Mit und ohne Krieg

23. Juli 2008 Das Werk Carl Schmitts, des lange Verfemten, wurde auch manchem Linken in der Bundesrepublik zum Schnäppchenmarkt, in dem es sich möglichst diskret zu bedienen galt. Leonard Landois geht jetzt weiter: Die Ursprünge des Staats- und Gesellschaftsverständnisses der Achtundsechziger müssten bei Schmitt verortet werden - eine These, die dem selbsternannten intellektuellen Abenteurer ob ihrer Kühnheit gewiss gefallen hätte. Landois versucht sie etwa anhand der Parlamentarismuskritik oder der Freund-Feind-Kategorie zu belegen. Dabei zeigt er zwar verblüffende Parallelen auf, ein überzeugender Nachweis aus den Quellen gelingt ihm aber nicht. Er versäumt es in seiner durchaus anregenden Arbeit auch, näher auf fundamentale Unterschiede einzugehen: Während der vom Autor zum Gewährsmann für das Denken der Achtundsechziger stilisierte Rudi Dutschke der Menschheit zutraute, eine Welt ohne Kriege gestalten zu können, sah Schmitt in diesem Machbarkeitsglauben die schlimmste Form der Auflehnung gegen die göttliche Vorsehung. Dass dereinst die Pazifisten in der letzten und totalsten aller Entscheidungsschlachten gegen die Befürworter existentieller Kämpfe obsiegen könnten - diese Vorstellung war Schmitt ein Graus. (Leonard Landois: Konterrevolution von links. Das Staats- und Gesellschaftsverständnis der "68er" und dessen Quellen bei Carl Schmitt. Nomos Verlag, Baden-Baden 2008. 299 S., 59,- [Euro].)

TIMO FRASCH



Buchtitel: Konterrevolution von links - Das Staats- und Gesellschaftsverständnis der "68er" und dessen Quellen bei Carl Schmitt
Buchautor: Landois, Leonard

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2008, Nr. 170 / Seite 7