16. November 2003 Es ist weiterhin ungewiß, wer für den Anschlag auf die zwei Synagogen in Istanbul verantwortlich ist. Dennoch verdichten sich die Anzeichen, daß zwei Gruppen dahinter stecken: das Terrornetzwerk Al Qaida, das den Anschlag mutmaßlich ausgeführt hat, und eine lokale radikalislamische Gruppe, die die Ortskenntnis dafür bereitgestellt hat. Mit einem Anruf bei der Nachrichtenagentur Anadolu hat die Terrororganisation Islamische Front für die Kämpfer des Großen Ostens (IBDA-C) offiziell die Verantwortung übernommen. Der türkische Innenminister Aksu hält diese Selbstbezichtigung jedoch nicht für glaubwürdig.
Einiges stützt diese Annahme. Denn das Führungspersonal von IBDA-C sitzt mit wenigen Ausnahmen in türkischen Gefängnissen, und die türkische Polizei hat viele Zellen der Islamo-Anarchisten aufbrechen können. Ganz ausgeschaltet ist die IBDA-C aber nicht. Zwar wurde ihr Gründer und Führer Salih Izzet Erdis, der sich den Kampfnamen Salih Mirzabeyoglu zugelegt hatte, am 2. April 2001 vom Staatssicherheitsgericht in Istanbul zum Tod verurteilt; vollstreckt wurde das Urteil nicht. Auch waren im Dezember 2001 sechs weitere führende Mitglieder der Terrorgruppe ins Netz der türkischen Polizei gegangen. Sie hatten offenbar am Neujahrstag 2002 einen Anschlag auf eine Istanbuler Kirche geplant. Und im vergangenen Februar hat die Polizei ein weiteres Mitglied der Terrorgruppe festgenommen, das 1993 den Anschlag auf den jüdischen Industriellen Jak Kamhi durchgeführt haben soll. Etwa zeitgleich mit der Verurteilung von Erdis ist jedoch dessen Stellvertreter Ali Osman Zor wieder aus der Haft entlassen worden.
Die Bomben kamen später
Die IBDA-C hatte in den neunziger Jahren in den Großstädten der Westtürkei Attentate auf Einzelpersonen verübt, der türkische Hizbullah indessen in jener Zeit hatten seinen Aktionsradius im Südosten der Türkei. IBDA-C ist stets, anders als der Hizbullah mit seiner breiteren Basis, ein kleiner Zirkel um den Gründer Erdis geblieben. Grund dafür war dessen elitärer Anspruch. Erdis hat mehr als dreißig Bücher geschrieben, deren Sprache sehr abstrakt und theoretisch ist. Einem gewöhnlich gebildeten Türken ist sie nicht zugänglich. In der Zeitschrift Ak Dogus seiner Terrorgruppe hatte er sich einmal als den Denker, auf den die islamische Welt fünfhundert Jahre gewartet hat, feiern lassen.
Bis 1992 hat die IBDA-C auf ihre Opfer geschossen, danach hat sie Bomben eingesetzt. In einem 1986 erschienen Buch von Erdis/Mirzabeyoglu heißt es: Treffe deinen Feind so, daß er sich nicht mehr erhebt.
Mirzabeyoglu wurde 1950 geboren, und in den frühen siebziger Jahren trat er Erbakans Milli Selamet Partisi (MSP) bei. In ihr gründete er den militanten Flügel Akincilar. Er kritisierte zunehmend den Pazifismus der Partei, spaltete sich von ihr ab und formte aus den Akincilar seine Terrorgruppe IBDA-C.
Text: Her. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. November 2003