12. Oktober 2009 Eine breite Koalition aus Politik, Entwicklungsorganisationen und Prominenten fordert beharrlich, die Entwicklungshilfe für die armen Regionen der Welt und insbesondere für Afrika zu erhöhen. Dem steht eine wachsende Zahl von Kritikern gegenüber, die radikal für das Ende von Entwicklungshilfe plädieren. Mehr Geld schade Afrika nur, erhöhe die Korruption und verhindere die freie Entfaltung der afrikanischen Wirtschaft. In diesen Chor reiht sich der ehemalige Diplomat Volker Seitz ein. Er war viele Jahre Botschafter in verschiedenen afrikanischen Ländern und ist überzeugt: Hilfe lähmt. Er glaubt auch, die Ursachen für die Malaise südlich der Sahara zu kennen: "Nicht fehlende Mittel und kolonialistische Spätfolgen hemmen den Fortschritt, sondern mangelnder politischer Wille der Regierungen, mangelndes Verpflichtungsbewusstsein und mangelnde Leistungsbereitschaft, ungenügende Konzepte, eine träge und unzuverlässige Verwaltung und das für die ,res publica', die Gemeinschaft, unerlässliche Zusammengehörigkeitsgefühl aller Bürger, das in vielen afrikanischen Staaten nach wie vor fehlt."
Seitz will keineswegs als Afrika-Pessimist erscheinen. Denn dieser faszinierende Kontinent werde "von freundlichen, dem Leben zugewandten Menschen" bewohnt. Das eigentliche Übel seien die politischen Eliten; korrupte, machtgierige, unfähige Oligarchen, denen westliche Gutmenschen und Politiker aus Angst vor Rassismusvorwürfen noch massenhaft Geld in den Rachen werfen, ohne für die Nachhaltigkeit der üppigen Finanzspritzen Sorge zu tragen. Seitz hat auch Vorschläge parat, diesen Zustand zu ändern. Er präsentiert einen bunten Katalog von Maßnahmen. Sie reichen von der Abschaffung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Förderung von Kleinbauern und Frauen hin zum professionelleren Einsatz von Friedensmissionen.
Der Autor schreibt durchaus viel Richtiges und Wichtiges zur Problematik der Entwicklungszusammenarbeit. Leider begräbt er jedoch seine berechtigte Kritik allzu häufig unter Stereotypen. Der Hinweis etwa, Geber fürchteten nichts mehr als den "vielstrapazierten Vorwurf des Rassismus und Kolonialismus", ist in dieser Pauschalität Unsinn. Seine Beschreibungen von afrikanischen Gesellschaften wie den Bamiléké aus Kamerun grenzen ans Karikaturhafte. Überdies eilt er im Sauseschritt durch die Problemfelder, spricht etwas kurz an, um gleich die nächste Thematik zu diskutieren. Auf diese Weise macht er genau das, was er den Befürwortern von mehr Entwicklungshilfe vorhält - die Komplexität des Themas außer Acht zu lassen.
An keiner Stelle unternimmt es Seitz, die Ursachen für die verbreitete Malaise in Afrika wirklich zu erklären. Wiederholte Hinweise auf die korrumpierende Wirkung von Hilfszahlungen und die bösen Eliten helfen nicht weiter. Wäre es nicht doch sinnvoll, die komplexen Folgen des Kolonialismus, des Kalten Krieges und der Weltwirtschaftsordnung einmal genauer in den Blick zu nehmen? Man muss ja nicht gleich in die Dichotomie von "Täter Europa" und "Opfer Afrika" zurückfallen. Wie haben ökologische Faktoren den afrikanischen Kontinent geprägt? Und wie stark müssen wir die Vielfalt Afrikas bei der Suche nach Erklärungen und Vorschlägen in Betracht ziehen?
Im Übrigen läuft Seitz offene Türen ein. Die meisten Fachleute wissen sehr wohl um die Problematik des Entwicklungshilfesystems, äußern sich aber in der Regel eher vorsichtig. Daher kommt dem vorliegenden Buch ohne Zweifel das Verdienst zu, die überfällige öffentliche und kritische Auseinandersetzung über Entwicklungshilfe mit anzustoßen. Überdies macht dieses Buch - eher unfreiwillig - noch einmal deutlich, dass es einfache Lösungen nicht geben kann. Implizit könnte man Seitz' Buch auch als Aufforderung an die Afrika-Wissenschaften lesen, differenzierte Erklärungen für die Situation in Afrika zu finden und angemessen zu präsentieren.
ANDREAS ECKERT
Volker Seitz: Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 219 S., 14,90 [Euro].
Buchtitel: Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann
Buchautor: Seitz, Volker
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2009, Nr. 236 / Seite 8