27. Juni 2008 Achthunderttausend bis eine Million Tote, vor allem Angehörige des Volkes der Tutsi, zumeist brutal abgeschlachtet, in einem Zeitraum von nur drei Monaten: das ist die unfassbare Dimension des Völkermordes in Ruanda im Frühjahr 1994. Als die Weltöffentlichkeit endlich begriff, was sich im zuvor oft als "Schweiz Afrikas" charakterisierten, scheinbar idyllischen Land in Zentralafrika abspielte, war es zu spät. Diese Ignoranz kann jedoch nicht mit mangelnden Informationen erklärt werden. Aber wie dann? Die Regierungen in Washington, London oder Paris hatten wohl gerade andere Sorgen, etwa die Entwicklungen auf dem Balkan. Und in Südafrika fanden die ersten freien Wahlen nach dem Ende der Apartheid statt und schienen von einer blühenden Zukunft des gesamten Kontinents zu künden. Endlich einmal gute Nachrichten aus Afrika, da störte Ruanda nur. Rassismus spielte beim Nicht-Hinsehen ebenfalls eine Rolle. Unvergessen ist bis heute der zynische Ausspruch des französischen Präsidenten Mitterrand, "in Ländern wie diesen ist ein Genozid nicht so bedeutsam".
Während die Welt wegschaute, suchte der Befehlshaber der Truppen der Vereinten Nationen in Ruanda, Roméo Dallaire, vergeblich um Verstärkung an. Er hatte Anfang 1994 - bald nach seinem Amtsantritt - erfahren, dass das Regime in Kigali Waffen sammelte, Todesschwadrone ausbildete und Listen aller Tutsi aufstellte. Überdies wurden Anschläge auf die Blauhelme vorbereitet, um sie zum Abzug zu zwingen. Dallaire schickte sofort ein Fax an das UN-Hauptquartier nach New York. Er werde die Waffenlager ausheben, zum Selbstschutz und um einen Genozid zu verhindern. Die Existenz dieses Fax wurde später jahrelang geleugnet. Die Antwort aus New York kam jedoch postwendend. Dallaire solle nichts unternehmen und "neutral bleiben". Die Katastrophe nahm ihren Lauf.
An seinen Erlebnissen in Ruanda ging der Karrieresoldat Dallaire beinahe zugrunde. Mehrfach versuchte er sich umzubringen, war lange in psychiatrischer Behandlung. Schließlich fand er die Kraft, schmerzhafte Erinnerungsarbeit zu leisten, und schrieb einen detaillierten, erschütternden Bericht über seine Erfahrungen während des Völkermords, der erstmals vor fünf Jahren in englischer Sprache erschien. Der vorliegenden deutschen Ausgabe ist ein sehr informatives Nachwort des Berliner Journalisten Dominic Johnson beigefügt, das hilft, die Flut an Daten und Eindrücken besser einzuordnen. Die Botschaft von Dallaire ist hingegen eindeutig. Der Genozid in Ruanda hätte verhindert werden können, doch Gleichgültigkeit, Egoismus und rassistisches Denken führten dazu, dass der Westen wegschaute und das barbarische Morden zuließ. Es gibt inzwischen zahlreiche gut recherchierte und klug argumentierende Studien, welche die komplexen Hintergründe und den Verlauf des Völkermordes in Ruanda analysieren. Doch keine rechnet so scharf mit der sogenannten internationalen Gemeinschaft ab. Dieser Gemeinschaft gelang es nicht, schreibt Dallaire, "um Ruanda willen ihre Eigeninteressen zurückzustellen. Die meisten Länder stimmten zwar zu, dass etwas unternommen werden musste, aber sie fanden alle eine Entschuldigung, warum sie selbst nichts unternehmen konnten. Als Folge fehlte es hinter den UN an politischem Willen, daher blieben ihr die Mittel versagt, um die Tragödie zu verhindern." Dallaire findet zwar sehr kritische Worte über die verkrusteten Strukturen der Vereinten Nationen, aber er verteidigt auch die Organisation, sogar deren späteren Generalsekretär Kofi Annan, der damals die zuständige Kommission für Friedensmissionen leitete und Hilfe verwehrte. Die UN könnten immer nur so viel tun, wie die einzelnen Staaten ihnen gestatteten.
Dallaire blieb gegen alle Order in Ruanda, und es gelang ihm, zahlreiche Menschenleben zu retten. Doch vermochte er am Ende nicht zu verhindern, dass viele Hunderttausend auf grausame Weise ermordet wurden, mit Macheten zerhackt, lebendig verbrannt, zu Tode vergewaltigt. Und so spricht er sich schuldig, weil er unfähig gewesen sei, New York von der Notwendigkeit des Handelns zu überzeugen. Seine Empörung, seine Wut, seine Ohnmacht sind auf vielen Seiten des Buches zu spüren. Fassungslos musste der General etwa mit ansehen, wie wenige Tage nach dem Beginn des großen Mordens tatsächlich belgische, italienische und französische Truppen in Ruanda landeten - aber nicht, um die Massaker zu stoppen, sondern um ihre Landsleute zu evakuieren. "Ich habe Leute gesehen, die dort seit Jahrzehnten lebten, wie sie mit schweren Koffern und ihrem Hund wegliefen, sich von Soldaten zum Flughafen bringen ließen", berichtet Dallaire. "Um Tutsis und Hutus, die ihr Leben lang für sie gearbeitet hatten, kümmerten sie sich nicht. Sie ließen Menschen, die sich mit Herz und Seele für sie eingesetzt hatten, die ihre Kinder aufgezogen hatten, einfach hängen."
Der von Tutsi geführten Rebellenarmee "Ruandische Patriotische Front" gelang nach drei Monaten der militärische Sieg gegen die Völkermörder. Mehrere Millionen Hutu - Zivilisten, aber auch die Drahtzieher des Genozids - flohen in die Nachbarländer, wo sie unter oft katastrophalen Bedingungen in Flüchtlingslagern hausten. Parallel fielen zahllose humanitäre Helfer und Polittouristen in Ruanda ein. Das gab Dallaire den Rest. Denn die nun plötzlich en masse offerierten Hilfsangebote gingen, schreibt er, häufig völlig an den realen Problemen des Landes und der Menschen vorbei. Völlig ausgebrannt und von Schuldgefühlen zerfressen, quittierte Dallaire im August 1994 seinen Dienst. "Handschlag mit dem Teufel" ist ein beeindruckendes, aber zugleich furchtbar deprimierendes Buch. Die Lektüre sollte sich dennoch niemand ersparen.
ANDREAS ECKERT
Roméo Dallaire: Handschlag mit dem Teufel.
Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am
Völkermord in Ruanda. Aus dem Englischen
von Andreas Simon dos Santos. zuKlampen!
Verlag, Springe 2008. 651 S., 24,80 [Euro].
Buchtitel: Handschlag mit dem Teufel - Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda
Buchautor: Dallaire, Roméo
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2008, Nr. 148 / Seite 8
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