13. Mai 2008 "Über 100 000 Ukrainer aus Galizien und den Karpaten flohen 1915 nach dem Rückzug der russischen Truppen . . . in das Zarenreich. Eine vergleichbare Anzahl von Zivilisten aus Ostpreußen wurde nach Russland deportiert oder verließ aus eigenem Antrieb 1914 die . . . besetzte preußische Provinz. Über eine halbe Million armenischer Flüchtlinge strömte 1914-1920 in den Kaukasus und nach Russland; viele kamen aus den in den ersten Kriegsjahren von den Russen besetzten und 1918 an die osmanische Armee verlorenen Gebiete Anatoliens." Dieses Schlaglicht auf "Flüchtlinge in Russland im und nach dem Ersten Weltkrieg" in der "Enzyklopädie Migration in Europa" macht deutlich, warum das 20. Jahrhundert nicht nur als das "Jahrhundert der Konzentrationslager" bezeichnet werden muss, sondern auch als das "Jahrhundert der Flüchtlinge".
Millionen von Menschen wurden Opfer von Genoziden und Massenmorden, Deportationen, Vertreibungen, Um- und Ansiedlungen oder von "Bevölkerungsaustausch" wie im Fall von 1,2 Millionen christlicher Griechen unter türkischer Herrschaft gegen rund 400 000 türkische Muslime unter griechischer Herrschaft nach dem Vertrag von Lausanne (1923). Fluchtbewegungen waren Folgen der Auflösung von Großreichen (Habsburger Monarchie, Osmanisches Reich), von Versuchen, ethnisch homogene Nationalstaaten zu schaffen. Unter Stalin wurden zahlreiche nationale Minderheiten verschleppt: Russlanddeutsche, Karatschaier, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Krimtataren und turkstämmige Mescheten - rund zwei Millionen Menschen. Territoriale Veränderungen im Anschluss an die beiden Weltkriege ließen weitere Millionen Menschen zu Flüchtlingen werden - alleine nach dem Ersten Weltkrieg rund fünf Millionen Menschen.
Die "Volkstumspolitik" der Nationalsozialisten führte unter der Parole "Heim ins Reich" zur Umsiedlung deutscher Volksgruppen (rund eine Million Menschen) in die im Zweiten Weltkrieg annektierten Ostgebiete ("Ostkolonisation") und zur Vertreibung der dort ansässigen Bevölkerung (alleine rund 800 000 Polen). Die Westverschiebung Polens und die Flucht vor der einrückenden Roten Armee machten zwischen zwölf und 14 Millionen Menschen zu Vertriebenen und Flüchtlingen. Hinzu kamen rund zehn Millionen "Displaced Persons" (wie ehemalige Zwangsarbeiter, Inhaftierte aus den Konzentrationslagern, Kriegsgefangene). Die Folgen für alle Vertreiberstaaten waren ein starker Verlust an kulturellem Reichtum und ein erheblicher "brain drain".
Die von deutschen und niederländischen Historikern herausgegebene Enzyklopädie gibt in 219 Einzelbeiträgen einen Überblick über Wanderungsbewegungen von Gruppen "vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart". Europa wird dabei historisch-kulturell als Raum von Russland bis Portugal, von Norwegen bis Spanien verstanden. Neben der Arbeitsmigration in westeuropäische Länder in der Nachkriegszeit finden verschiedene Formen, Motive und Muster räumlicher Mobilität (mit unterschiedlichsten Auswirkungen) Beachtung: etwa "Deutsche Senioren in Spanien seit dem späten 20. Jahrhundert", die "Herrnhuter Brüdergemeinde in Europa seit der Frühen Neuzeit", "Internationale Beamte supranationaler Organisationen in Brüssel seit 1958" oder "Lateinamerikanische Prostituierte in den Niederlanden seit den 1970er Jahren".
Den Einzelbeiträgen vorangestellt sind konzeptionelle Überlegungen der Herausgeber. Sie verleihen ihrer Überzeugung Ausdruck, Migration gehöre "zur Conditio humana wie Geburt, Vermehrung, Krankheit und Tod; denn der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet". Migranten stellen heute rund drei Prozent der Weltbevölkerung. Ihr Anteil ist in den vergangenen 50 Jahren kaum gewachsen, trotz enorm zunehmender Wanderungsmöglichkeiten und weltweiter medialer Verbreitung westlicher "Werte" und Lebensstile. Diese "relative Immobilität" hat viele Ursachen - Migration zur anthropologischen Konstante zu stilisieren wirkt vor diesem Hintergrund eher als ideologisches Konstrukt.
Die Länderüberblicke lassen die begrenzte Steuerungsfähigkeit westlicher Staaten deutlich werden. Die Eigendynamik der einsetzenden Kettenwanderungen, humanitäre Selbstbindungen, die Spannung zwischen Effizienz und Rechtsstaatlichkeit von Verfahren gehören zu den Ursachen. Klaus J. Bade wirft in seinem Länderbeitrag Deutschland der westdeutschen Politik vor, sie habe in "defensiver Erkenntnisverweigerung" versäumt, die Bundesrepublik als Einwanderungsland zu deklarieren. Welches Interesse die deutsche Politik daran gehabt haben sollte, die ohnehin schwer begrenzbare Zuwanderung durch eine solche Erklärung noch zu forcieren, ist nicht plausibel. Unzutreffend ist die Behauptung Bades, der ausländerrechtliche Status der "Duldung" sei mit dem neuen Gesetz abgeschafft worden - er ist (aus guten Gründen) beibehalten worden.
Die Einzelbeiträge sind alphabetisch aneinandergereiht. Eine chronologisch-geographische Gliederung hätte Aufsplitterungen einzelner Themenfelder vermieden und dem Leser eine Zusammenschau wesentlich erleichtert. Abgesehen davon handelt es sich um ein beeindruckendes Kompendium historischer Migrationsforschung, dessen Beiträge für den interessierten Laien durchweg sehr gut verständlich sind.
STEFAN LUFT
Klaus J. Bade/Pieter C. Emmer/Leo Lucassen/Jochen Oltmer (Herausgeber): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ferdinand Schöningh und Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2007. 1156 S., 58,- [Euro].
Buchtitel: Enzyklopädie Migration in Europa - Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Buchautor: Bade, Klaus J.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2008, Nr. 110 / Seite 8
