Von Carl Moses
23. Mai 2003 Eigentlich wollte sich Néstor Kirchner erst 2007 um das Präsidentenamt bewerben. Doch als Argentiniens scheidender Staatschef Duhalde zur Jahreswende verzweifelt in der Peronisten-Partei PJ nach einem Nachfolgekandidaten suchte, um seinem Erzfeind Carlos Menem die Rückkehr an die Macht zu verbauen, fiel seine dritte Wahl auf Kirchner, einen in Buenos Aires bis dahin kaum bekannten Provinzgouverneur aus dem fernen Patagonien.
Unter den Peronisten war Kirchner ein Außenseiter. Doch getragen von Duhaldes mächtigem Parteiapparat, qualifizierte sich Kirchner bei der Präsidentenwahl Ende April mit spärlichen 22 Prozent der Stimmen für eine Stichwahl gegen Menem, bei der er allen Umfragen zufolge haushoch über den verhaßten früheren Präsidenten gesiegt hätte. Menems Rückzug versagte Kirchner diesen Triumph. Nun wird der 53 Jahre alte Rechtsanwalt an diesem Sonntag von der Gesetzgebenden Versammlung zum Präsidenten gekürt.
"Ein anderes Land"
Kirchner bemüht sich, aus dem Schatten Duhaldes zu treten, als dessen Marionette ihn nicht nur Menem sieht. So zog er sich in seine dreitausend Kilometer von Buenos Aires entfernte Heimatprovinz Santa Cruz zurück, um weit weg von Duhalde und drängenden Lobbyisten allein über sein Kabinett zu entscheiden. Am imposanten Gletscher Perito Moreno tankte er Energie für sein Vorhaben, aus dem krisengeschüttelten Argentinien "ein anderes Land" zu machen - ohne Korruption, mit Arbeit und neuer Würde, gegen die Finanzspekulanten.
Er habe dazu "Mut im Übermaß", beteuert der lispelnde und schielende Kirchner mit vor Emotion brechender Stimme seinen Anhängern. Mit seiner kämpferischen und spitzzüngigen Ehefrau, der Senatorin Cristina Fernández, bildet er schon seit gemeinsamen Aktivitäten in der linken peronistischen Studentenbewegung der siebziger Jahre auch politisch ein Gespann. Früh hatten beide durch Attacken auf die Korruption unter Menem und gegen dessen "neoliberales Modell" gelegentlich die Aufmerksamkeit der Medien erregt. Kirchner präsentiert sich als Antithese zum extravaganten und frivolen Menem. Ein "einfacher Mann" will er bleiben, das zeigen auch seine abgetragenen Anzüge. Seine Ideen bleiben nebulös. Erscheinung und Gestik erinnern ein wenig an den schwachen Präsidenten De la Rúa, den die Argentinier schon nach zwei Jahren aus dem Amt jagten.
Vorkämpfer der politischen Erneuerung
Ein Vorkämpfer für die politische Erneuerung, auf die viele Argentinier so sehnsüchtig warten, ist Kirchner bisher nur in Worten, nicht aber in seiner peniblen und autokratischen Amtsführung als Gouverneur gewesen. In Santa Cruz, das er fast zwölf Jahre wie einen Familienbetrieb beherrschte, hat Kirchner Politik, Medien und Justiz mit fragwürdigen Methoden vielleicht noch gründlicher auf seine Person eingeschworen, als der ständig kritisierte Menem es vorgemacht hatte.
Die gut gefüllte Kasse der erdölreichen 200 000-Einwohner-Provinz soll Kirchner ordentlich verwaltet haben. Die hohen Barreserven deponierte er allem Nationalismus zum Trotz in der Schweiz, aus der auch seine Vorfahren väterlicherseits stammen - die Mutter ist Chilenin kroatischer Abstammung. Nie haben die Argentinier einen Präsidenten gewählt, von dem sie so wenig wußten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2003, Nr. 120 / Seite 10
Bildmaterial: AP
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