05. September 1995 Artur K. Vogel: Der Palästinenserstaat. Arafats langer Marsch nach Jerusalem. Orell Füssli Verlag, Zürich 1995. 285 Seiten, 39,80 Mark.
Erst nachdem Arafats letzter Traum, mit dem "Saladin von Bagdad" in Jerusalem einzuziehen, im Inferno von Kuweit endete, gab er das unrealistische Ziel - "die Juden ins Meer zu treiben" - auf und landete mit der Unterzeichnung des Osloer Abkommens vom 13. September 1993 einen diplomatischen Überraschungscoup. Dem war auch die Einsicht einiger Israelis vorausgegangen, "daß ihre offizielle Staatsmythologie nichts mehr taugte", und auch die PLO hatte begriffen, daß der "bewaffnete Befreiungskampf" auf den Müllhaufen der Geschichte gehörte.
Das Buch des Journalisten Artur Vogel rekapituliert in gut lesbarer Form die Geschichte des jüdisch-arabisch-palästinensischen Konfliktes sowie die Biographie Yassir Arafats, die von vielen Legenden umwoben ist. Die spannend geschriebene Abhandlung räumt mit einigen Klischees auf, insbesondere solchen, die die Geschichtsschreibung Israels betreffen. Vogel zitiert aus Werken von Benny Morris, Simcha Flapan, Noam Chomsky und anderen, die die Legenden und Mythen, die Israels Geschichte begleiten, entschleiern. Vogels Offenheit, Dinge so zu nennen, wie sie sind, macht sein Buch zu einem Lesegenuß. Dabei bekommen sowohl Israelis als auch Palästinenser einige Wahrheiten ins Stammbuch geschrieben. So habe die israelische Regierung über den "Gaza-Streifen und das Westjordanland ein Apartheid-Regime verhängt, in welchem Juden fast alle, Palästinenser fast keine Rechte besaßen". Die Palästinenser wiederum hätten Abschied von ihrer "romantischen Ideologie" nehmen und das Ende des Befreiungskampfes einleiten müssen.
Das Buch gibt in seinen zehn Kapiteln einen guten Überblick über Erfolge und Niederlagen im Leben Arafats. Seine Verschlagenheit und sein ausgeprägter Machtinstinkt, aber auch Arafats Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit, nicht zuletzt aber sein politisches Gespür wertet Vogel als Geheimnis seines Überlebens als "Revolutionär". Der vielfach Totgesagte konnte immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, wie zum Beispiel im Libanon-Krieg 1982 oder nach den "Bruderküssen" mit Saddam Hussein 1991.
Vogel zeigt auch, wie unbedarft die Vereinigten Staaten Nahost-Politik betreiben. Von einer ehrlichen Maklerrolle könne überhaupt keine Rede sein. Das Abstimmungsverhalten der Vereinigten Staaten in den UN, die Nichteinhaltung von Zusagen oder die Erpressung der PLO offenbarten eine einseitige Parteinahme des Landes zugunsten Israels. Aus Yitzhak Shamirs Memoiren wird deutlich, daß die damalige Bush-Regierung "nicht nach der Pfeife der israelischen Regierung tanzte". Wegen der jüdischen Immigranten aus der Sowjetunion wandte sich Shamir wie selbstverständlich an die amerikanische Regierung. Diese wollte Finanzhilfe an die Einstellung des Siedlungsbaus in den besetzten Gebieten binden. "Bush machte die Gewährung der Hilfe abhängig von Israels politischer Ergebenheit, etwas, was noch kein anderer Präsident getan hatte", so Shamir.
Unbefangen berichtet der Autor über Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen der Israelis in den besetzten Gebieten oder über die Terrorisierung der palästinensischen Bewohner durch extremistische Siedler in Hebron und anderen Orten. Auch die Stationen des Terrors der verschiedenen palästinensischen Gruppen gegen israelische Einrichtungen, Soldaten und unbeteiligte Zivilisten werden offen angesprochen. Vogel gibt keine Prognose, wohin Arafats Reise in den "autonomen Gebieten" geht und was am Ende für ein Gebilde herauskommen wird: der ersehnte Palästinenserstaat oder nur Autonomiefetzen. LUDWIG WATZAL
Der Palästinenserstaat
Buchtitel: Der Palästinenserstaat
Buchautor: Vogel, Artur K.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.1995, Nr. 206 / Seite 8