Todesurteil

Abu-Jamals Hoffnung auf Gerechtigkeit

19. Dezember 2001 Mumia Abu-Jamal kann wieder hoffen. Der ehemalige Radiojournalist und Black-Panther-Aktivist sitzt wegen Polizistenmordes seit fast zwanzig Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses in Pennsylvania. Ein Bundesrichter hob am Dienstagabend das Todesurteil gegen den Afro-Amerikaner auf und ordnete eine neue Anhörung zum Strafmaß an. Die Verurteilung wegen Mordes bleibt jedoch bestehen.

Kalt war es am 9. Dezember 1981 in Philadelphia. Um vier Uhr morgens fuhr der Bruder Abu-Jamals mit seinem VW-Käfer in falscher Richtung in eine Einbahnstraße. Der 25-jährige Polizist Daniel Faulkner hielt den Fahrer in der Nähe des Rathauses an, es kam zu einem Handgemenge.

Was geschah bei der Verkehrskontrolle?

Soweit ist die Darstellung des Vorganges, der zu dem Richterspruch führte, unumstritten. Ebenso, dass der damals 27-Jährige Abu-Jamal zufällig in der Nähe war, weil er die Einkünfte aus seinem Job als Radiojournalist bei der „Stimme der Stimmlosen“ durch Taxifahren aufbessern musste. Unumstritten ist auch, dass Abu-Jamal eine ordnungsgemäß angemeldete Waffe bei sich hatte, da er zwei Mal bei nächtlichen Fahrten überfallen und ausgeraubt worden war.

Doch was in den Minuten nach der Verkehrskontrolle geschah, liegt im Dunkeln. Bekannt ist lediglich die Bilanz: Abu-Jamals Bruder wurde durch Fausthiebe des Polizisten niedergestreckt. Abu-Jamal lag mit einer Schusswunde in der Brust auf der Straße. Der Polizist starb auf dem Weg ins Krankenhaus, nachdem er von zwei Kugeln getroffen worden war.

Zwei Versionen: Staatsanwaltschaft vs. Abu-Jamal

In der Version der Staatsanwaltschaft ist Abu-Jamal eindeutig schuldig: Er habe dem Gerangel zwischen seinem Bruder und dem Polizisten zugeschaut und dem Wachtmeister dann in den Rücken geschossen. Der Polizist habe noch zurückschießen können und Abu-Jamal getroffen.

Abu-Jamal schildert den Vorgang anders: Der Polizist habe auf ihn geschossen, als er auf die beiden Prügelnden zurannte. Daraufhin habe ein vierter Mann den Polizisten erschossen und sei anschließend geflüchtet. Diese Darstellung wird von mehreren Zeugen gestützt.

Zeugen von Polizei massiv unter Druck gesetzt

Im Prozess wurden Entlastungszeugen jedoch nicht zugelassen, andere von der Polizei unter Druck gesetzt. So berichtete die Zeugin Veronica Jones, dass sie von der Polizei zu einer Falschaussage gezwungen wurde. Ihr sei angedroht worden, man werde sie verhaften und ihre zwei kleinen Kinder wegnehmen, wenn sie Abu-Jamal nicht belaste.

Neu aufgerollt werden müsste der Prozess auch, weil der Urteilsspruch ohne eine ballistische Expertise gefällt wurde. Das ist besonders verblüffend, als der Obduktionsbericht bei dem ermordeten Polizisten Einschusslöcher von einer 0,44-Kaliber-Munition feststellte. Abu-Jamals Waffe hatte aber das Kaliber 0,38.

Symbolfigur für Widerstand gegen Todesstrafe

Den letzten Rückschlag in seinem Kampf für eine Neuaufnahme des Verfahrens musste Abu-Jamal im November einstecken. Das Geständnis des Profi-Killers Arnold Beverly, er habe den Polizisten Faulkner getötet, weil er korrupten Beamten hätte gefährlich werden können, wurde wegen nicht eingehaltener Fristen als Beweismittel abgelehnt.

Der Fall Abu-Jamals findet seit Jahren weltweit Beachtung. Nicht nur in Amerika formierten sich Unterstützerkomitees, auch in Europa forderten unter anderem das Straßburger Schriftstellerparlament und der ehemalige deutsche Außenminister Klaus Kinkel die Aufhebung des Todesurteils. Vor zwei Wochen wurde Abu-Jamal zum Ehrenbürger von Paris ernannt. Der Bürgerrechtler ist eine Symbolfigur für den Widerstand gegen die Todesstrafe geworden.

Neue Anhörung zum Strafmaß

Abu-Jamal sieht sich als einen politischen Gefangenen. Zur Zeit des Urteilsspruches war Philadelphia ein Brennpunkt des Rassenkonfliktes. Viele Black-Panther-Aktivisten lebten dort und praktizierten wie Abu-Jamal in der Gruppe „Move“ alternative Formen des Zusammenlebens. Die Ablehnung dieser Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen ging so weit, dass der damalige Bürgermeister Philadelphias die Wohnhäuser der Gruppe von einem Hubschrauber aus mit Brandsätzen bombardieren ließ.

Nun hat der amerikanische Bundesrichter William Yohn die Todesstrafe für Abu-Jamal aufgehoben. Nicht, weil das Gericht voreingenommen gewesen sei, sondern weil bei dem Urteilsspruch mögliche mildernde Umstände nicht ausreichend berücksichtigt worden wären. Wenn nicht innerhalb von sechs Monaten eine neue Verhandlung über das Strafmaß stattfindet, wandelt sich das Urteil automatisch in lebenslange Haft um.

Keine unmittelbare Lebensgefahr

Nach zwei aufgeschobenen Hinrichtungsterminen droht Abu-Jamal nun keine unmittelbare Lebensgefahr mehr. Doch zumindest theoretisch lässt sich ein erneutes Todesurteil nicht ausschließen, zumal die Anklage bereits Berufung gegen Yohns Entscheidung eingelegt hat.



Text: @eric
Bildmaterial: mumia.de

 
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