Bilder eines bewegten Lebens

Altkanzler Helmut Schmidt gab Interviews und öffnete sein Privatarchiv

13. November 2003 Michael Schwelien: Helmut Schmidt. Ein Leben für den Frieden. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2003. 368 Seiten, 22,90 [Euro].

Hemut Schmidt hat Konjunktur. Der langjährige Hamburger Senator, Bonner Bundestagsabgeordnete, Fraktionsvorsitzende der SPD, Minister und Bundeskanzler erfreut sich des wachsenden Interesses der Biographen. Nach Martin Rupps und Hartmut Soell, der soeben den ersten von zwei geplanten Bänden eines monumentalen Lebensbildes vorgelegt hat (vgl. F.A.Z. vom 7. Oktober 2003), folgt nun innerhalb nur eines Jahres die dritte Lebensgeschichte des Altkanzlers. Daß ihr Autor seit mehr als zwei Jahrzehnten bei jener Hamburger Wochenzeitung Dienst tut, die von Helmut Schmidt herausgegeben wird, gibt dem Stück eine eigene Note, erklärt aber wohl auch, daß Schmidt "vor seinem schweren Herzinfarkt Ende August 2002 niemandem so viel Zeit für Interviews gewährt hat" wie Michael Schwelien. Daß dieser zudem "Zugang zum Archiv im Reihenhaus" des bald Fünfundachtzigjährigen erhalten hat und auch mehrfach von dessen Ehefrau Loki "empfangen" worden ist, entschädigt Autor wie Leser für die mit fünfzehn Titeln ausgesprochen übersichtlich geratene Bibliographie.

Schwelien, Jahrgang 1948, gehört einer Generation an, deren Vertreter der Politik des Bundeskanzlers Schmidt häufig "skeptisch bis ablehnend" gegenüberstanden: "Meine Sympathie galt Willy Brandt, mein Herz schlug noch ein bißchen links von dessen SPD. Als Schmidt ihn ablöste, fand ich das bedauerlich, glaubte, daß es nun aus sei mit den Emotionen in der Politik . . . Jahre später aber . . . mußte ich ihm in wesentlich bedeutenderen Fragen recht geben, vor allem seiner Politik zur Sicherung des Friedens. Heute finde ich das Erstaunlichste an Schmidt seine Weitsicht und das Durchstehvermögen." Gemeint ist vor allem der sogenannte Nato-Doppelbeschluß, mit dem die Atlantische Allianz, auf maßgebliches Drängen Schmidts, im Dezember 1979 die einseitige sowjetische Hochrüstung im nuklearen Mittelstreckenbereich in Europa beantwortete. Um so erstaunlicher, daß Entstehung, Formulierung und Umsetzung des Beschlusses von Schwelien äußerst knapp behandelt werden: Immerhin bildete die Frage der Stationierung neuer amerikanischer Raketen unter anderem in der Bundesrepublik den eigentlichen Grund für Schmidts Sturz, den Schwelien durchaus anschaulich beschreibt. Allerdings wird der Zusammenhang zwischen beiden Vorgängen aus der Darstellung nicht recht ersichtlich, weil Schwelien, als er mit seinem Bericht den Doppelbeschluß erreicht, den Sturz seines Helden längst hinter sich hat. Tatsächlich legt er auch keine Biographie im strengen Sinne des Wortes vor, zumal seine Geschichte mit dem Kanzlersturz des Oktobers 1982 endet, sondern Bilder eines bewegten Lebens, und die sind lesenswert, mitunter auch originell. Ob Schwelien es wohl darauf angelegt hat, daß sich der Leser bei seiner Beschreibung der Dämmerstunden der zweiten sozialdemokratischen Kanzlerschaft an die Gegenwart erinnert fühlt? "Ich gehe", sagte am 10. September 1982 ein SPD-Bundestagsabgeordneter im Fernsehstudio, "immer noch davon aus, daß die sich zusammennehmen und daß wir das weitermachen." Damals meinte Gerhard Schröder die liberalen Partner der Koalition.

GREGOR SCHÖLLGEN

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Helmut Schmidt - Ein Leben für den Frieden
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Buchtitel: Helmut Schmidt - Ein Leben für den Frieden
Buchautor: Schwelien, Michael

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2003, Nr. 264 / Seite 8

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