Rezension: Sachbuch

Der Keim des Scheiterns

20. März 1998 Edward W. Said: Frieden in Nahost? Essays über Israel und Palästina. Aus dem Amerikanischen von Michael Schiffmann. Palmyra Verlag, Heidelberg 1997. 272 Seiten, 34,- Mark.

Eigentlich ist er ja Literaturwissenschaftler für englischsprachige Literatur und lehrt in Amerika. Das hält Edward W. Said aber nicht davon ab, zu politischen Fragen eindeutig Stellung zu nehmen. Vor zwanzig Jahren schockierte er die westlichen Orientforscher in seinem Buch "Orientalism" mit der These, sie hätten mehr den exotischen Träumen und imperialen Bedürfnissen ihrer Bürger und Regierungen gedient als einer vorurteilsfreien Erforschung der arabisch-islamischen Welt. Der Mann war bis zu seinem Austritt vor einigen Jahren auch Mitglied des Palästinensischen Nationalrates, des "Exilparlaments" der Palästinenser. Als "Arafats Mann" knüpfte er schon 1979 die ersten Kontakte zwischen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der amerikanischen Regierung. Doch dann überwarf er sich mit Arafat, zu dessen glühendsten Anhängern er einst gehört hatte.

Der Grund: Said glaubt, daß sich die Palästinenser - er selbst ist arabischer Christ aus Ostjerusalem - mit den Abmachungen von Oslo im Jahre 1993, die den nahöstlichen Friedensprozeß einleiteten, ohne Not an die Israelis verkauft haben. Er sagt das in seinen Artikeln, die im vorliegenden Band zusammengefaßt sind, nicht ganz so deutlich, meint es aber. Said kann heute als Anhänger des in Gaza lebenden Arztes und Palästinenser-Sprechers Haidar Abdal Schafi gelten, der seinerzeit die palästinensische Delegation bei der Madrider Nahost-Konferenz geleitet, sich nach Oslo aber ebenfalls von Arafat abgewandt hatte.

Der Band enthält Artikel aus Saids Feder aus den letzten fünf Jahren. Die meisten von ihnen wurden in führenden amerikanischen und arabischen Zeitungen publiziert. Als engagierter Beobachter hat Said den Verlauf des Friedensprozesses unter Rabin, Peres und schließlich unter Netanjahu analysiert. Man wünschte sich, sein vernichtendes Urteil über den "Verfall" des Friedensprozesses träfe nicht zu. Doch sieht man einmal von den oft zugespitzten Formulierungen ab, so gibt es dazu leider wenig Anlaß. Mit Arafat hat Said offenbar endgültig gebrochen.

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Frieden in Nahost?
von Said, Edward W.
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Der gesamte Oslo-Prozeß leidet nach seiner Ansicht an einer Einseitigkeit zugunsten Israels, die durch die fast bedingungslose amerikanische Unterstützung der Jerusalemer Regierung noch verstärkt wird. Die Abmachungen von Oslo hätten von Beginn an den Keim des Scheiterns in sich getragen - ein Ungleichgewicht zuungunsten der Palästinenser, das sich spätestens mit der Politik des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu deutlich zeigte.

Said weiß sehr wohl, daß der Oslo-Prozeß die politische Landschaft im Nahen Osten verändert hat. Doch die Palästinenser hätten eine dürftige und territorial zersplitterte "Autonomie" mit der Preisgabe des größten Teils ihrer Rechte erkauft. Die Hoffnung auf einen palästinensischen Staat sei jetzt geringer als vor einigen Jahren. Nach Auffassung Saids hat sich Arafat fast auf Gedeih und Verderb den Interessen Israels verschrieben, vor allem wegen der Frage der Sicherheit.

Hart ins Gericht geht Said mit der amerikanischen Nahost-Politik, die vor allem Israels Sicherheit im Auge habe und darauf den gesamten Prozeß einer Aussöhnung zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn begründen wolle. Manche Formulierung zeugt dabei von jenem latenten Anti-Amerikanismus, der der arabischen Welt inhärent zu sein scheint; doch in der Sache wird man ihm schwer widersprechen können. Die Parteinahme Washingtons für Israel ist oft so kraß, daß der Autor mutmaßt, die arabischen Länder gehörten eben für den Westen, besonders jedoch für die Amerikaner, noch immer zu jenen im Prinzip "minderwichtigen" Staaten (es sei denn, sie hätten Öl), gegenüber denen Israel nicht nur im Zweifel immer Vorrang habe. Am Ende dieser lesenswerten Analysen und Polemiken bekennt sich Said zu einem Nahost-Frieden, der nur eine Chance habe, wenn er unter wirklich Gleichen ausgehandelt und abgeschlossen werde. WOLFGANG GÜNTER LERCH

Frieden in Nahost?



Buchtitel: Frieden in Nahost?
Buchautor: Said, Edward W.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.1998, Nr. 67 / Seite 11

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