Von Ralf Bartoleit, Berlin
07. Februar 2001 Der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein hat sein umstrittenes Buch Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird erstmals in Deutschland vorgestellt. Finkelstein, der in dem Buch jüdische Organisationen beschuldigt, am Holocaust in erpresserischer Weise zu verdienen, bezeichnete es in Berlin als reale Gefahr, dass er von Rechtsradikalen Beifall erhalte. Der Politologe unterstrich aber in aller Deutlichkeit, dass er die verheerenden Verbrechen der Nazi-Zeit nicht relativieren wolle. Die Deutschen tragen eine einzigartige Verantwortung für ihre Verbrechen.
Finkelstein verschärfte allerdings seine Attacken gegen jüdische Organisationen. Diese würden erst durch die Ausbeutung des Holocaust zu einer Verschärfung des Antisemitismus beitragen. Der Holocaust sei von jüdischen Interessenorganisationen zu einem Instrument gemacht worden, um Länder und Konzerne wirtschaftlich zu erpressen. Dieser Holocaust-Industrie müsse das Handwerk gelegt werden, verkündete er in Berlin recht aggressiv.
Finkelstein: Nicht an Zwangsarbeiter-Entschädigung beteiligen
Der Politologe rief dazu auf, namentlich den Jüdischen Weltkongress und die Jewish Claims Conference nicht an den Entschädigungszahlungen für ehemalige Zwangsarbeiter zu beteiligen. Die deutsche Regierung sollte die Anträge selbst bearbeiten, sagte Finkelstein. Von den Entschädigungszahlungen sollte kein Pfennig an den Jüdischen Weltkongress oder die Jewish Claims Conference gehen.
Die Jewish Claims Conference (JCC) sei nicht kompetent und habe moralisch nicht die Qualität, sagte Finkelstein bei der mit großem Interesse aufgenommenen Vorstellung seines Buches zu dessen erstem Erscheinen in Deutschland. Die JCC habe sich als Vertreter der Nazi-Opfer disqualifiziert. Die Organisation war 1951 gegründet worden, um jüdischen NS-Opfern außerhalb Israels zu Entschädigungen zu verhelfen. Die JCC hatte in einer Erklärung vom 10. Juli vergangenen Jahres die Anschuldigungen Finkelsteins in zentralen Punkten zurückgewiesen.
Deutsche Historiker für Zurückhaltung
Deutsche Historiker wie etwa Hans Mommsen oder Eberhard Jäckel vertraten nach dem Erscheinen des Buches im vergangenen Jahr die Auffassung, dass es sich nicht für eine Debatte in Deutschland eigne. Sie sahen darin in erster Linie eine Sache der Amerikaner. Der Historiker Karl-Dietrich Bracher wandte sich zwar gegen eine Tabuisierung der Diskussion, meinte aber, Deutsche sollten sich eher zurückhalten. Ähnlich sah es auch Hans-Ulrich Wehler. Mommsen meinte, Finkelsteins These, die Einzigartigkeit des Holocaust sei mit finanziellen Interessen jüdischer Organisationen verknüpft worden, sei im Prinzip ein Thema für Spezialisten.
Bei der Erstvorstellung seines Buches meinte Finkelstein, offensichtlich widersprächen seine Thesen der Political Correctness in Deutschland. Er hoffe aber, verantwortungsvolle und moralisch aufrichtige Deutsche nähmen sich der Debatte an. Pläne des Südwestrundfunks, einen Film über sein Buch abzusetzen, bezeichnete er als einen Skandal.
Finkelstein sieht kein Problem in Vergleichen
Gundsätzlich befürwortete Finkelstein Entschädigung von Verbrechen. Dies gelte aber für Verbrechen an Vietnamesen und Afroamerikanern ebenso wie für die Verbrechen der Nazi-Zeit. Auf die Frage, ob durch solche Vergleiche der Holocaust nicht relativiert werde, entgegnete der Politologe, Vergleiche gehörten zum ABC der Geschichtswissenschaft. Der Ausgangspunkt der von ihm skizzierten Holocaust-Industrie sei: Du darfst nicht vergleichen.
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Frankfurt am Main, Salomon Korn, sprach dem Buch den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ab. Der Frankfurter Allgemeinen sagte Korn: Mit Wissenschaftlichkeit hat das nichts zu tun. Das Buch sei ärmlich und schlecht geschrieben.
Text: @ba
Bildmaterial: dpa, FEM
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