Kanzlerin im Weißen Haus

Bush mit Zeit und Lob für Merkel

Bush: Auf gute deutsche-amerikanische Beziehungen

Bush: Auf gute deutsche-amerikanische Beziehungen

13. Januar 2006 In Washington war man gespannt auf „die Neue“ aus Deutschland. Präsident George W. Bush hatte sich am Freitag viel Zeit für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) genommen. Rund drei Stunden verbrachten „the Cowboy and the Angel“, wie die „Washington Times“ beide im Vorfeld titulierte, miteinander in Gesprächen - auch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz und beim anschließenden Mittagessen.

Auch das sollte signalisieren, daß die frostigen Zeiten im deutsch-amerikanischen Verhältnis endgültig vorüber sind. Dabei fiel die Begrüßung Merkels im Oval Office nicht ganz so überschwenglich aus, wie manch einer erwartet hatte. Doch große Gesten der Herzlichkeit sind ohnehin nicht Merkels Stil. Nach ihrem Frühstück mit Kongreßmitgliedern war Merkel die rund hundert Meter vom Nordosteingang des Parks am Weißen Haus zum Westflügel des Gebäudes zu Fuß gegangen und hatte die kalte, dunstige Morgenluft genossen.

„The Cowboy and the Angel“

Merkels außenpolitischer Berater Christoph Heusgen und ihr Sprecher Ulrich Wilhelm gaben ihr während des Gangs letzte Instruktionen mit auf den Weg. Derweil wartete der Präsident in seinem Amtszimmer, wo er sie an der Tür mit einem Händedruck begrüßte. Danach schlossen sich die Türen zum Vier-Augen-Gespräch für 45 Minuten. Auf der Pressekonferenz später war die Stimmung zwischen Merkel und Bush gelöster. Merkel, so lobte Bush, sei „hochintelligent“. Vor allem glaubt er in der Kanzlerin eine Vertraute im Geiste gefunden zu haben: „Sie hat einen gewissen Geist, der mir sehr zusagt. Sie liebt die Freiheit“, hob der Präsident hervor. Beide vereine zudem, daß sie nicht durch erdrutschartige Wahlsiege ins Amt gekommen seien.

Als die Rede auf Merkels Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) kam, ist Bush das Heikle der Frage im Gesicht abzulesen. Doch der Präsident bleibt diplomatisch. Er grüße Schröder und hoffe, daß es ihm gut gehe, sagte Bush. Merkel will mit den Amerikanern nun ein „neues Kapitel“ in den bilateralen Beziehungen aufschlagen, und das Treffen mit Bush sei ein „guter Anfang“ gewesen. Es geht Merkel um ein Verhältnis, in dem man auch offene und ehrliche Worte finden kann, ohne daß sie gleich die Beziehungen belasten. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch Merkels Bedenken gegen das Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba zu werten, die sie im Weißen Haus vortrug - und die Bush zurückwies.

„Guter Anfang“

Auch in anderen Fragen sind die Vereinigten Staaten und Deutschland nicht immer einer Meinung, beispielsweise bei der Rolle der Uno oder in der Klimapolitik. Und in der Türkei-Frage setzt Washington im Gegensatz zu Merkels CDU auf eine Vollmitgliedschaft in der EU. In den Mittelpunkt der künftigen Beziehungen will Merkel aber „Gemeinsames, und nicht Trennendes stellen“. In der Einschätzung der Gefährlichkeit des Terrorismus sei man sich „völlig einig“, auch setzen Deutschland und die Vereinigten Staaten auf eine diplomatische Lösung der Krise um die atomaren Ambitionen des Iran. Merkel will zudem den wirtschaftlichen Austausch und die Forschungskooperationen vorantreiben. Kurzum: es geht der Kanzlerin um eine Intensivierung der Kontakte. Sie glaube, daß ein Teil der Mißverständnisse der Vergangenheit zwischen den Regierungen auch auf zu wenige Kontakte zurückzuführen sei, sagte sie überzeugt. Bereits im Mai wird sie wieder nach Übersee reisen. Anlaß ist das 100jährige Bestehen des American Jewish Committee.

Abseits der großen Weltthemen war der Besuch für Merkel zum Kennenlernen der amerikanischen Administration wichtig. Vor ihrer Antrittsreise in die Vereinigten Staaten hatte sie Bush nur einmal getroffen, nämlich vor einem Jahr für knapp 15 Minuten. Zwar war Merkel schon einmal im Februar 2003 im Weißen Haus - damals traf sie aber nur Vizepräsident Dick Cheney. Das Vergnügen, daß plötzlich Bush dazu stößt, wie es Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und der frühere Innenminister Otto Schily (SPD) bei ihren Besuchen erfahren durften, war Merkel damals nicht vergönnt.

Mit Deutschland rechnen

Für gute Beziehungen müsse man sich auch Zeit nehmen, machte Merkel bei ihrer Visite in Washington nun deutlich. Dazu reichten zwei oder drei Stunden im Jahr nicht aus. Eine „neue Romanze“ wird aus dem Verhältnis Bush-Merkel wohl kaum, wie die „Washington Times“ im Vorfeld mutmaßte. Wohl ist aber mit einem engeren Verhältnis zu rechnen, das sich auf Verläßlichkeit und Sachlichkeit gründet.

Schon beim Abendessen nach ihrer Ankunft am Donnerstag abend in der Residenz des deutschen Botschafters Wolfgang Ischinger wurde die neue Lockerheit in den Beziehungen offensichtlich. Merkel scherzte mit dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Colin Powell, plauderte mit der früheren Außenministerin Madeleine Albright und dem scheidenden Notenbankchef Alan Greenspan. Ihm erzählte Merkel, daß der erste Computer von dem Deutschen Konrad Zuse gebaut wurde - und daß Deutschland an solche Leistungen wieder anknüpfen will. Will heißen: Die Vereinigten Staaten können auf die Deutschen zählen und sollen auch mit ihnen rechnen.

Text: FAZ.NET mit Material von ddp
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb, REUTERS

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