09. Oktober 2001 Zum 100-jährigen Nobelpreis-Jubiläum wird die Schwedische Akademie am Donnerstagmittag in Stockholm den diesjährigen Literatur-Preisträger bekannt geben.
Erster Laureat war 1901 Sully Prudhomme, ein französischer Autor, der heute unter den Großen der Weltliteratur nicht mehr genannt wird. Über den Namen des Nachfolgers oder der Nachfolgerin ein Jahrhundert später wird in der schwedischen Akademie heftig mit zwei deutlichen Schwerpunkten spekuliert. Auffallend oft fallen die Namen von US-Romanciers wie Philip Roth, Norman Mailer und Joyce Carol Oates. Noch häufiger aber wird der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer genannt.
Kein Ehren-Kandidat zum Jubiläum
Mit 10 Millionen Kronen (2 Millionen Mark/1 Million Euro) sind die Nobelpreise in diesem Jahr jeweils dotiert. Dass die 19 Juroren der Schwedischen Akademie bei ihrer Entscheidung wegen des Jubiläums eine ganz besondere Vergabe präsentieren, wies Akademie-Sekretär Horace Engdahl schon jetzt ab. Wie sollte die auch aussehen? Einen Übernamen, der in der Weltliteratur alle anderen überragt, gebe es nicht.
So wird in Stockholm also nach den üblichen Kriterien spekuliert, geraten - und aus der Akademie selbst hin und wieder auch ein bisschen verraten. Dabei ist unstrittig, dass der einheimische Lyriker Tomas Tranströmer in den vergangenen Jahren stets zur letzten Runde der ganz engen Anwärter gehörte, über die in der Akademie im Finale diskutiert und abgestimmt wird. So auch 1999, als Günter Grass den Preis als erster Deutscher seit Heinrich Böll (1972) zugesprochen bekam.
Aus gegebenem Anlass: Blick auf Nordamerika
Gespannt sind manche, ob die Akademie vielleicht auch mit einem Seitenblick auf die Terrorangriffe in den USA ihr Augenmerk auf einige heiße Favoriten und Daueranwärter vom nordamerikanischen Kontinent lenkt. Philip Roth steht hier ganz oben auf vielen Listen, gefolgt von Norman Mailer und Joyce Carol Oates. Eine Frau wäre ohnehin nach den nirgends fest geschriebenen, aber bei den Juroren im Bewusstsein verankerten Proporzregeln mal wieder fällig. Dabei könnte die erste Vergabe an eine Schriftstellerin seit der Polin Wislawa Szymborska (1996) vielleicht auch auf die Kanadierin Margaret Atwood fallen. Als ewiger Außenseiter mit Chancen gilt der New Yorker Thomas Pynchon.
Erneut ein deutscher oder deutschsprachiger Preisträger gilt in Stockholm als ausgeschlossen. Engdahl zählt den 1989 gestorbenen Österreicher Thomas Bernhard zu den Autoren, die den Literaturnobelpreis unbedingt verdient gehabt hätten, aber eben nicht mehr bekommen können, weil Nobelpreise nicht posthum vergeben werden. Erstmals tauchte in diesem Jahr in einer schwedischen Zeitung der Name der deutsch-rumänischen Autorin Herta Müller auf, ohne dass dies aber als gewichtige Spekulation von anderen aufgegriffen wurde.
Ewige Zweite
Bleiben etliche Namen mit größeren, vielleicht aber nicht den allergrößten Aussichten. Immer wieder tauchen der Somalier Nurrudin Farah und der Nigerianer Ben Okri auf, die beide nach Insider-Angaben über eine starke Lobby im fünfköpfigen Kernkomitee der Akademie verfügen, die die Vorauswahl trifft. Zum Rock-Poeten Bob Dylan meinte Akademie-Sekretär Engdahl trotz der sonst strikten Geheimhaltung über Kandidaten immerhin: Er wird behandelt. Im letzten Jahr hatte - für viele überraschend - der in Paris lebende Chinese Gao Xingjian den Nobelpreis für Literatur erhalten.
Text: @kue, mit Material von dpa