Die verbrecherischen Befehle, mit denen Hitler die Kriegführung im Ostfeldzug bewusst radikalisierte, wurden erst in den sechziger Jahren zu einem wirklichen Forschungsanliegen. Bis dahin dominierte eine vorwiegend apologetische Sicht der militärischen Führung, die einen scharfen Schnitt zog zwischen eigener und politischer Verantwortlichkeit. Die Befehle seien gar nicht bis in die Verbände durchgedrungen oder hier zumindest mehrheitlich sabotiert worden. Selbst als die Beteiligung der Wehrmachtführung am Zustandekommen der "Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland" nicht mehr zu widerlegen war, relativierte eine exkulpierende Gegenstrategie die eigene Verantwortung wie die Beteiligung der Truppe weiterhin als nicht repräsentativ für das Ostheer.
Eine Gesamtanalyse ist längst überfällig. Dieser Herausforderung stellt sich jetzt Felix Römer mit der bislang umfassendsten Auswertung der Akten und einer differenzierenden Analyse der Abläufe und Ergebnisse. Aus dem erreichten Forschungsstand werden dazu zwei leitende Fragestellungen aufgegriffen: Wie exemplarisch war eine weitgehend reibungslose Durchführung im Ostheer tatsächlich? Und welcher Grad an Abweichungen lässt sich dabei konstatieren? Letztlich kreist das alles um die Kernfrage, welches Maß an Akzeptanz die Kommissarrichtlinien in der Führung wie bei den Verbänden und Soldaten gefunden hat. Aufbauend auf dem bisherigen Kenntnisstand über die Befehlslage, wird diese in die allgemeine Problematik einer gezielten Vernichtungspolitik eingebettet. Danach wendet sich die Darstellung zwei zentralen Komplexen zu: der Weitergabe der Befehle von der Wehrmachtsspitze über die Großverbände und - so weit von den Quellen abgedeckt - bis auf Bataillons- und Kompanieebene; daran anschließend der Durchführung mit ihren Dimensionen, Gegenreaktionen und Handlungsspielräumen. Dafür wird zunächst eine Typologie der Akten entwickelt, um den großen Schwankungen in der Überlieferung und deren differierender Aussagekraft auf die Spur zu kommen. Das reicht von großer Offenheit über charakteristische Sprachregelungen bis zu gezielter Verschleierung oder Herauslassung als Kennzeichen für vorhandenes Unrechtsbewusstsein.
Dichte Nachweise können dafür erbracht werden, dass unter der Generalität gerade im Ostfeldzug eine breite Übereinstimmung mit Hitlers Formel von der Andersartigkeit dieses Krieges als eines "Kampfes von Weltanschauungen" vorherrschte. Dieser weitere Beleg für den Erfolg einer zunehmenden Ideologisierung in der Wehrmacht ist bis weit in die Truppe hinein zu verfolgen. Die befehlsgemäße Weitergabe der Befehle kann nahezu minutiös als ein Routinevorgang durch die militärische Hierarchie nachgezeichnet werden. Tabellarisch dokumentieren lässt sich dies anhand von Übersichten über die Weitergabe der Befehle und ihre Durchführung einschließlich der nachweisbaren Exekutionen. Selbst jenseits einer beträchtlichen Dunkelziffer können für 1941/42 annähernd 4000 Erschießungen von Politkommissaren sicher festgestellt werden. Die Bereitschaft zu befehlskonformem Verhalten reichte bis in die Kreise späterer Offiziere des Widerstandes und resultierte insbesondere bei der höheren Führung wesentlich aus einem verbreiteten Antibolschewismus seit der Revolution von 1918/19. Wo es zu Einwänden oder Abweichungen kam, wurden dafür in aller Regel disziplinare Sorgen um eine "Verwilderung" der Truppe angeführt.
Dabei korrelieren Höhe- und Wendepunkte der Blitzkriegsstrategie mit den Schwankungen in der Vernichtungspraxis. Nach den Siegen in den Anfangsschlachten und bei den Offensivstößen in die Tiefe musste man sich in der Führung des Ostheeres im Spätherbst 1941 das Scheitern der erwarteten schnellen Feldzugsentscheidung eingestehen. Bis in die Truppe hinein wurde unübersehbar, wie sehr man die Widerstandskraft dieses Gegners unterschätzt, ja sie durch eigene Brutalität sogar noch erheblich gesteigert hatte. Außerordentlich hohe eigene Verluste hatten einen durchgängigen Stimmungsabfall zur Folge. Um dem gegenzusteuern, nutzte die Führung an der Front jetzt die in der Befehlslage angelegte Brutalisierung der Kriegführung zur Kompensation verbreiteter Frustration und Rachsucht der Soldaten. Zähigkeit im Kampf und Grausamkeiten gegen deutsche Gefangene wirkten wie ein nachträglicher Beweis dafür, dass man im Politkommissar den Verantwortlichen dafür haftbar machen konnte.
Spätestens in den Winterschlachten griffen die Kommandeure dann allerdings aus wohlverstandenem Eigeninteresse zunehmend steuernd ein, da die wahllosen Erschießungen den Widerstandswillen der sowjetischen Soldaten nachweisbar zusätzlich steigerten. Was mithin bereits 1942 zu einer Abkehr von der radikalen Erschießungspraxis der ersten Feldzugsmonate führte, war nicht ein ethisch motivierter Einstellungswandel, sondern das Bewusstwerden ihrer kontraproduktiven Wirkungen.
BRUNO THOSS
Felix Römer: Der Kommissarbefehl. Wehrmacht und NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2008. 667 S., 44,90 [Euro].
Buchtitel: Der Kommissarbefehl - Wehrmacht und NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42
Buchautor: Römer, Felix
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2010, Nr. 32 / Seite 6