20. August 2009 In Berlin hat Blanka Vlasic mit Nachdruck daran erinnert, wie tapfer sie ist. Bei den morgendlichen Aufwärmübungen, die sie üblicherweise nicht im Hotelzimmer, sondern auf dem Flur vornimmt, schlug die 1,93 Meter lange Kroatin mit dem Kopf am Türrahmen an. Um halb sieben Uhr morgens musste sie sich ins Krankenhaus fahren lassen, wo die Wunde mit sechs Stichen genäht wurde. Ach, das ist nichts, sagte sie, nachdem sie sich wenige Stunden später mit vier Sprüngen - von 1,85 bis 1,95 Meter - ins WM-Finale an diesem Donnerstag hineingesteigert hatte. Ich habe ein bisschen Kopfschmerzen, kein Problem. So geht die 25 Jahre alte Kroatin auch mit schmerzhaften Niederlagen um: nur kein Kopfzerbrechen machen. Nach 34 Siegen nacheinander übersprang sie bei den Olympischen Spielen in Peking 2,05 Meter - und wurde die erste Athletin, die mit einer solchen Höhe nicht siegte. Die Belgierin Tia Hellebaut schnappte ihr, weil sie weniger Versuche bei derselben Höhe hatte, die Goldmedaille weg.
Ich habe an jenem Abend nicht verloren, beharrt Blanka Vlasic. Ich fühle mich nicht als Verliererin. Trotzdem kommen bis heute Menschen auf sie zu, um ihr Mitgefühl und sogar Mitleid auszudrücken - schließlich unterlag die zuvor so siegessichere Kroatin auch noch beim Finale der Golden League in Brüssel der Deutschen Ariane Friedrich. Das kostete sie, die Überfliegerin der Saison, kurz nach der Goldmedaille auch noch eine halbe Million Dollar, ihren Anteil am Jackpot. Ariane Friedrich hat sich seitdem zur First Lady des Hochsprungs aufgeschwungen. Blanka Vlasic, die schon lange nicht mehr so kokett auf der Matte getanzt hat, wie sie es seit der Weltmeisterschaft von Osaka 2007 und der Hallen-Weltmeisterschaft 2008 bis zum Rückschlag in Peking nach ihren Wettkämpfen tat, beeindruckt vor allem mit der Würde, mit der sie verliert.

In Peking konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen; es war schrecklich, erinnert sich die Hochspringerin. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu realisieren, dass die Silbermedaille ein Gewinn ist. Mehr als von dem Wettkampf war ich davon enttäuscht, wie die Leute reagierten. Die kroatische Presse warf ihr wie schon oft vor, in wichtigen Wettkämpfen zu versagen. Mancher Journalist konnte sich Häme nicht verkneifen. Ich verstehe das gar nicht, behauptet sie. Es gibt keinen Grund, von einer olympischen Silbermedaille enttäuscht zu sein.
Ich hatte richtig großen Stress, ich war in einer kleinen Krise
Ariane Friedrich gewann bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin mit 2,01 Meter den Titel, Blanka Vlasic schied mit 1,92 Meter aus. Die Kroatin bestreitet, dass die Frankfurterin sie mit der Höhe von 1,90 Meter beim Einspringen beeindruckte und entmutigte. Beim Istaf in Berlin wiederholte sich das Schema: Ariane Friedrich stieg spät in den Wettkampf ein und - Frechheit siegt - brach mit ihrem dritten Sprung (über 2,06 Meter) den deutschen Rekord und stellte die bisherige Jahresbestleistung auf.
Die Niederlage von Turin, die dritte gravierende nacheinander, ließ Blanka Vlasic und ihre Trainer - Vater Josko und den früheren Hochspringer Bojan Marinovic - realisieren, wie erschöpft die Athletin war. Das ist normal nach einigen Jahren mit hochwertigen Wettkämpfen. Ich hatte richtig großen Stress, ich war in einer kleinen Krise, räumt sie ein. Nicht, dass ich ans Aufhören gedacht hätte, aber ich hatte keine Lust mehr. Insofern war das schlechte Abschneiden gut: Turin wirkte wie ein Wecker. Als ich wieder angefangen habe mit dem Training, fühlte ich mich wie am Anfang meiner Karriere. Ich bin ganz wild drauf zu zeigen, was ich kann. Ich hatte ein paar Probleme, aber jetzt bin ich stärker als je zuvor. Die Titelverteidigerin tritt in Berlin als Herausforderin an.
Ich wiege 68 Kilo und ich fühle mich großartig
Blanka Vlasic hat sich auch äußerlich verändert. Im Herbst ließ sie ihre Nase operieren, über den Winter nahm sie ein, zwei Kilogramm ab. Das ist kein Geheimnis, sagt sie. Ich wiege 68 Kilo und ich fühle mich großartig. Den Einstieg in die Weltklasse hatte sie sich bereits vor ein paar Jahren mit drastischem Gewichtsverlust erkauft. Wenn ich Muskelmasse verlieren würde, wäre das schlecht. Aber ich habe nur Fett reduziert, sagt sie.
Auf die Belohnung wartet sie immer noch. Ihren besten Wettkampf zeigte sie beim Einstieg in die Saison im Mai in Doha, als sie 2,05 Meter übersprang. Ich warte immer noch auf den richtig hohen Sprung, sagt sie und lächelt zuversichtlich. Ich habe gut trainiert, ich fühle mich perfekt. Von dem herausfordernden Verhalten Ariane Friedrichs will sich die Kroatin nicht beeindrucken lassen. Ich versuche, nicht zu sehr über Gegnerinnen nachzudenken, sagt sie. Doch es ist gut, dass jemand da ist, der mich fordert. Aber am Ende ist die Herausforderung die Höhe, nicht eine Gegnerin.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa