Katholische Kirche

Bistümer in Not

Sparpläne sollen auch den Aachener Dom treffen

Sparpläne sollen auch den Aachener Dom treffen

29. September 2004 Zahlreiche Bistümer in Deutschland stehen vor einschneidenden Sparmaßnahmen. Nach dem Erzbistum Berlin sowie den Bistümern Hamburg und Trier kündigte jetzt das Bistum Aachen drastische Einschnitte an. Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff sagte am Mittwoch, die Veränderungen für das Bistum Aachen seien „so schnell und so umgreifend, wie es die deutsche Kirche noch nicht erlebt hat“.

Mit der mittlerweile dritten Staffel von Ausgabenkürzungen sollen im Bistum Aachen bis 2008 jährlich 60 Millionen Euro strukturell eingespart werden. Da die Einsparungen aber nicht sofort wirksam werden, bleibt vorerst eine Finanzierungslücke von 58 Millionen Euro. Sie soll durch zeitweiligen Lohnverzicht und Immobilienverkäufe überbrückt werden. Außerdem sollen künftige Haushalte von 2008 an einen „Risiko-Puffer“ von zehn bis fünfzehn Millionen Euro enthalten.

„Wir können viele Angebote nicht mehr machen“

Im Bistum ist schon jetzt die Rede von noch größeren Finanzlöchern, als der Bischof und sein Generalvikar von Holtum am Mittwoch eingestanden haben. „Wir können viele Angebote nicht mehr machen und viele Dienste und Einrichtungen nicht mehr halten“, sagte der Bischof. Gespart werden soll in allen Arbeitsfeldern, auch bei den Kernaufgaben. 220 Stellen, ungefähr ein Drittel des Personals, sollen über die vorhandenen Pläne hinaus wegfallen.

Davon werden Mitarbeiter der Verwaltung und in Bildungseinrichtungen getroffen. Die Zahl der Mitarbeiter in der Seelsorge wird auf dem Stand des vergangenen Jahres festgeschrieben. Wer noch in der Ausbildung ist, wird nicht mehr übernommen, die Ausbildung selbst bald ausgesetzt. Das erbringe von 2008 an 3,5 Millionen Euro „als nachhaltigen Effekt zur Haushaltssanierung“.

„Jede einzelne Kündigung tut weh“

Bis zum Jahresende werden aus den ersten beiden Sparschritten schon 150 Stellen entfallen. Dabei, so wird berichtet, sei die Zahl der Kündigungen bisher noch gering. Von mehr als hundert Mitarbeitern habe man sich einvernehmlich mit Auflösungsverträgen und Abfindungen getrennt. Auch in Zukunft hofft Generalvikar von Holtum, mit möglichst wenigen Kündigungen auszukommen. „Jede einzelne tut weh.“

Vier Dienstleistungszentren mit je etwa fünfzehn Mitarbeitern sollen Verwaltungsaufgaben, Bau- und Liegenschaftsangelegenheiten sowie die Versicherungssachen der Gemeinden bearbeiten. Noch ist nicht klar, in welcher Weise sich die Gemeinden beteiligen werden. Bildungshäuser werden geschlossen und verkauft. Die Bildungsarbeit wird auf zwei bis vier Zentren konzentriert. An einem Konzept dafür wird noch gearbeitet.

„Kleine lebendige Zellen“ bilden

Gespart wird auch in der Jugendarbeit und in den Familien- und Lebensberatungsstellen. Auch die Öffnungszeiten des Aachener Doms und die Domaufsicht stehen in Frage. Ungefähr 300.000 Euro will das Bistum am Kaiserdom einsparen. Die Räte des Bistums waren vor der Formulierung des Konsolidierungsprogramms informiert und angehört worden.

Sie beklagen aber, daß die Zeit zu kurz gewesen sei, um sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen, das weitgehend von einer Düsseldorfer Unternehmensberatung entwickelt worden war. Ferner wird ein Konzept für die künftige Seelsorge vermißt. Statt immer größerer „pastoraler Räume“ fordert der Vorsitzende des Diözesanrats, Mauer, „kleine lebendige Zellen“ zu bilden. Bischof Mussinghoff hingegen setzt auf die Idee der „Weggemeinschaft“, die er von seinem Vorgänger Hemmerle übernommen hat.

„Konsolidierungsprozeß“ in Hamburg

Doch nicht nur das Bistum Aachen, alle Bistümer in Deutschland verzeichnen aufgrund sinkender Katholikenzahlen und hoher Arbeitslosigkeit geringere Kirchensteuereinnahmen. Am Freitag wird das Erzbistum Köln ein Sparkonzept vorstellen. Erst im vergangenen Monat hatte der Hamburger Erzbischof Thissen einen „Konsolidierungsprozeß“ eingeleitet.

In dem der Fläche nach größten Bistum, das sich von Nordfriesland bis Mecklenburg erstreckt, wird die Zahl der Pfarrgemeinden in den kommenden zwei Jahren von 163 auf 79 verringert, die Zahl der Vollzeitstellen in Seelsorge und Verwaltung sinkt um etwa zwanzig Prozent. Gehaltskürzungen sollen dazu beitragen, daß die Personalkosten auf Dauer um annähernd ein Viertel gesenkt werden.

Laien als Seelsorger

Verringert werden auch die Aufwendungen für die Bistumsverwaltung und die Immobilien. Um Entlassungen wird das Erzbistum nach Worten Thissens nicht umhinkommen. Laien sollen auch weiterhin hauptamtlich Seelsorgsaufgaben wahrnehmen. Die Zahl der Planstellen für Gemeindereferenten wurde geringfügig erhöht, die Planstellen für Pastoralreferenten um ein Drittel verringert.

Ende Juli hatten der Bischof von Trier, Marx, und sein Generalvikar Rössel die endgültigen Sparbeschlüsse bekanntgegeben. Nach einem drei Monate währenden Beratungs- und Anhörungsprozeß mit Räten, kirchlichen Einrichtungen, den Fachabteilungen der Bistumsverwaltung und der Mitarbeitervertretung wurde festgelegt, den Umfang des Bistumshaushalts in den kommenden Jahren um zehn Prozent zu verkleinern.

Fünf Millionen Euro weniger für Kindergärten

Dazu wird unter anderem die Katholische Fachhochschule Saarbrücken geschlossen. Die Katholische Landvolkshochschule Kyllburg wird nicht weiter finanziert. Dagegen sollen sieben Lebensberatungsstellen, anders als zunächst geplant, selbständig weiterbestehen. Für Kindergärten will das Bistum künftig gut fünf Millionen Euro im Jahr weniger ausgeben, um dem Rückgang der Zahl der katholischen Kinder Rechnung zu tragen.

Die Bistumsverwaltung und der Caritasverband müssen künftig mit insgesamt vier Millionen Euro weniger auskommen. Die Kirchengemeinden kommen in Trier derzeit um einen Sparbeitrag herum. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß das Bistum auch Kirchengebäude verkaufen wird, deren Baulast nicht mehr zu finanzieren ist.

Schärferer Sparkurs in Berlin

Im Erzbistum Berlin, das zur Deckung von Haushaltslücken schon Ende der neunziger Jahre Kredite aufgenommen hatte und mittelfristig zahlungsunfähig zu werden drohte, hat sich der erste Konsolidierungsplan aus dem Frühjahr vergangenen Jahres als unzureichend herausgestellt.

Anfang August schrieb Generalvikar Rother den diözesanen Gremien, der Sparkurs müsse verschärft werden, um den neuerlichen Rückgang der Kirchensteuereinnahmen und der demographischen Entwicklung Rechnung zu tragen. Bis Ende dieses Monats sollen neue Einsparvorschläge vorliegen, damit die Haushaltsberatungen im Oktober abgeschlossen werden können.

Text: P.S./D.D., Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 30. September 2004
Bildmaterial: dpa

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