08. Oktober 2006 Im Oktober 2004 erhielt Präsident Bush einen Brief vom irakischen Premierminister Allawi. Darin beklagte er, daß ihm bei seinen Reisen immer nur die amerikanischen Flugzeuge zur Verfügung stünden. Welchen Eindruck mache es denn, wenn der Regierungschef eines souveränen Staates immer nur aus Militärmaschinen steige, auf denen groß und breit US Air Force stehe?
Im Nationalen Sicherheitsrat trug Bush den Fall vor und entschied, der Mann solle sein eigenes Flugzeug bekommen. Mehrere Wochen später erkundigte sich ein Mitarbeiter des Weißen Hauses bei den zuständigen Militärs, wie die Sache mit Allawis Flugbereitschaft stehe, und erhielt die Antwort, man habe das heikle Problem gelöst: Die Briten fliegen ihn jetzt herum. Der Mann, der Bob Woodward als Quelle für diese Anekdote dient, kommentiert: Solche Sachen kann man nicht erfinden.
Ist das Bagdad Bob?
Washington ist in State of Denial, Woodwards drittem Buch über die Bush-Regierung, die Hauptstadt der Suggestion, in der verzweifelt an die heilsame Wirkung von schönen Geschichten geglaubt wird und die damit selbst Hollywood den Rang abgelaufen haben dürfte. Fiktion und Realität sagen einander in der amerikanischen Hauptstadt gerade gute Nacht, und selbst dem stets stoischen Beobachter Bob Woodward ist das Erstaunen darüber anzumerken.
Wenn ein mutiger CIA-Analyst sich ein Herz faßt und in der morgendlichen Lagebesprechung mit dem Präsidenten die Zahl und Heftigkeit der Anschläge im Irak herunterbetet, kann es schon mal vorkommen, daß der Präsident ihn mit einer Frage an die gesamte Runde unterbricht: Ist das Bagdad Bob? - womit er den skurrilen letzten Saddam-Pressesprecher meint, der noch verkündete, die Amerikaner würden wie Schlangen zertreten, während die ersten Panzer durch die Straßen von Bagdad rollten.
Bob Woodward, ein Insider für Insider
State of Denial ist dennoch kein Abrechnungsbuch, weit entfernt von den polemischen Bestsellern eines Michael Moore oder Frank Rich. Woodward ist kein Linker. Sein Berufsleben begann beim Militär, und er war auch Anfang der Siebziger kein Teil der studentischen und liberalen Szene, sondern bloß ein besonders sturer Handwerker. Die Autorin Nora Ephron erinnert sich an einen unauffälligen, stets höflichen, distanzierten und extrem ehrgeizigen jungen Mann, den sie kennenlernte in der Zeit, als Woodward und Bernstein noch Carl und Bob waren.
Ephron heiratete dann den amüsanten und charismatischen Carl Bernstein und schrieb später ein deutliches Abrechnungsbuch über das Scheitern der Ehe und die häßliche Scheidung, das wiederum mit Jack Nicholson und Meryl Streep verfilmt wurde. In diesen Kreisen bleibt eben nichts lange geheim. Während Bernstein sich nach einigen Bestsellern ins Privatleben zurückzog, arbeitete Bob Woodward weiter an seinem Status des berühmtesten Journalisten der Welt und außerdem als Anlaufstelle für halb Washington, ein Insider für Insider.
Auf wessen Seite steht der Mittler?
Der Multimillionär und wie ein Botschafter in einem beeindruckenden Anwesen residierende Woodward hat in den letzten zehn Jahren den Fokus seiner Arbeit verändert, ist vom Reporter, der einzelne Fälle und Skandale verfolgt, zu einem Panoramamaler der amerikanischen Staatsspitze geworden, der den breiten Strom der Ereignisse schildert und in romanhafte Form bringt. Nie vergißt Woodward, auch die drögesten Meetings mit einem Detail zu versehen, die dem Leser die Szene wie ein Film vor Augen treten läßt, sei es ein wasserfallartiger Regen am Flughafen Bagdad, eine untergehende Sonne über den Bergen um Camp David oder ein Kleidungsdetail wie das, daß Bob Dole gern purpurfarbene Turnschuhe trug.
Im letzten Jahr allerdings wurde die Harmonie zwischen Woodward und seinem Publikum empfindlich gestört. Gerade liberale und bushkritische Leser waren ohnehin irritiert darüber, wie glimpflich Woodward in seinen ersten beiden Büchern mit Bush umgegangen war, den er mehrfach auf seiner Ranch in Crawford hatte besuchen dürfen. Im letzten November kam heraus, daß Woodward jahrelang in die Details und Geheimnisse des Skandals um die Enttarnung von Valerie Plame, einer CIA-Agentin und Ehefrau des Bush-Kritikers Joseph Wilson, eingeweiht gewesen war. Woodward hatte sein Wissen aber weder mit dem Fernsehpublikum noch mit den Herausgebern der Washington Post geteilt, was die Frage aufwarf, auf wessen Seite der Mittler zwischen Publikum und Insidern eigentlich stehe.
Eine Banane und einen Apfel und eine Orange
Womöglich will Woodward das nun mit einem besonders kritischen Ton kompensieren. Andererseits kann er zu den von ihm erlebten Szenen auch kaum applaudieren. Die Hauptfigur von State of Denial ist Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Bei ihm verliert Woodward schon mal die Fassung, das hat es in keinem seiner bisherigen Bücher gegeben. So etwa in einem Interview, das er im Juli 2006 mit Rumsfeld führte. Thema war eine Studie der Geheimdienste bezüglich der Zunahme und Qualitätsveränderung der Angriffe auf amerikanische Truppen im Irak. Also die Zahl der Angriffe steigt, eröffnet Woodward. Rumsfeld: Das stimmt womöglich. Es stimmt womöglich auch, daß unsere Erhebungen vollständiger sind. Wir registrieren mehr Ereignisse als Angriffe, vom simplen Schußwechsel zur Bombe mit fünfzig Toten. Also sie haben da eine ganze Obstschale mit verschiedenen Sachen - eine Banane und einen Apfel und eine Orange.
Dann kommt einer der extrem seltenen Momente, in dem Woodward seine eigene Reaktion schildert: Ich war sprachlos. Selbst beim lockersten Umgang mit Sprache und Analogien konnte ich nicht verstehen, wie der Verteidigungsminister Angriffe mit einer Obstschale vergleichen konnte, eine Metapher, der jede Art von Dringlichkeit und Emotion fehlt. Die Berichte handelten von Sprengsätzen, Angriffen mit Granatenwerfern und direkten Kämpfen etwa in einem Hinterhalt - so weit entfernt von Äpfeln, Orangen und Bananen wie nur möglich.
Rumsfelds Äußerungen schützen Bush und Cheney
Rumsfelds Absicht scheint es zu sein, so verdreht und bizarr aufzutreten, daß man bald das Interesse an ihm verliert. Es gibt in dem Buch zahllose Beispiele dafür, wie er Sitzungen mit Monologen über die Historie sprengt, offensichtliche Fakten bestreitet und sich mit Kollegen anlegt. Condoleezza Rice etwa rief er grundsätzlich nicht zurück. Irgendwann mußte Bush persönlich ihm befehlen, die Frau zurückzurufen. An Stimmen, die Bush rieten, den Minister auszutauschen, fehlt es nicht. Bis hin zur Ehefrau des Präsidenten wären viele froh, wenn Rummy ginge. Doch in State of Denial findet sich auch der Grund, warum er bleiben wird. Ein Mitarbeiter von Vizepräsident Cheney formuliert ihn: Solange Rumsfeld mit seinen seltsamen Äußerungen auf dem Posten ist, zieht er allen Ärger auf sich. Wenn er fällt, konzentriert sich das Mißtrauen allein auf Cheney und Bush.
Diese Überlegung greift auch im Buch: Cheney kommt relativ wenig vor, und der Präsident weitgehend als isolierter Quasi-Monarch, als ein rat-, aber auch argloser Mann. Schließlich gibt es auch Humor im Weißen Haus, im Bush-Stil: Er schiebt seinem Berater Karl Rove gerne mal ein Furzkissen unter. Es könnte sein, daß sich hinter Woodwards Zurückhaltung auch schlicht Ekel verbirgt: Jedes weitere Wort ist ihm zuviel.
Die Zeder hat mich ein wenig angekratzt
Manchmal braucht es freilich keinen großen Kommentar, um das Problem mit Bush darzustellen. Folgende Szene: Bush besucht am Neujahrstag 2006 in San Antonio ein Krankenhaus mit verwundeten Soldaten. Einer liegt dort, dessen Haut zu 99 Prozent verbrannt ist. Bush fällt nichts ein, was er sagen könnte. Dann besucht er weitere schwere Fälle. Schließlich tritt er vor die Presse und deutet auf einen Kratzer auf seiner Stirn: Wie Sie sehen können, habe ich mich verletzt, nicht hier im Krankenhaus, sondern im Kampf mit einer Zeder. Ich habe schließlich gewonnen. Die Zeder hat mich ein wenig angekratzt.
Woodward erlaubt sich bloß ein Adjektiv: Es sei vom Präsidenten unangemessen gewesen, vor einem Krankenhaus mit tödlich verwundeten Soldaten über seinen Kratzer zu sprechen. Mehrmals gibt es im Buch solche Szenen mit seltsam gefühllosen Bemerkungen Bushs, so auch, als er vor einer Gruppe von Abgeordneten erklärte, Politik als Beruf und die Härten, die das für das Familienleben mit sich bringe, seien wirklich das höchste Opfer, das einer bringen könne für sein Land - während im Irak Tausende Soldaten ihr Leben und nicht bloß die Freizeit opfern.
Chronik einer einzigartigen politischen Katastrophe
Nora Ephron, die Freundin Woodwards, hat allerdings schon vor längerer Zeit in einer Kolumne für die Huffington Post eine Reihe solcher Bemerkungen und mißlungener Auftritte beschrieben, sie mit dem Bush des Jahres 2000 verglichen und die Frage aufgeworfen, ob der Präsident nicht unter dem Einfluß von Medikamenten stehe, etwa Antidepressiva. Typisch dafür seien seine oft verlangsamten Bewegungen, als gehe er unter Wasser. So weit würde sich Woodward nie wagen, er hat auch viel mehr zu verlieren.
Wenn Bob Woodward nun als Kritiker des Irak-Kriegs gelobt wird, dann ist das so, als würde man einen, der eine Hymne auf ,Let it be' verfaßt, als Entdecker der Beatles feiern, heißt es in bösen Blogger-Kommentaren. Auch daß ihm Prinz Bandar, der ehemalige saudische Botschafter in Washington, als Quelle dient, wird kritisiert; der hat zwar beste Kontakte und wird darum von Woodward auch als Tausendsassa, als Haudegen von Welt beschrieben - über die von ihm vertretene Politik des wahabistisch-islamistischen saudischen Regimes fällt allerdings kein böses Wort.
Im Januar 2009 endet George Bushs zweite und letzte Amtszeit. Bis dahin ist noch genug Zeit für ein viertes Woodward-Buch zum Thema: die Vervollständigung der Chronik einer einzigartigen politischen Katastrophe.
Bob Woodward: State of Denial. Bush at War Part III. Simon and Schuster, 460 Seiten.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite 30
Bildmaterial: AFP, AP