01. September 2003 Der gestürzte irakische Machthaber Saddam Hussein soll sich abermals in einem Tonband zu Wort gemeldet und eine Verstrickung in den verheerenden Anschlag von Nadschaf bestritten haben. Das berichtete der arabische Fernsehsender Al Dschazira am Montag. Bei dem Anschlag am Freitag waren mehr als 80 Menschen getötet worden, darunter der Schiitenführer Mohammad Baqir al Hakim.
Auf dem Band, das der Sender am Montag in Auszügen ausstrahlte, sagt die Saddam zugeschriebene Stimme, Erfüllungsgehilfen der amerikanischen Besatzungsmacht würden Beschuldigungen ohne jeglichen Beweis in die Welt zu setzen. Er sei der gewählte Führer aller Iraker, egal, ob es sich um Schiiten, Sunniten, Kurden, Araber oder Nicht-Muslime handele, sagt die angebliche Saddam-Stimme weiter.
Auch ein libanesischer Fernsehsender hat Auszüge aus einem Tonband ausgestrahlt, auf dem eine Saddam Hussein zugeschriebene Stimme die Iraker zu Angriffen auf die Besatzungsmächte aufruft. Die Iraker sollten ihre schmerzlichen und mutigen Angriffe gegen die ausländischen Aggressoren verstärken, hieß es auf dem Band, das am Montag vom libanesischen Satellitensender Lebanese Broadcasting Corporation (LBC) gesendet wurde.
Bisher sechs authentische Botschaften
Mehrere Vertreter des Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak (Sciri), der Organisation, die Baqir a-Hakim geführt hatte, sowie viele Iraker hatten Saddam und seine Anhänger für den Anschlag in der den Schiiten heiligen Stadt verantwortlich gemacht. Auch Mitglieder der Terrororganisation Al Qaida kamen als mögliche Täter unter Verdacht. Nach Angaben eines hochrangigen Polizeivertreters aus Nadschaf sind im Zusammenhang mit dem Attentat inzwischen 19 Verdächtige festgenommen worden.
Das Saddam Hussein zugeschriebene Tonband ist nach Angaben von El Dschasira acht Minuten lang. Ob die Botschaft tatsächlich von Saddam Hussein stammte, war zunächst nicht zu überprüfen. Seit dem Einmarsch der Alliierten in Irak hatte sich der gestürzte Diktator bereits sechsmal über arabische Sender zu Wort gemeldet; der amerikanische Geheimdienst CIA bewertete alle sechs Botschaften als authentisch beziehungsweise wahrscheinlich authentisch.
Proteste und Racheschwüre
In der Schiiten-Stadt Kerbela versammelten sich tausende Iraker und Iraner, die sich dem Trauerzug für Hakim anschließen wollten. Dabei wurden erneut Racheschwüre gegen Saddam Hussein laut, aber auch Proteste gegen die amerikanischen Truppen in Irak. Hakims Sarg sollte am Montag von Bagdad nach Kerbela gebracht werden. Der Schiitenführer sollte am Dienstag in Nadschaf beigesetzt werden.
Die Trauerfeierlichkeiten waren aus Angst vor neuen Anschlägen von enormen Sicherheitsvorkehrungen begleitet. In Kufah wenige Kilometer nördlich von Nadschaf nahmen Sicherheitskräfte vier Männer fest, in deren Autos Sprengstoff gefunden worden war. Zwei der Verdächtigen stammten aus der südirakischen Stadt Basra, die anderen beiden seien aus Jemen und bereits am Sonntag festgesetzt worde, teilte ein Polizeisprecher mit.
Schiitische Drohungen gegen amerikanische Armee
Am Sonntagabend hatte der libanesische Fernsehsender LBCI ein Video ausgestrahlt, in dem eine irakische Untergrundorganisation den Vereingten Staaten mit Vergeltung für Hakims Tod drohte. Darin erklärte die weitgehend unbekannte Armee Mohammeds, sie werde den Schiitenführer mit Angriffen auf die amerikanische Armee rächen. Der Fernsehsender hatte bereits am 23. August ein Band der Gruppe gezeigt, in dem sich diese zu dem Bombenanschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad bekannte. Die Organisation trat erstmals am 9. August in Erscheinung, als sie über den arabischen Fernsehsender El Arabija zum Heiligen Krieg gegen die von den Amrikanern geführten Streitkräfte aufrief.
Der irakische Übergangsrat ernannte der derweil die 25 Minister der neuen Regierung. Die konfessionelle und ethnische Zusammensetzung des Kabinetts entspreche derjenigen des Übergangsrats, teilte ein Vertreter des Gremiums mit. Im Kabinett seien 13 schiitische und fünf sunnitische Araber, fünf Kurden, sowie jeweils ein Mitglied der christlichen und der turkmenischen Volksgruppe vertreten. Die neue Regierung soll bis zu den für 2004 vorgesehenen Wahlen amtieren. Die Minister haben keinen Regierungschef und müssen vor dem Verwaltungsrat Rechenschaft ablegen.
Im ersten Nachkriegskabinett ist nur eine Frau vertreten: Die Kurdin Nesrin Mustafa übernimmt das Ministerium für Infrastruktur und Bauaufträge. Außenminister wird der Kurde Hoschjar Sebari, Sprecher der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) von Massud Barsani. An der Spitze des Finanzministeriums steht künftig der sunnitische Politiker Kamal el Gailani. Das Erdölministerium soll der Schiite Ibrahim Mohammed Bahr el Ulum leiten, das Innenministerium der Schiite Nuri Badran.
Text: dpa, AFP
Bildmaterial: AP