Von Nikolas Busse und Majid Sattar
10. Januar 2007 Anfang Dezember fand in Wien ein außergewöhnliches Seminar statt. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), eine Agentur der Vereinten Nationen, veranstaltete einen technischen Workshop für Länder, die über den Einstieg in die Atomenergie nachdenken. Das Interesse war bemerkenswert groß: Nicht weniger als 28 Staaten, die derzeit keine Kernkraftwerke haben, schickten Vertreter.
Es gibt ein steigendes Interesse an der Verwendung der Kernenergie zur Stromerzeugung und zur Wasserentsalzung, stellte Yuri Sokolov zufrieden fest, der zuständige Abteilungsleiter der IAEA. Ein deutscher Diplomat war freilich nicht erschienen. Was hätte ein Land, das aus der Atomenergie aussteigen will, auf einer solchen Veranstaltung auch sagen sollen? (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial zur Energiestrategie: Besser hart)
Merkel im Zwiespalt
In der Europäischen Union gibt es keine einheitliche Atompolitik. Zwar hat die EU-Kommission am Mittwoch ein Strategiepapier vorgelegt, in dem sie für den Ausbau der Atomenergie wirbt, um die Union vom russischen Gas und Öl unabhängig zu machen und die EU-Klimaschutzpolitik voranzutreiben (Siehe auch: EU-Kommission setzt auf Atomenergie). Energiekommissar Andris Piebalgs sagte in Brüssel, mit Hilfe der Kernenergie könne Strom nahezu ohne Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen erzeugt werden. Doch spricht die Kommission zurzeit nicht einmal für die EU-Ratspräsidentschaft. Die deutsche Bundesregierung hat für 2007 eine energiepolitische Initiative angekündigt, wollte dabei die Kernenergie aber aussparen.
Dass die Kommission nun vorprescht, bringt Angela Merkel in einen Zwiespalt: Als CDU-Vorsitzende unterstützt sie das Anliegen Brüssels, als Bundeskanzlerin einer großen Koalition muss sie aus Rücksicht auf die SPD den deutschen Status quo - also den rot-grünen Atomausstiegsbeschluss - wahren. Bundesumweltminister Gabriel (SPD) schimpfte am Mittwoch denn auch, Atomkraft sei enorm risikobehaftet. Zudem hätten 17 von 27 EU-Mitgliedstaaten einen Verzicht auf Atomkraftwerke verfügt oder nutzten die Kernenergie gar nicht zur Stromherstellung.
Neue Kernkraftwerke auf der Insel?
Insgesamt sind derzeit in der EU 158 Kernkraftwerke in 16 Ländern am Netz. Sieben Länder der Union bauen zudem neue Atommeiler beziehungsweise planen den Ausbau ihrer Atomkraftwerke beziehungsweise den Einstieg in die Kernkraft. In Frankreich, das zur Zeit über 59 Atomkraftwerke verfügt, soll schon 2012 ein neuer Reaktor ans Netz gehen. Ein weiterer ist in Planung. In Großbritannien, das sich demonstrativ dem Klimaschutz verschrieben hat, hat die Regierung von Premierminister Blair im Sommer vergangenen Jahres angekündigt, ein deutlich vereinfachtes Genehmigungsverfahren einzuführen, um den Bau neuer Kernkraftwerke zu ermöglichen. Ein Energiebericht der Regierung deutete an, dass langfristig auf der Insel sechs bis zehn neue Kernkraftwerke gebaut werden könnten.
In Finnland wird zur Zeit der leistungsfähigste Reaktor der Welt gebaut. In Olkiluoto am bottnischen Meerbusen steht die größte Baustelle des Landes. Neben zwei in den siebziger Jahren gebauten Reaktoren entsteht dort Olkiluoto 3, ein Reaktor mit 1600 Megawatt Leistung; er soll den Anteil der atomaren Stromproduktion um knapp zehn Prozentpunkte auf 35 Prozent steigern. Auch das Atomausstiegsland Deutschland ist über das französisch-deutsche Konsortium Areva an dem Projekt beteiligt. In den Niederlanden, wo ursprünglich der einzige Reaktor in diesem Jahr abgeschaltet werden sollte, hatte die alte Mitte-rechts-Regierung unter Ministerpräsident Balkenende nicht nur beschlossen, das Kernkraftwerk bis 2033 am Netz zu halten, sondern auch einen Neubau erwogen. Ob Balkenende dies mit seinen neuen Koalitionspartnern, den Sozialdemokraten und der Christenunion, aufrechterhalten kann, wird sich zeigen.
Weltweiter Trend zur Atomenergie
Bulgarien, das pünktlich zum EU-Beitritt die zwei verbliebenen Blöcke des Atomkraftwerks Kosluduj vom Netz nehmen musste, gibt es Planungen für zwei neue Reaktoren. Das gleiche gilt für die Tschechische Republik. Auch in Polen, das bislang nicht über Atomkraft verfügt, gibt es derartige Überlegungen - wie auch bei dem EU-Beitrittskandidaten Türkei.
Weltweit ist der Trend zur Atomenergie sogar noch stärker. Nach dem Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl war der Ausbau der Kernenergie zunächst zum Stillstand gekommen. So blieb der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung seit Mitte der achtziger Jahre konstant bei etwa 16 Prozent. Heute sind in 31 Ländern 442 Kernkraftwerke in Betrieb, die meisten davon in den Vereinigten Staaten (103). Danach kommt Frankreich mit seinen 59 Kraftwerken, das zugleich das Land mit dem größten Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung ist (78,5 Prozent). Andere große Atomenergienutzer sind Japan mit 55 Kraftwerken und Russland mit 31. Deutschland liegt mit seinen 17 Kernkraftwerken im Mittelfeld auf Platz acht.
Sechs Anlagen im Abschaltung-Prozess
Seit ein paar Jahren erlebt die Kernkraft aber eine weltweite Renaissance. Immer mehr Staaten denken über den Neu- oder Erstbau von Kraftwerken nach. Das Interesse an dieser Form der Energiegewinnung ist so groß geworden, dass die IAEA schätzt, dass der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung im Jahr 2030 schon bei 27 Prozent liegen wird. Das wäre eine Steigerung um das Zweieinhalbfache. Bis 2050 könne die Produktion sogar auf das Vierfache steigen, so die Wiener Behörde.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Statistik über Bau und Abschaltung von Kernkraftwerken wieder. Derzeit befinden sich weltweit sechs Anlagen im Prozess der langfristigen Abschaltung. Dagegen werden 29 neue Atomkraftwerke gebaut. Die weitaus meisten davon, nämlich 24, werden in Asien ans Netz gehen, dem Boomkontinent, der Strom für sein Wachstum braucht: Alleine in Indien werden sieben Kernkraftwerke gebaut, in China vier. Auch Russland vertraut weiter auf die Atomtechnologie und baut derzeit fünf neue Kraftwerke.
Länder schätzen die Unabhängigkeit
Die IAEA weist immer wieder darauf hin, dass es ein Bündel aus verschiedenen Motiven ist, das das erneute Interesse an den Kernkraft speist: Die Länder schätzen die Unabhängigkeit in der Energieversorgung, die ihnen Kernkraftwerke verschaffen; sie wollen ihren steigenden Energiebedarf decken oder verfügen kaum über andere Energieträger.
Einen besonders großen Anreiz stellt auch die Umweltpolitik dar. Da die Kernkraft praktisch keine Treibhausgase hervorbringt, betrachten Länder wie Japan oder Indien die Kernkraft als wichtigen Teil ihrer nationalen Strategie zum Klimaschutz.
Text: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite 5
Bildmaterial: ddp
US-Wahlkampf: Ohne Samthandschuhe in den ![]()
Frankreich: Vom Aufblättern der Vergangenheit
Finanzkrise: Auch Steinbrück geht es zu schnell
CSU stellt sich auf Seehofer ein
Kommentar: Verfrühte Nachrufe auf die CSU
Finanzkrise: Steinbrück spricht von einem Plan B
Georgien: Russische Truppen beginnen anscheinend mit Rückzug
ÜberKreuzWarum verweigert die katholische Kirche homosexuellen Paaren den Segen?
von Daniel Deckers, 30.09.2008 16:20