Nach altem Muster

18. März 2005 Hans G. Kippenberg/Tilman Seidensticker (Herausgeber): Terror im Dienste Gottes. Die "Geistliche Anleitung" der Attentäter des 11. September 2001. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004. 128 Seiten, 14,90 [Euro].

Welches waren die wahren Motive der terroristischen Anschläge des 11. September? Hans Kippenberg und Tilman Seidensticker orientieren sich bei der Antwort auf diese Frage an einem Dokument, das in der Reisetasche des Attentäters Muhammad Atta gefunden wurde. Diese "Geistliche Anleitung" ist Thema des Buches "Terror im Dienste Gottes". Die Autoren gehen von der Echtheit des Schreibens aus, das genaue Anweisungen für die Vorbereitung und die Durchführung der Attentate in den Vereinigten Staaten enthält. Die beiden Herausgeber sehen in Gestalt und Wortwahl des Textes Entlehnungen aus mündlichen und schriftlichen islamischen Traditionen: Die "Geistliche Anleitung" Attas ist als Kriegsrede konzipiert und bietet eine ausschließlich religiöse Rechtfertigung für die Taten des 11. September. Die 19 Männer, die am Morgen dieses Tages das größte terroristische Fanal der jüngsten Geschichte angerichtet haben, sahen sich demnach als Nachfolger der muslimischen Krieger, die wie Muhammad selbst dem Kampf gegen die Feinde des Islam verpflichtet sind.

Die "Geistliche Anleitung" schreibt rituell vor, wie sich die Attentäter am Morgen der Tat, auf dem Flughafen und schließlich im Flugzeug zu verhalten haben. Wie die Soldaten der islamischen Frühzeit sollten heute Muslime gegen die übermächtig scheinende westliche Zivilisation kämpfen. Wie der Soldat vor der Schlacht sollen deshalb auch die modernen Kämpfer für Allah sich mit Waschungen und Gebet vorbereiten, stets den Ruf "Allahu Akbar" - Allah ist am größten - rezitierend. "Dieser Ruf löst beim Feind Furcht aus", heißt es dazu in der "Geistlichen Anleitung". Die Attentäter sollen sich den Schlachtruf tausendmal leise rezitieren und sich dabei stets vor Augen führen, daß ihr terroristischer Schlag "ein Kriegszug auf dem Wege Gottes ist, so wie der Prophet es sagte".

Seidensticker und Kippenberg belegen anhand von Quellennachweisen, daß es zum Wesen des frühen Islam gehörte, gewaltsam vorzugehen, wenn es der Sache Muhammads gedient hat. Als Ausgangspunkt der "Geistlichen Anleitung" sehen die Autoren die Suren 8 und 9 des Koran, die die Muslime auffordern, die Nichtmuslime überall zu töten, wo sie diese antreffen. "Die Gewalttaten des 11. September 2001 sind als Neuinszenierung eines alten Musters der gewaltsamen Durchsetzung des Islam konzipiert worden", resümiert Kippenberg. "Terror im Dienste Gottes" zeigt auf, daß die Stilistik der Schlachtrede nicht nur von Atta, sondern auch von Bin Ladin oder Saddam Hussein heute wieder rhetorisch genutzt wurde und wird. So lebt der Islam der ersten Stunde in den ideologischen Welten dieser Männer wieder auf.

Der Kampf für die Durchsetzung des Islam, der gihad, so die Autoren, wurde in den Augen Attas zur Pflicht jedes Muslims, da die Herrscher und die Regierenden in der islamischen Welt dem Vorbild Muhammads nicht mehr Folge leisteten. Atta lasse in seinem Schreiben keinen Zweifel daran, daß der Kampf, für den er Rechtfertigungen namhafter Muftis aus der islamischen Welt anführe, "so lange weiterzugehen habe, bis es auf der Welt keine Juden und Christen mehr gebe". In der Konsequenz bedeute diese Sichtweise, daß "nicht die bloße Unterwerfung der anderen Schriftreligionen das Endziel ist, sondern ihre Auslöschung". Die klassische Lehre des Islam, wonach die Welt aus einem Haus des Islam, in dem Frieden ist, und einem Haus des Krieges, in dem die Ungläubigen wohnen, besteht, ist heute noch aktuell und wird vor allem für die Begründung einer Islamisierung christlicher Länder angeführt. Diese Lehre verwirft aber gerade den Mord an Zivilisten, Frauen und Kindern, der die Attentate des 11. September so grausam und aus Sicht vieler Muslime "unislamisch" macht.

Kippenberg und Seidensticker machen bei ihrer Expertise deutlich, daß diese Auslegungen politisch radikaler Muslime nicht die einzige Deutungsweise des Islam ist. Es muß deshalb, so ihr Ausblick, von Interesse sein, welche politischen und religiösen Akteure in der islamischen Welt heute auf diese Deutung des Islam setzen. Ihre ganze Arbeit weist darauf hin, daß eine ausschließlich politische Deutung der Attentate vom 11. September zu kurz greift. Die Dimension des Religiösen, die in der "Geistlichen Anleitung" deutlich artikuliert wird, ist konstitutiv für das Selbstverständnis der Attentäter gewesen. Diese Taten können weder mit dem abgeklärten Desinteresse gegenüber Religion, das in den zivilen Gesellschaften der westlichen Welt vorherrscht, noch mit politischen Theorien erklärt werden. Die Täter des 11. September handelten in ihrem Sinne gut, sie erhoffen sich für den Mord Tausender Unschuldiger die Segnungen ihres Gottes. Das mutmaßen nicht die Autoren Kippenberg und Seidensticker, sondern das formuliert die "Geistliche Anleitung" selbst: "Lächle dem Tod entgegen, junger Kämpfer, denn du gehst gleich in die ewigen Gärten."

ALEXANDER GÖRLACH



Buchtitel: Terror im Dienste Gottes
Buchautor: Kippenberg, Hans G.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2005, Nr. 65 / Seite 7

 
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