Wider die Natur

25. Januar 2008 Die größte Bedrohung der Freiheit, argumentiert der tschechische Präsident Václav Klaus, gehe heute nicht mehr vom Sozialismus aus, sondern vom "Environmentalismus". So benennt er eine ökologistische Weltanschauung, die darauf abziele, schlechthin alles zu ändern: "den Menschen, sein Verhalten, die Gesellschaftsordnung, das Wertesystem". Der Environmentalismus gebärde sich wissenschaftlich, sei in seinem Kern aber metaphysisch. Er führe alles Unheil der Welt auf den Homo sapiens zurück, den angeblichen "Verursacher einer permanenten ökologischen Katastrophe". Statt Mensch und Natur in ihrer natürlichen evolutionären Entwicklung zu sehen, verabsolutiere er die Natur und erkläre sie zu einer unantastbaren Norm, deren Missachtung fatale Folgen hätte. Statt zu begreifen, dass technischer Fortschritt und zunehmender Wohlstand die Lösung von Umweltproblemen ermöglichten, blockiere er den Fortschritt. Der Preis dafür sei unermesslich hoch, und die größten Opfer würden den Ärmsten der Welt abverlangt werden. Dabei sei der beste Schutz der Entwicklungsländer gegen den Klimawandel ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung.

Die Ziele der Angriffe der Ökologisten haben sich im Laufe der Zeit mehrmals verändert. Klaus erinnert an ihre Kampagnen gegen Luft- und Wasserverschmutzung, Einsatz von DDT, Waldsterben, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, gegen Verlust der Artenvielfalt, Ozonloch und Treibhauseffekt, schließlich gegen globale Erwärmung. Konstant sei ihr Bemühen, Gefahren ungeahnten Ausmaßes zu beschwören, die sofortiges Handeln erforderten, ohne sich mit der Abwägung von Kosten und Risiken aufzuhalten. Die Ökologisten hätten es darauf abgesehen, die spontane Interaktion einer riesigen Anzahl von kosmischen, geologischen, klimatischen und anderen Faktoren durch eine vorgeblich optimale, global geplante Entwicklung der Welt zu ersetzen.

Ähnlich wie die Marxisten könnten auch die Ökologisten ihre Ambitionen "nur durch die Einschränkung der Freiheit und durch das Diktat einer kleinen, auserwählten Minderheit" umsetzen. Die Gefahr, die von ihrer antiliberalen, populistischen Bewegung ausgehe, dürfe nicht unterschätzt werden, denn anders als die Marxisten seien die Environmentalisten durchaus in der Lage, einen "Aufstand der Massen" herbeizuführen, zumal sie mächtige Unterstützer hätten: Wissenschaftler, die finanziell und ideell von der Klimadebatte profitierten; Politiker und andere Meinungsbildner, die jede Abweichung von der "einzig zulässigen Wahrheit" mit der Waffe der politischen Korrektheit bedrohten.

Klaus gibt nicht vor, über besondere naturwissenschaftliche Kenntnisse zu verfügen, und beschränkt sich darauf, Argumente der erwärmungsskeptischen Naturwissenschaftler zu zitieren. Aber in der Klimadebatte gehe es ohnehin "mehr um den Menschen und seine Freiheit als um die Veränderung der Durchschnittstemperatur um ein paar Zehntelgrad Celsius". Er polemisiert gegen die Grundthese des Ökologismus, dass der zivilisatorische Fortschritt zum Schutze der Natur beschränkt und reguliert werden müsse. Ein ganzes Kapitel widmet er der Kritik des statischen Begriffs der "natürlichen Ressourcen", mit dem der Ökologismus operiert. Sinnvoll, argumentiert Klaus, könne nur über "ökonomische Ressourcen" gesprochen werden, also über jene, die technisch nutzbar seien und deren Preis ihren Einsatz rechtfertige. Für die antiken Kulturen sei Erdöl keine Ressource gewesen, und wahrscheinlich werde sich die Nutzung mit dem technischen Fortschritt einmal erübrigen. Ökonomisch betrachtet seien die Ressourcen ohnehin unerschöpflich, denn mit zunehmender Verknappung steige der Preis so stark an, dass die Nachfrage praktisch auf null sinke.

Nicht minder falsch sei die Auffassung von der Unerschöpflichkeit erneuerbarer Energien wie Sonne und Wind, schon allein weil der für sie nötige Boden weder unerschöpflich noch kostenlos ist. Klaus rechnet in einem Beispiel vor, dass für die Ersetzung des AKW Temelín (Nettoleistung 1900 MW) 4750 Windkraftwerke nötig wären, für deren Bau 8,6 Millionen Tonnen Material gebraucht würden. Hintereinandergestellt, würde sich aus ihnen eine 150 Meter hohe Reihe von 665 Kilometern ergeben, was etwa der Distanz zwischen Temelín und Brüssel entspreche.

Leider mindern stilistische Eigentümlichkeiten und die holprige wörtliche Übersetzung die Lesbarkeit dieses Buches. Liberale Leser werden darüber hinwegsehen. Es gibt kein Buch, das ihre Argumente in der Klimadebatte besser aufbereiten würde als dieses.

KARL-PETER SCHWARZ

Václav Klaus: Blauer Planet in grünen Fesseln. Was ist bedroht: Klima oder Freiheit? Carl Gerold's Sohn Verlagsbuchhandlung, Wien 2007. 127 S., 25,- [Euro].



Buchtitel: Blauer Planet in grünen Fesseln
Buchautor: Klaus, Václav

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2008, Nr. 21 / Seite 8

 
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