27. November 2007 Nicht nur Geschichtswissenschaftler sind seit geraumer Zeit der Bedeutung von Erinnerungskulturen auf der Spur, auch Politikern ist längst bewusst, welchen Einfluss das Verständnis des Vergangenen auf die Interpretation der Gegenwart und den Entwurf von Zukunftskonzepten hat. Von überragender Relevanz für das kollektive Gedächtnis europäischer Staaten sind nach wie vor der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
Wie sehr sich die westeuropäischen Regierungschefs ihrer Verantwortung bewusst sind, die Erinnerung an den Holocaust nicht verblassen zu lassen, kam im Jahre 2000 auf einer internationalen Konferenz in Stockholm zum Ausdruck, die Harald Welzer zum "Gründungsakt einer transnationalen Erinnerungskultur" erklärt. Dabei ist dem Sozialpsychologen klar, dass die "von oben" durch Staatsakte oder Lehrpläne vorgegebenen Sachinhalte und Werturteile keineswegs mit dem übereinstimmen müssen, was der "gemeine" Mensch so denkt. Da dieser der letztgültige Adressat sämtlicher gesellschaftspädagogischen beziehungsweise erinnerungspolitischen Bemühungen bleibt, sind die Inhalte seiner geschichtlichen Vorstellungen schon deshalb interessant, weil sie Auskunft über den Erfolg politischer und wissenschaftlicher Anstrengungen geben.
Die Ergebnisse der Arbeiten von Harald Welzer sind ernüchternd. Der deutschen Gesellschaft fühlte Welzer schon 2002 in der gemeinsam mit Sabine Moller und Karoline Tschuggnall herausgegebenen Studie "Opa war kein Nazi" auf den Zahn. Hier beobachteten die Forscher die allgemeine Tendenz, die Rolle der eigenen Vorfahren mehr und mehr zu heroisieren. Damit folgt die private Erinnerungspraxis weder der wissenschaftlich belegten Empirie noch der offiziellen Erinnerungskultur, sondern vielmehr dem psychologischen Bedürfnis nach stabiler Identität und Familienloyalität. In dem jetzt vorgelegten Band ging es um die Frage, ob in anderen europäischen Ländern die gleichen Mechanismen greifen.
Die Mitarbeiter des Projekts zur "vergleichenden Tradierungsforschung" wählten in Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Serbien, Kroatien jeweils zirka zwanzig Familien aus, die in Einzel- und Gruppeninterviews befragt wurden, wobei die Gruppen einerseits generationenübergreifend und andererseits nach Alterskohorten zusammengestellt wurden. Auf diese Weise sollten die Sichtweisen der Zeitzeugen sowie die Perspektiven der nachgeborenen Kinder und Enkelkinder erfasst werden.
Dabei kam dem Interviewer die Rolle des Impulsgebers zu, der Gespräche in Gang setzen sollte, deren Eigendynamik es zu beobachten galt. Das Verfahren entsprach der Überzeugung, dass Erinnerungen nichts Statisches sind, sondern in kommunikativen Prozessen im Zuge von Deutungskämpfen immer wieder neu ausgehandelt werden. Dass derartige Austauschprozesse in den aufgezeichneten Gesprächen dann tatsächlich nachgewiesen wurden, überrascht nicht sonderlich. Gleichwohl bleibt beträchtliches Unbehagen, ob auf einer statistisch letztlich schmalen Basis so weit reichende Aussagen zum nationalen und sogar europäischen Gedächtnis gerechtfertigt sind.
Ob eine Studie zum europäischen Gedächtnis über Holocaust und Kollaboration ohne Berücksichtigung von Frankreich oder Polen wirklich hinreichend Substanz hat, darf in Frage gestellt werden. Doch selbst bei der begrenzten Reichweite des bisherigen Vergleichs sind die Ergebnisse der Studie allemal interessant. So konstatierten die Wissenschaftler zunächst die Überdauer nationaler "Basiserzählungen", in welche die individuellen Familienschicksale eingebettet werden. Eine positive Deutung eigener Vorfahren ist umso weniger problematisch, je mehr die Basiserzählung zu nationalem Stolz zu berechtigen scheint. So dominiert in Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz die Vorstellung, historisch zu "den Guten" zu zählen. Nur in Serbien und Kroatien haben die "Basiserzählungen" der Nachkriegszeit ausgedient. Länderübergreifend ließ sich ein Opfernarrativ nachweisen. Diese Selbstviktimisierung scheint ebenso verbreitet wie die anthropologische Deutung von Krieg und Holocaust: Die Menschen seien eben so, weshalb die Geschichte sich immer wiederhole.
Gegenwärtige Erfahrungen wie der Irak-Krieg oder die Verhältnisse im Nahen Osten werden bereitwillig mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gleichgesetzt. Damit geht eine neue Sicht auf damalige Opfer und Täter einher. Das Urteil über "die Deutschen" fällt erstaunlich milde aus, während es am Mitgefühl mit den Opfern mangelt. Die aggressive Palästina-Politik Israels wird herangezogen, um sich von kollektiven Schuldgefühlen zu entlasten, und bei der Suche nach Erklärungen für den Holocaust bedienten sich die Interviewten in erschreckender Regelmäßigkeit in der Mottenkiste antisemitischer Stereotype. Welzers früheren Publikationen zufolge lag die Ursache für den Holocaust in der allgemein als gegeben betrachteten Andersartigkeit der Juden, was ihre wachsende Ausgrenzung als legitim erscheinen ließ. Wenn jetzige Studien das transnationale Überdauern solcher Stigmatisierung belegen, ist das ein wirklich alarmierender Befund.
BIRGIT ASCHMANN
Harald Welzer (Herausgeber): Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007. 293 S., 10,95 [Euro].
Buchtitel: Der Krieg der Erinnerung - Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis
Buchautor: Welzer, Harald
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2007, Nr. 276 / Seite 10