13. Mai 2008 Die Hände tatkräftig in die Seiten gestützt, entschlossenen Blickes auf dem Schreibtisch sitzend - als unorthodoxer Macher posiert Karl Schiller auf dem Titelbild dieser Biographie. So werden politische Images kreiert, und so ist Karl Schiller, soweit noch bekannt, im Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit geblieben: als erfolgreicher Wirtschaftsminister der ersten Großen Koalition im Gespann mit Franz Josef Strauß und als intellektueller "Superminister" der Regierung Brandt, der im Kabinett der Talente freilich den Kürzeren zog und sich erbittert von der SPD abwandte.
Eine wechselhafte Vita mit Höhen und Tiefen zeichnet diese Studie. Die locker-flockige Attitüde flotter Titel und Attribute ("Superstar", "Supernova" oder "Karl der Weise") wirkt zuweilen etwas überzogen, zudem ist der Leser, da ein Resümee fehlt, darauf angewiesen, das Gesamtbild stückweise selbst zusammenzusetzen. Dafür freilich liefert diese gut geschriebene, in unterschiedlicher Dichte aus den Quellen belegte Biographie bemerkenswert feinsinnige Beobachtungen und Reflexionen einer zutiefst unausgeglichenen Persönlichkeit. Allein schon seine vier Ehen zeugten von Schillers innerer Rastlosigkeit, getrieben vom Ehrgeiz des Sozialaufsteigers, verbunden mit ausgeprägter Eitelkeit und Egozentrik sowie intellektueller Hochbegabung und äußerster Empfindlichkeit gegenüber Kritik. "Sein ganzes Leben war eine einzige Suche nach Stabilität, nach Ordnung, Sicherheit und vor allem nach Anerkennung, nach etwas, das ihm endlich festen Grund unter seinen Füßen hätte verschaffen können und Halt gegeben hätte."
Solche Suche nach Ordnung und Berechenbarkeit prägte auch Schillers politische Grundüberzeugung: dass nämlich "die Politik sich in einem Prozess fortschreitender Modernisierung zunehmend des wissenschaftlichen Sachverstandes bedienen werde, damit zu einem kühlen Geschäft der Rechner und Experten würde". Schon im Studium hatte er sich einer theoretisch-exakten Spielart der Nationalökonomie zugewandt, die ihn zu einem staatsinterventionistischen Keynesianismus führte, der ganz auf der Welle der Modernisierungseuphorie vor allem der sechziger Jahre lag. Und mehr noch: Er schwamm in einem Grundstrom der Moderne im 20. Jahrhundert insbesondere zwischen den dreißiger und den frühen siebziger Jahren. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Schiller auch im Nationalsozialismus, wenn auch an keineswegs herausgehobener Stelle, sein Auskommen fand: als Spezialist für kreditfinanzierte, staatsorganisierte Arbeitsbeschaffung am Kieler Institut für Weltwirtschaft, das dem Oberkommando der Wehrmacht zuarbeitete und Ideen der europäischen Großraumwirtschaft unter deutscher Führung vordachte. 1937 trat er der NSDAP bei, was ihm in den sechziger Jahren und insbesondere in der Großen Koalition, ganz im Gegensatz zu Kurt-Georg Kiesinger, allerdings kaum Probleme bereitete (und zugleich von der selektiven Wahrnehmung in öffentlichen Debatten zeugt).
Dabei war er kein glühender Ideologe, sondern vielmehr ökonomischer Techniker und rationaler Spezialist - der "unpolitische Technokrat", der im Ergebnis alles andere als unpolitisch war. Unter freilich ganz anderen Vorzeichen erlebte diese zukunfts- und planungsgläubige Modernisierungsideologie ihren Hochpunkt in den sechziger Jahren und ihren größten Erfolg, als Schiller 1966 mit der staatsinterventionistischen Globalsteuerung die erste Konjunkturkrise in der Geschichte der Bundesrepublik weggesteuert zu haben schien. Schiller war obenauf, vor allem 1969, als er zu einer Wahllokomotive der SPD im Bundestagswahlkampf wurde und bewies, dass man mit Professoren sogar Wahlen gewinnen kann. Er wurde zu einer der zentralen Figuren im Kabinett Brandt; auf dem Höhepunkt indes begann der Abstieg. Die antizyklische Globalsteuerung erwies sich in der Konjunkturkrise der Bundesrepublik ab 1973 als strukturell überfordert. Überhaupt brach die Modernisierungseuphorie im Gefolge der ersten Ölkrise, die den Glauben an die politische Steuerbarkeit der Konjunktur pulverisierte, auf ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Ebene zusammen.
Schon im Juni 1972 war Schiller den ersten Anzeichen dieses Umschwungs politisch zum Opfer gefallen. Einmal mehr zogen sich in seiner Vita strukturelle und persönliche Gründe zusammen; inkompatibel mit den sich verfestigenden parteipolitischen Mechanismen, scheiterte der "Superminister" für Wirtschaft und Finanzen in seiner hoffärtigen Divenhaftigkeit vor allem an Verteidigungsminister Helmut Schmidt, seinem ehemaligen Studenten an der Universität Hamburg und persönlichen Referenten im Amt des Wirtschaftssenators der Hansestadt, mit dem es bereits 1950 zu schweren Verwerfungen gekommen war.
Mit seinem Rücktritt fiel Schiller tief: Seine politische Karriere war ebenso am Ende wie seine dritte Ehe. Von einer schweren psychischen Krise erholte er sich erst im Laufe der Jahre. Schwer gekränkt trat er im September 1972 aus der SPD aus, in die er 1980 zurückkehrte - auf Vermittlung Oskar Lafontaines, der 1999 seine Rolle des "Judas" in der SPD übernahm. Nie ein in der Wolle gefärbter, milieugeprägter Sozialdemokrat, bedeutete der Sozialismus in Schillers Sicht ein "entprivilegiertes Aufstiegssystem". In dieser Selbstbezüglichkeit eines hoch Talentierten in Verbindung mit den Wechselfällen der Zeitläufte lag der Kern der Erfolge ebenso wie des Scheiterns des mit feinem Sinn für Stärken und Schwächen porträtierten Karl Schiller, einer Persönlichkeit, in der sich auf eine ganz eigene Weise zentrale Stränge der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert bündeln.
ANDREAS RÖDDER.
Torben Lütjen: Karl Schiller (1911-1994). "Superminister" Willy Brandts. Dietz Verlag, Bonn 2007. 403 S., 34,- [Euro].
Buchtitel: Karl Schiller (1911-1994) - "Superminister" Willy Brandts
Buchautor: Lütjen, Torben
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2008, Nr. 110 / Seite 8
