Doppelter Führerschein

Wenn Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte

05. Dezember 2005 Daß kontrafaktische Geschichte und Geschichten der vermeintlich "realen" Geschichte einen Spiegel vorhalten, ist nicht neu. In den Diskursen über "Moderne" und "Postmoderne" spielen seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts kontrafaktische Geschichtserzählungen eine ständig größer werdende Rolle. Viele Thesen, die in der "seriösen" Geschichtswissenschaft aufgestellt worden sind, finden sich lange davor in alternativhistorischen Romanen und Erzählungen, wie auch die kontrafaktische Geschichte nicht ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist, sondern sich über ihre Ahnherrin, die klassische utopische Literatur, bis in die Antike zurückverfolgen läßt - man denke an Lukian von Samosata, Otto von Freising, Campanella, Thomas Morus. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie dann durch Literaten wie H. G. Wells, Jules Verne, Jerzy Zulawski, Bernard Kellermann und Jewgeni Samjatin in jenes literarische Genre eingefügt, das seit den zwanziger Jahren als "Science-fiction" bezeichnet wird.

Erst nach und nach haben sich einige professionelle Historiker mit diesen Produkten, vor allem aber auch den erkenntnistheoretischen Methoden und Problemen befaßt, die in der kontrafaktischen Geschichte stecken, nicht ohne auf Skepsis und Ablehnung beim historischen "Establishment" zu stoßen. Wer sich mit Alternativgeschichte abgibt, riskiert die wohlmeinende Kollegenfrage: "Wann schreiben Sie wieder ein richtiges Buch?"

Gavriel Rosenfeld hat ein sehr richtiges und ein sehr gutes Buch geschrieben und zum ersten Mal in umfassender Weise einen der spannendsten Komplexe der Alternativgeschichte untersucht: wie man sich eine Welt vorstellen müßte, hätte Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Galt diese Annahme unter seriösen Historikern lange als bloß hypothetisch, um nicht zu sagen absurd, so haben Historiker wie Richard Overy inzwischen überzeugend nachgewiesen, daß sie das keineswegs ist. Es war nicht a priori ausgeschlossen, daß Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte, wenn er beispielsweise die Atomforschung so vorangetrieben hätte, wie es die Amerikaner tun sollten; wenn er es verstanden hätte, die riesigen Ressourcen der von ihm besetzten Länder und Territorien effektiv zu nutzen, wenn die Ideologie des Nationalsozialismus wirklich modern und nicht atavistisch gewesen wäre et cetra.

Deswegen wirken gerade die vor Kriegsende 1945 erschienenen Zukunftsgeschichten, in denen der Sieg der Nazis über England und Amerika angenommen wird, unglaublich faszinierend. Sie bilden doch ganz authentisch die Ängste und Hoffnungen einer Gesellschaft ab, die eben nicht wissen konnte, wie der Krieg ausgehen würde. "Peace for Our Time" - ein bitteres Zitat als Titel - von Noel Coward ist dafür ebenso typisch wie Allhoffs "Lighting in the Light", aus dem Jahr 1940, in dem die Nazis Amerika erobern. Vielleicht sollte man hinzufügen, daß sich Präsident Roosevelt diesen Roman "bestellt" hatte - er verfehlte seine Wirkung ebensowenig wie einst die Adaption des Wellsschen Romans aus dem Jahr 1898 "The War of the Worlds" durch Orson Welles im Amerika des Jahres 1938.

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The World Hitler Never Made
von Rosenfeld, Gavriel D.
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Nachdem "die Guten" den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatten, schwelgten die Alternativromanciers in der Beschreibung der "Bösen", denn um so heller glänzte vor allem in Großbritannien "the finest hour". Dieser Phase der Schwarz-Weiß-Malerei folgte seit Beginn der sechziger Jahre eine sehr viel differenziertere Deutung; nun wurde darüber nachgedacht, ob nicht auch die "Guten" für das "Böse" anfällig gewesen wären. Manche Autoren, so Philip K. Dick ("The Man in the High Castle") und Thomas Dish ("Concentration Camp") in den Vereinigten Staaten, Otto Basil in Deutschland ("Wenn das der Führer wüßte") ebneten die Unterschiede zwischen Gut und Böse, Moral und Unmoral ein.

Heraus kam die These, daß es die Nazis und die Hitlers immer und überall geben könnte. Diese "Normalisierung" lief parallel zu den fachwissenschaftlichen Diskussionen um die "Historisierung" des "Dritten Reiches", aber wieder war die Alternativgeschichte der Geschichtswissenschaft einen Schritt voraus, wenn sie in ihren besten Produkten (von denen es so viele nicht gibt) aus dieser "Normalisierung" eine akzeptable Alternative zur "richtigen" Geschichte machte, erschien diese in den dramatischen Zeiten des "Kalten Krieges" doch nicht mehr als so "gut", und es gab Autoren, die sich den Kopf darüber zerbrachen, ob es denn wirklich richtig gewesen sei, Hitler zu stoppen, wenn man sich dafür Stalin und die Aussicht auf ein atomares Finale furioso der Weltgeschichte eingehandelt hatte. War Hitler vielleicht das geringere Übel?

Inzwischen gibt es kontrafaktische Szenarien, in denen "die Nazis" mit Hitler an der Spitze sogar als "menschlich", ja "humorvoll" gezeichnet werden, und in Italien verkauft sich ein "Hitler-Wein" glänzend! Ganz richtig verweist der Autor auf die Gefahren, die entstehen können, wenn solche Alternativszenarien immer bunter und amüsanter ausgestaltet werden, während die Kenntnisse der realen Geschichte im breiten Publikum immer weiter verblassen. Alternative Geschichten des "Dritten Reiches", so ließe sich schließen, dürfte nur goutieren, wer seinen "historischen Führerschein" in Sachen Nationalsozialismus gemacht hat - aber in Wahrheit ist es eben genau umgekehrt: Die Fachhistoriker rümpfen die Nase, die Canaille berauscht sich an Robert Harris' "Fatherland".

MICHAEL SALEWSKI

Gavriel D. Rosenfeld: The World Hitler Never Made. Alternate History and the Memory of Nazism. Cambridge University Press, Cambridge 2005. 524 S., 19,99 £.

Buchtitel: The World Hitler Never Made
Buchautor: Rosenfeld, Gavriel D.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2005, Nr. 283 / Seite 7

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