Fernsehduell

Alle wollen Sieger sein

Ein Hauch von Nordkorea: Schröder und Merkel auf allen Kanälen

Ein Hauch von Nordkorea: Schröder und Merkel auf allen Kanälen

05. September 2005 Das von vier Fernsehsendern live übertragene Streitgespräch in Berlin Adlershof zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Unionskanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) haben fast 21 Millionen Zuschauer gesehen.

Die Zuschauerzahl von 20,97 Millionen entspricht einem Marktanteil von 59,7 Prozent, wie die Datenvermarktungsfirma Media Control am Montag mitteilte. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sowie die Privatsender RTL und SAT 1 hatten das Fernseh-Streitgespräch übertragen. Allein 9,69 Millionen Zuschauer sahen sich das Duell bei der ARD an. Es war das erste direkte Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten.

Union zufrieden

Merkel und Schröder in Aktion

Merkel und Schröder in Aktion

Die Reaktionen bei führenden Vertretern der Parteien waren wie erwartet unterschiedlich. Nach Ansicht des CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber hat Herausforderin Merkel eine gute Figur gemacht. „Sie hat mit Kompetenz und Schlagfertigkeit klar gepunktet“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Montag in München. „Es war ein Duell Zukunft gegen Vergangenheit“, sagte Stoiber. „Bei Schröder wurde deutlich, daß er Abschied nimmt.“ Der Kanzler habe kaum einen Gedanken für die Zukunft Deutschlands vorgestellt, dafür umso mehr über die Vergangenheit geredet. „Dagegen hat Angela Merkel ein klares Bild von der Zukunft Deutschlands entworfen, wie unser Land wieder nach vorne kommt.“ Das Duell sei fair gewesen, sagt Stoiber. Merkel sei „gegen den Medienkanzler in die Offensive gegangen“.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff sagte am Montag vor einer CDU-Präsidiumssitzung in Berlin, inhaltlich sei Merkel am Sonntag stärker gewesen als Schröder.

Koch: „Auf Augenhöhe“

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte, ihm habe Merkels Auftritt „sehr gut gefallen“. Koch verwies darauf, daß der Herausforderer immer in einer schwierigeren Lage sei als der Amtsinhaber. Dafür habe Merkel das „ganz prima gemacht“ und mit Schröder „auf Augenhöhe“ diskutiert.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Fraktion Norbert Röttgen (CDU) hob hervor, Merkel habe klar, sachlich und forsch argumentiert. Die Alternativen zwischen beiden Lagern sei nun klarer als vorher. Merkel selbst sagte, die Union habe eine „hervorragende Ausgangsposition“. Ihre Partei gehe „hochmotiviert“ in die Schlußphase des Wahlkampfes.

Müntefering: Positiver Trend für die SPD

Dagegen sieht der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering erwartungsgemäß die Wahl wieder als „völlig offen“ an. Schröder sei als klarer Sieger aus dem Vergleich mit Merkel hervorgegangen, sagte Müntefering am Montag in Abensberg. Die SPD habe einen positiven Trend in den Umfragen, der sich bis zum 18. September noch verstärken werde.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte im Deutschlandfunk, Schröder sei souverän gewesen und habe handlungs- und zukunftsorientiert gesprochen. Auch die Meinungsumfragen seien eindeutig. Das TV-Duell werde den Aufholprozeß der SPD „deutlich stärken“. Er kritisierte zugleich, daß das Thema Ostdeutschland in der Gesprächsrunde nicht vorgekommen sei.

Bisky: Schröder besser in der B-Note

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte im ZDF, Merkel habe ihre Argumente „besser verkauft, als mancher das erwartet hatte“. Schröder habe die Lage im Land dagegen besser dargestellt, als sie die Menschen erlebten.

Grünen-Fraktionschefin Krista Sager sagte dagegen, Schröder sei sympathisch gewesen und habe klare Botschaften gesetzt. Dabei habe er auch grüne Ziele etwa in der Umweltpolitik vertreten. Der Vorsitzende der Linkspartei, Lothar Bisky, sieht Schröder als Sieger des TV-Duells. „In der A-Note waren sie gleich und in der B-Note ist der Kanzler eben besser“, sagte Bisky in der ARD. Allerdings sei Merkel „nicht so blaß neben dem Kanzler geblieben“. „Insgesamt ist Schröder eben der Medienkanzler, und das wird er nicht mehr lange sein“, so Bisky.

Umfragen sehen Schröder als Sieger

Nach übereinstimmenden Ergebnissen mehrerer Institute sah eine weit überwiegende Zahl der Befragten den Bundeskanzler am Sonntag abend deutlich vor seiner Herausforderin von der Union. Nach den Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF hat Schröder das Streitgespräch mit seiner Herausforderin deutlich gewonnen. Nach einer Umfrage in mehr als 1000 Haushalten gaben 48 Prozent der Befragten an, Schröder sei besser gewesen. Wie die Forschungsgruppe Wahlen weiter ermittelte, sahen 28 Prozent Merkel vorne. Keinen Unterschied zwischen den beiden Kandidaten erkannten 24 Prozent. Merkel Auftritt wurde jedoch besser bewertet als erwartet.

Merkel bei Arbeit und Familie vorn

In der ARD-Umfrage hielten 49 Prozent der Befragten Schröder für „überzeugender“ als Merkel (33 Prozent). Bei der Mehrzahl der Einzelfragen lag Schröder ebenfalls vorne: Rentenpolitik (51:37 Prozent), Außenpolitik (71:19), Steuern (49:38). Bei der Familienpolitik (40:50) und beim Arbeitsmarkt (35:46) schnitt Merkel besser ab. Beide Politiker konnten nach Einschätzung der Forscher in ihren Lagern überzeugen.

In einer Forsa-Umfrage für RTL bezeichneten 54 Prozent Schröder am Sonntag abend als Sieger, 31 Prozent Merkel. Auf die Frage, wer das größere Vertrauen genieße, das Land zu regieren, nannten 55 Prozent Schröder, 37 Prozent Merkel. Nur im Kompetenzbereich Wirtschaft und Arbeitsmarkt lag Merkel mit 43 Prozent knapp vor Schröder (41). Bei der Frage nach der Sympathie erzielte Schröder 57, Merkel 31 Prozent.

Allerdings kommt es auch auf die Nachhaltigkeit der Ergebnisse an. Ein Forschungsprojekt des Allensbach-Instituts und der Universitäten Mainz und Dresden konstantierte kürzlich, daß die anschließende Berichterstattung darüber einen weit größeren Einfluß auf den Wahlausgang hat als die eigentliche Liveübertragung im Fernsehen.

Ohne offene Agression

Schröder und Merkel hatten beim einzigen im Fernsehen übertragenen Streitgespräch um das Vertrauen der Wähler geworben. Beide Kandidaten bemühten sich um einen überwiegend inhaltlichen Disput und vermieden aggressive oder herablassende Töne, stritten aber dennoch für einige Momente in angriffslustiger Atmosphäre. „Ich bitte um das Vertrauen der Wähler für die Politik, die ich bisher gemacht habe, und dafür, die sozialen Sicherungssysteme neu zu justieren“, sagte Schröder. Außerdem nannte er zu Beginn und am Ende des Gesprächs die Energiepolitik, die Außenpolitik, vor allem die Ablehnung des Irak-Kriegs („Deutschland, die mittlere Macht des Friedens“) als Argumente für seine Politik.

Merkel sagte, Deutschland werde unter seinen Möglichkeiten regiert, und warb für einen „kompletten Politikwechsel in Deutschland“. Sie bat die Wähler, sich ernsthaft zu fragen, ob Deutschland heute in einem besseren Zustand sei als vor sieben Jahren.

Die Union regiere in elf Bundesländern erfolgreich, und unter ihrem Vorsitz habe ihre Partei sich auf einen Modernisierungskurs festgelegt. „Wir können nur stark sein, wenn wir ökonomisch wieder stark werden“, sagte Frau Merkel. Es sei der „blanke Hohn“, wenn der Kanzler sage, unter Rot-Grün habe Deutschland sieben gute Jahre erlebt. Merkel sagte, sie habe die CDU auf Modernisierungskurs gebracht. „Genau das traue ich mir zu für Deutschland.“ Im Gegensatz zu Schröder könne sie sich ihrer „Truppen“ sicher sein.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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