12. März 2005 Es passiert nicht oft, daß es ein Buch gleich am Erscheinungstag in die ARD-Tagesthemen schafft. Noch dazu, wenn es sich um ein fußnotenschweres Sachbuch handelt, in dem in der Hauptsache schrecklich viele Zahlen stehen. Es muß damit zu tun haben, daß hinter diesen Zahlen noch etwas viel Schrecklicheres steht: der Holocaust. Und etwas sehr Heikles: die Frage, was der deutsche Sozialstaat damit zu tun hat.
Der Historiker Götz Aly hat ein Buch geschrieben, das die Vernichtung der europäischen Juden als Massenraubmord interpretiert und das auf die Feststellung hinausläuft: Wer von den Vorteilen für Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen. Bei Horkheimer hieß es noch, daß von diesen Dingen schweigen müsse, wer über den Kapitalismus nicht reden mag.
Aly erklärt jetzt 95 Prozent der Deutschen zu Nutznießern und Nutznießerchen einer Gefälligkeitsdiktatur von Stimmungspolitikern, die sich den öffentlichen Zuspruch oder wenigstens die Gleichgültigkeit jeden Tag neu erkauften. Und zwar mit dem Geld und dem Blut der anderen. Eine Möglichkeit, das schlechte historische Gewissen an irgendwelche übergeordneten Stellen oder Personengruppen abzuleiten, besteht ausdrücklich nicht.
Buch nicht nur für Zeithistoriker interessant
Schon diese kollektive Schuldzuweisung macht verständlich, daß das Interesse an diesem Buch weit über die Fachkreise der Zeithistoriker hinausgeht, in denen bereits öffentlich diskutiert wird, ob Aly seine Analyse nicht ein bißchen sehr auf pragmatisch-fiskalische Handlungsmotive zugespitzt und die irrationalen Kräfte von Rassenhaß und Führerkult nicht ein bißchen sehr vernachlässigt habe. Am nachdrücklichsten hat diese Kritik Hans-Ulrich Wehler formuliert. Solche Positionen werden von Aly aber gleich in der Vorrede ein bißchen apodiktisch beiseite getan: Die Deutschen, heißt es da, waren in den Jahrzehnten vor der Regierung Hitler nicht ressentimentgeladener als die übrigen Europäer, ihr Nationalismus nicht rassistischer als der anderer Nationen. Es gab keinen deutschen Sonderweg, der sich in eine plausible Beziehung zu Auschwitz stellen ließe.
Es macht allerdings einen gewissen Unterschied, ob man einen Ermordeten beraubt oder ob man jemanden nur deshalb ermordet, weil man ihn beraubt hat; und die Diskussion um die Frage, ob die Habgier wirklich das drängendere Motiv war als der Rassenhaß und ob das nicht am Ende eine Verharmlosung darstellt, die dürfte mit Alys Buch weniger entschieden als neu entbrannt sein.
Wenn Hitlers Volksstaat trotzdem bei einem breiten Publikum zu dem großen Sachbuch-Bestseller wird, der es jetzt schon zu werden verspricht, dann könnte das auch daran liegen, daß das Buch ein ziemlich perfektes Missing link zwischen den beiden großen Themen ist, die die Deutschen im Moment obsessiv in die Kinos und an die Büchertische treibt: die Geschichte des Nationalsozialismus und die Zukunft des Sozialstaats.
Auch in Ziffern ausgedrückt verliert der rassistische Wahnsinn nicht an Schrecken
Das eine wird bevorzugt anhand großer Namen - meistens Hitler, neuerdings auch Sophie Scholl - behandelt; das andere eher anonym. Die politische Vergangenheit, das sind sepiastichig personalisierte Dramen; wenn es dagegen um die Dramen der Gegenwart geht, ist trocken von Kappungsgrenzen und Ehegattensplitting die Rede.
Aly setzt das beides auf beklemmende Weise auch in Beziehung zueinander. Er erklärt den Nationalsozialismus gewissermaßen im Tonfall von Hans Eichel: haushaltspolitisch. Das hätte auch sehr trocken werden können - und das Buch nur etwas für Spezialisten. Tatsächlich rückt einem aber der NS-Horror, den man sich ansonsten ja am liebsten weit weg mythisiert, überraschend stark zu Leibe, wenn er zur Abwechslung mal kein Gesicht, sondern Ziffern bekommt, wenn man das Grauen sozusagen nachrechnen kann.
Wenn neben Hitler, Göring und Goebbels Männer wie Lutz Graf Schwerin von Krosigk treten, der Reichsfinanzminister, und sein Staatssekretär Fritz Reinhardt - Fachleute, die mit ihren bürokratischen Feinarbeiten erst dafür sorgten, daß die expressionistisch-massenwirksamen, nicht selten improvisierten Aktionen der nationalsozialistischen Bewegung auch umgesetzt werden konnten. So rational wie Aly ihn beschreibt, verliert der Massenmord nicht unbedingt an Schrecken; wenn einem der rassistische Wahnsinn plötzlich als kühl kalkuliertes Mittel der Steuerpolitik und als Inflationsdämpfer auseinandergesetzt wird, dann ist eher das Gegenteil der Fall.
Selbst systemferne Deutsche wurden vom Krieg korrumpiert
Von dieser Konzentration auf die wirtschaftspolitischen Grundlagen von Naziherrschaft, Krieg und Judenvernichtung profitiert, perfiderweise wie im Buch, vor allem der lesende Normalverbraucher - der bei Aly übrigens auch erfährt, daß dieser Begriff aus der Zeit der Lebensmittelrationierung stammt, bei der sehr darauf geachtet wurde, daß sie als moderat und sozial gerecht wahrgenommen wird, während in den besetzten Ländern der massenhafte Hungertod schon mit spitzem Stift in den Haushaltsplan hineingerechnet war. Wem es nämlich heute außerhalb der Vorstellungskraft liegt, weshalb seine Vorfahren Hitler erliegen konnten, weil er da, wo von Charisma die Rede ist, nur hysterisches Gebrüll erkennen kann: der wird zumindest nachvollziehen können, wie es einer ausgebombten Hamburger Hausfrau ging, die in unbürokratischer Soforthilfe von dem Regime neue Kleidung und neue Möbel bekam - und lieber nicht so genau wissen wollte, woher die eigentlich stammten. Aly belegt, daß nach schweren Luftangriffen gezielt Juden deportiert wurden, um die Bombengeschädigten mit deren Besitz versorgen zu können.
Wenn Heinrich Böll in Feldpostbriefen seine Familie fragt, was er Schönes zu Weihnachten aus Frankreich mitbringen solle, dann ist das sehr nachvollziehbar: ein Soldat versucht, den Widrigkeiten des Krieges noch etwas Angenehmes abzugewinnen. Götz Aly verwendet Böll als Beleg dafür, wie selbst systemferne Deutsche korrumpiert wurden von einem Krieg, den er strukturell als gigantische Butterfahrt für die Soldaten beschreibt, die grundsätzlich aus den Haushalten der besetzten Länder zu ernähren waren und diese mit ihren Hamsterkäufen auch gern ruinieren durften, solange ihre üppigen Pakete in die Heimat dort den Kaufkraftüberhang und den Druck auf die Reichsmark minderten. Es ist nicht immer ganz einfach, den Überblick zu behalten, wenn Aly quer über die Schlachtfelder Europas rast auf der Spur von Geldern, die zum Beispiel der Ukraine abgepreßt und dann von deutschen Soldaten in französischen Bordellen ausgegeben wurden.
Der Staat war der größte Nutznießer der Zwangsarbeit
Streckenweise liest sich das wie ein Krimi - mit einem Ermittler, der, weil er manchmal ein bißchen eitel ist, auch gern davon erzählt, wie er auf verständnislose Fachkollegen trifft und auf Archivare, die den Zugang zu ihren Akten verweigern. Denn natürlich könnten die Dinge, die Aly behandelt, immer auch an heikle Restitutionsfragen rühren, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen damals von den Deutschen besetzten Ländern.
Zur Frage der Zwangsarbeit, die zuletzt im Zusammenhang mit dem Namen Flick viel diskutiert wurde, erklärt Aly, daß die Nutznießer weniger die Unternehmen gewesen seien, die nämlich nach Tarif zahlten, als vielmehr der Staat, der den kompletten Lohn räuberisch abschöpfte - also die Allgemeinheit, der kleine Mann, der dadurch wieder einmal von Steuererhöhungen verschont blieb. Und die Frage nach den Verbrechen der Wehrmacht, die für so viele Debatten und Demonstrationen gesorgt hat, die stellt sich hier gar nicht erst: Aly zufolge geschahen die Verbrechen im ureigenen Interesse der Wehrmacht. Daß die 1673 Juden von Rhodos zum Beispiel noch im Angesicht der herannahenden Front, wenige Wochen vor dem Rückzug der Deutschen aus Griechenland, nach Auschwitz geschickt wurden, das galt in der einschlägigen Literatur bisher immer als Beleg für einen blindwütigen Rassenwahn, der sich selbstzerstörerisch noch über das eigene nackte Sicherheits- und Rückzugsinteresse deutscher Soldaten erhoben habe.
Aly führt den Nationalsozialismus als nationalen Sozialismus vor
In Alys Darstellung waren es die Wehrmachtsoffiziere auf der fast schon isolierten, von Inflation und Hungersnot geplagten Insel, die auf die Verhaftung der Juden drängten, um mit deren Wertgegenständen, auch den Goldzähnen, die Ernährung der Truppe sicherzustellen. Ihr Schmuck, ihre Uhren, ihr Gold und ihre Wertpapiere, ihre Kleidung, ihr Hausrat, ihre Werkstatt- und Ladeneinrichtungen gelangten auf dem Wege des Tausches weitgehend in die Hände der einheimischen Bevölkerung von Rhodos - die eingetauschten Gegenwerte in die Mägen der Soldaten. Bei Aly ist auch in weniger hoffnungslosen Situationen der Besitz der Juden das Motiv für ihre Ermordung. Der Massenraubmord, so Aly, hatte die Löcher zu füllen, die Hitlers Wohlfahrts-, Rüstungs- und Kriegspolitik fortwährend in den Haushalt riß. Und zwar zu dem einzigen Zweck, die deutschen Volksgenossen nicht dafür aufkommen zu lassen, sie zu schonen und bei Laune zu halten.
Genau diese Grundthese von der kompletten Entlastung der deutschen Durchschnittssteuerzahler auf Kosten der anderen beruhe aber auf einem Rechenfehler, hat der in Cambridge lehrende Wirtschaftshistoriker J. Adam Tooze jetzt eingewendet, und sei deshalb so nicht zu halten. Dennoch dürften beim deutschen Publikum am Ende genau das die brisantesten Stellen des ganzen Buches sein: die, in denen Aly den Nationalsozialismus als nationalen Sozialismus vorführt; zwar vernichtend nach außen, aber von großer sozialer Fürsorglichkeit nach innen. Die Härten, die man nicht zumuten könne, und die Grenzen der Belastbarkeit, die allmählich erreicht seien - alle diese Argumentationsbausteine jeder politischen Fernsehdiskussion verlieren deutlich an Unschuld nach der Lektüre von Hitlers Volksstaat.
Volker Ullrich hat bereits davor gewarnt, die Demontage des Sozialstaats, wie wir sie gegenwärtig erleben, mit dem Hinweis auf das sozialpolitische Appeasement der Nazis rechtfertigen zu wollen. Noch spannender und beunruhigender als dieses Buch ist deshalb jetzt eigentlich nur die Frage, wie damit nun umgegangen wird. Wie verantwortlich oder auch nicht. Anders gesagt: Wann und von wem es zuerst in die aktuellen Reformdebatten geworfen wird.
Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main. 464 Seiten, 22,90 Euro.