23. Juli 2008 Mitte des 19. Jahrhunderts ging - wie das Kommunistische Manifest eingangs feststellte - ein Gespenst in Europa um: das Gespenst des Kommunismus. Es wurde dann im 20. Jahrhundert sehr real, gewaltträchtig und politikbestimmend in den nationalen und internationalen Beziehungen, bis die kommunistische Gefahr obsolet wurde. Seit einiger Zeit scheint nun das Gespenst der Klimakatastrophen umzugehen - nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Und inzwischen gilt in Wissenschaft und Politik der Klimawandel als reales globales Problem ersten Ranges, zu dessen Lösung unzählige nationale und internationale Konferenzen abgehalten und mehr oder weniger verpflichtende Resolutionen und Programme verabschiedet werden - von Kyoto bis Heiligendamm. Sogar der UN-Sicherheitsrat hat sich im vorigen Jahr damit befasst und den Klimawandel als Gefahr für den Weltfrieden identifiziert. Wird also das 21. Jahrhundert das Zeitalter der Klimakatastrophen und der Klimakriege? Der Sozialpsychologe Harald Welzer liegt voll im Trend, indem er die Frage bejaht: "Das 21. Jahrhundert ist in Ermangelung zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle utopiefern und ressourcennah - es wird getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchen, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten."
Dem Autor geht es im Kern um den Nachweis der "ökosozialen Verknüpfung" zwischen Klimawandel und Gewalt. Ob dabei der schlagwortartige Begriff "Klimakriege" glücklich gewählt und - jenseits seiner Werbewirksamkeit - hilfreich ist, sei dahingestellt. Welzer räumt selbst ein, dass bisher nur der Darfur-Konflikt als Klimakrieg bezeichnet werden kann. Ansonsten ist Klimawandel nach Ausweis der einzelnen Analysekapitel ein Faktor neben anderen, der freilich überall wirksam sei: Klimawandel verschärfe die bestehenden Ungleichheiten auf internationaler und innerstaatlicher Ebene und zwischen entwickelten und weniger entwickelten Regionen, wodurch unter anderem auch der Terrorismus legitimiert und verstärkt werde. Klimawandel schaffe neue Gründe für Gewaltkonflikte. Er vertiefe die Verletzbarkeit fragiler oder scheiternder Staaten und lasse die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen anwachsen. Er beschleunige die Veränderungen in der Staatenkonfiguration (die allerdings vom Autor nicht beschrieben werden).
Der Klimawandel erhöhe innerstaatlich die Spannungen und erzeuge infolge der Migrationsbewegungen den Druck in westlichen Staaten, sicherheitspolitische Lösungen anzustreben, die Demokratie und Freiheit gefährden und die Menschen (in Reaktion auf die "gefühlten Probleme" des Klimawandels) zum Töten bereit machen. Der Autor prognostiziert, dass in diesem Sinne die "heißen Raum- und Ressourcenkonflikte" in den nächsten Jahrzehnten fundamentale Auswirkungen auf die Gestalt der westlichen Gesellschaften haben werden. Den analytischen Teil abschließend, heißt es: "Es gibt Klimakriege, es wird getötet, gestorben, geflohen. Empirisch existiert nicht der mindeste Grund, zu glauben, dass die Welt so bleibt, wie wir sie kennen."
Sind das neue Einsichten oder eher Zuspitzungen? Welzer erweist sich in diesem Buch (entgegen der Charakterisierung im Klappentext) nicht als "Querdenker", sondern als Sprachrohr des alarmistischen Zeitgeists. Sein originärer Beitrag ist die sozialpsychologische Interpretation der Gewaltfolgen des Klimawandels - mittels einer Reihe soziologischer Theoreme (Rahmenanalyse/Referenzrahmen, kulturelle Wahrnehmungsformate, Dissonanzreduktion, shifting baselines). Ob diese Interpretation die neue, ja erst im Entstehen begriffene Realität zu erfassen vermag, wird die Zukunft zeigen.
Gibt es eine "rettende Handlungsstrategie", um künftiges Überleben zu ermöglichen? Welzer meint, dass weder durch individuelle Verhaltensänderungen noch durch zwischenstaatliche Vereinbarungen das Problem des Klimawandels lösbar ist. Er lenkt den Blick stattdessen auf die "mittlere Ebene", auf das "kulturelle Handlungsfeld" der eigenen Gesellschaft, die zum Akteur des radikalen Wandels zum Besseren hypostasiert wird. Dieses Konzept der "guten Gesellschaft" favorisiere nicht Verzicht, sondern Teilhabe, Engagement und "empowerment" für ein besseres Klima in der Gesellschaft, wodurch der Klimawandel "ein starting point für einen grundlegenden kulturellen Wandel" wäre, "und zwar einer, in dem die Reduktion von Verschwendung und Gewalt nicht als Verlust gesehen wird, sondern als Gewinn". Welzer nennt das "die dritte Moderne": Die gute Gesellschaft der Zukunft "erzählt eine neue Geschichte über sich selbst". Das ist bestenfalls schöne soziologische Lyrik, ausdrücklich bestimmt für Optimisten, denen mit Heiner Müller ein "Mangel an Information" attestiert wird. Hingegen gesteht der informierte Autor schlussendlich, dass er selbst nicht an den Erfolg der kulturellen Handlungsalternative glaubt; dass sie scheitern wird. Die Sache mit dem Klimawandel werde nicht gut ausgehen.
WERNER LINK
Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 335 S., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird
Buchautor: Welzer, Harald
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2008, Nr. 170 / Seite 7