

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 12

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