25 Jahre Solidarnosc

Köhler würdigt Polens Rolle bei der Einheit Europas

31. August 2005 Bundespräsident Horst Köhler hat die Rolle Polens bei der Überwindung der kommunistischen Regime und der Wiedervereinigung Deutschlands gewürdigt. Beim Festakt zum 25. Jahrestag der Gründung der Gewerkschaft „Solidarnosc“ sagte Köhler am Mittwoch in Danzig: „Die Polen haben am Ende nicht nur sich selbst befreit. Sie haben einen Prozeß von welthistorischer Bedeutung in Gang gesetzt, der bis heute weiterwirkt.“

Die 1980 gegründete Solidarnosc und ihr Vorsitzender Lech Walesa spielten beim Zusammenbruch des Kommunismus eine Schlüsselrolle. Trotz heftiger Repressionen und des von der polnischen Staatsführung verhängten Kriegsrechts gab Walesa seinen Widerstand nicht auf. 1990 wurde er Staatspräsidenten im nachkommunistischen Polen.

„Das kommunistische Joch abgeworfen“

Solidarnosc wurde nach Worten Köhlers zum Symbol des Ringens um Freiheit. „Daß Polen das kommunistische Joch abgeworfen hat, war eine Voraussetzung für die Einheit Europas, und damit auch für die Einheit Deutschlands“, sagte Köhler laut Manuskript. Vorurteilsfreie Männer und Frauen in der polnischen Freiheitsbewegung hätten trotz schrecklicher Erfahrungen mit dem Nachbarn die Aussöhnung mit Deutschland gewollt.

In seiner Rede sprach Köhler auch das „dunkelste Kapitel“ der deutsch-polnischen Geschichte an, den am 1. September 1939 von Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen begonnen Zweiten Weltkrieg. „Dieser Überfall brachte Polen jahrelange mörderische Unterdrückung, er brachte der ganzen Welt Tod und Vernichtung, und am Ende schlugen Krieg und Vertreibung mit ganzer Wucht auf die Deutschen zurück und forderten auch unter ihnen ungezählte unschuldige Opfer.“

„Niemand darf die Geschichte umdeuten“

Die Gründung der Solidarnosc und der Überfall auf Polen seien zwei historische Daten, wie sie sich unterschiedlicher nicht vorstellen ließen. „Es stimmt mich zuversichtlich, daß Polen und Deutsche dieser beiden Tage miteinander gedenken“, sagte Köhler. Niemand dürfe die Geschichte umdeuten. „Wir wollen, daß Polen und Deutsche aufrichtig und im Zeichen der Versöhnung über die Vergangenheit sprechen.“

Unter den Gästen der Feiern zum Jahrestag der Solidarnosc sind auch der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel und der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko.

„Geschenk Polens an Europa“

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso würdigte die Rolle der polnischen Freiheitsbewegung für die Einigung Europas. Ohne „Solidarnosc“ wäre die EU nicht in ihrer heutigen Form geeint, sagte er am Dienstag abend in Warschau. Der Mut und die Entschlossenheit der polnischen Arbeiter inspirierten viele Menschen in den Nachbarstaaten. Freiheit und Demokratie gehörten zu den grundlegenden Werten der EU, betonte Barroso. Der „Geist von Solidarnosc“ sei eines der „größten Geschenke Polens an Europa“.

Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) nannte die Gründung der Solidarnosc einen historischen Schritt bei der Überwindung des Kommunismus sowie der Teilung Deutschlands und Europas. Die Arbeiter in Danzig hätten eine friedliche Revolution begonnen, die sich damals in der Forderung nach Freiheit und Selbstbestimmung in Windeseile über ganz Polen und Osteuropa ausgebreitet habe, sagte Fischer in Berlin.

„Zentrum gegen Vertreibungen“ bleibt umstritten

Am 31. August 1980 schlossen die streikenden Arbeiter der Danziger Leninwerft unter ihrem Streikführer Lech Walesa ein Abkommen mit der damaligen kommunistischen Regierung, in der die Regierung wirtschaftliche und politische Reformen zusicherte. „Solidarnosc“ war die erste unabhängige Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich.

Am ersten Tag seines Staatsbesuchs in Polen traf Bundespräsident Köhler am Dienstag mit Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski zusammen. Sowohl Köhler als auch Kwasniewski betonten die immer besser werdenden Beziehungen beider Länder, sparten aber auch strittige Themen nicht aus. Dabei wurde deutlich, daß das vom Bund der Vertriebenen in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ für Polen ein Stein des Anstoßes bleibt.

Köhler plädierte für einen offenen Dialog zu kontroversen Fragen. „Gute Beziehungen heißt nicht, daß man immer einer Meinung ist.“ Zugleich versicherte er, es gebe in Deutschland keine ernstzunehmende politische Kraft, die die Geschichte umdeuten wolle und ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ nutzen wolle, „um aus Tätern Opfer zu machen“. Er vermied aber eine öffentliche Verurteilung des Vorhabens. Kwasniewski machte zum wiederholten Mal seine Ablehnung des Projektes der Vertriebenen deutlich.



Text: FAZ.NET mit Berichten der dpa
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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