Afghanistan

Sorge vor einem „blutigen Sommer am Hindukusch“

Soldaten der Bundeswehr in Kabul: Ohne schlüssiges Konzept?

Soldaten der Bundeswehr in Kabul: Ohne schlüssiges Konzept?

31. Mai 2006 Verteidigungsminister Jung hat sich am Mittwoch besorgt über die Sicherheitslage in Afghanistan gezeigt, einen Abzug der deutschen Soldaten aber abgelehnt. In der ARD sagte er, seit Beginn des Jahres habe es schon so viele Anschläge gegeben wie im ganzen Jahr 2005. Der Einsatz der Bundeswehr im Norden sei nicht ohne Risiko, auch wenn der Süden und Osten gefährlicher seien. „Deshalb muß man sich die Entwicklung mit Sorge anschauen.“ Jung lehnte es jedoch ab, eine zeitliche Perspektive für den Abzug der Bundeswehr festzulegen. Entscheidend sei, dem Land weiter auf dem Weg zur Demokratie zu helfen.

Die Bundeswehr übernimmt an diesem Donnerstag das Kommando der internationalen Schutztruppe Isaf im Norden des Landes. Brigadegeneral Markus Kneip, der die Einsätze der multinationalen Truppe im Norden bis dahin nur koordinierte, ist dann oberster Befehlshaber. Er sitzt in Masar-i-Sharif, wo ein deutsches Feldlager aufgebaut wird, das von derzeit 550 bis Ende August auf 1200 Soldaten aufgestockt werden soll. Die deutsche Präsenz in Kabul soll dann auf 500 Mann reduziert werden.

„Waffen zur Selbstverteidigung benutzt“

Ein Sprecher des amerikanischen Militärs sagte, es werde untersucht, ob amerikanische Soldaten am Montag in Kabul Schüsse auf eine aufgebrachte Menge abgegeben hätten, die sie mit Steinen angegriffen hatte. „Unsere Soldaten haben ihre Waffen zur Selbstverteidigung benutzt“, sagte der Sprecher. Es werde geprüft, ob sie über die Köpfe der Menge hinweg geschossen hätten oder in die Menge hinein.

Bei den Unruhen am Montag sollen 20 Personen getötet und mehr als 160 verwundet worden sein. Anlaß war ein Verkehrsunfall, bei dem ein amerikanischer Militärlastwagen mehrere Personen getötet hatte. Das afghanische Parlament verlangte am Mittwoch, daß der Fahrer des amerikanischen Lastwagens den afghanischen Behörden übergeben werde. Ein amerikanischer Sprecher sagte, der Mann stehe nicht unter Verdacht. Unfallursache sei vermutlich eine Fehlfunktion der Bremsen gewesen.

Nach den schweren Ausschreitungen hat die Polizei in Kabul mehr als 100 Menschen festgenommen. Das meldete die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok unter Berufung auf das Polizei-Hauptquartier.

Taliban stürmen Polizeikaserne

Aus einer abgelegenen Stadt in Mittelafghanistan wurde am Mittwoch gemeldet, die Taliban hätten eine Polizeikaserne gestürmt. Nach einem stundenlangen Gefecht mit rund hundert Polizisten hätten Kämpfer der islamistischen Bewegung die Kaserne in der Stadt Chora in der Provinz Urusgan eingenommen, Polizeifahrzeuge in Brand gesetzt und sie dann wieder verlassen. Offenbar wurden mehrere Polizisten getötet. In Urusgan sollen demnächst niederländische Isaf-Soldaten stationiert werden. In der Provinz Sabul im Süden wurde ein hoher Polizeioffizier getötet, vermutlich ebenfalls von Taliban-Kämpfern.

Die Angriffe der Taliban haben in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Bei den Kämpfen sollen seit Mitte Mai rund 375 Menschen getötet worden sein, zumeist Aufständische.

Karzai: „Unmenschlicher Akt“

Der Präsidentenpalast teilte mit, UN-Generalsekretär Kofi Annan habe sich in einem Telefonat mit Präsident Hamid Karzai persönlich über die Lage in Afghanistan und besonders in Kabul informiert. Am Mittwoch blieb es in Kabul zunächst ruhig.

Karzai verurteilte unterdessen den Mord an drei afghanischen Mitarbeiterinnen der internationalen Hilfsorganisation Action Aid und ihres Fahrers in Nordafghanistan. „Das ist ein unmenschlicher Akt der Feinde Afghanistans, die unschuldige Menschen töten, die für das Wohlergehen des afghanischen Volkes arbeiten“, hieß es in einer Mitteilung des Palastes. Mutmaßliche radikal-islamische Rebellen hatten das Feuer auf das Fahrzeug der Hilfsorganisation eröffnet und die vier Insassen getötet.

„Irakisierung unseres Landes“

Westliche Geheimdienstkreise machen derweil auf das „beachtliche Erstarken“ der Taliban aufmerksam. Die Taliban hätten angekündigt, die im Süden und Osten anhaltenden Kämpfe jetzt auch gegen die „Besatzer“ im Norden zu tragen, heißt es in Kabul.

Vertreter des amerikanischen Geheimdienstes CIA und des Bundesnachrichtendienstes (BND) erklärten übereinstimmend der Nachrichtenagentur ddp, die wachsende Zahl der Selbstmordattentate und schweren Ausschreitungen in Afghanistan deuteten darauf hin, „daß die Taliban das Vorgehen der Aufständischen im Irak für Afghanistan übernommen haben“.

In einem Report des Verteidigungsministeriums in Berlin wurden für dieses Jahr schon 26 Selbstmordanschläge gegen ausländische Truppen in Afghanistan aufgeführt. Der afghanische Wirtschaftsminister Armin Farhang sagte nach den heftigen Protesten mit mehreren Toten: „Die Gegner des neuen Afghanistan versuchen die Irakisierung unseres Landes“. Aus Pakistan kehren zur Zeit nach Angaben der Geheimdienste „auffällig viele Flüchtlinge“ nach Afghanistan zurück. Es wird angenommen, daß sich darunter „viele Taliban-Kämpfer verstecken“.

„Überrascht von der Heftigkeit der Unruhen“

Offiziere der Bundeswehr zeigten sich „überrascht von der Heftigkeit der Unruhen in Kabul und die anhaltenden schweren Kämpfe in den Südprovinzen“. Bisher galt die Hauptstadt als „relativ ruhig“. „Wir befürchten einen blutigen Sommer am Hindukusch“, sagen BND-Experten und Angehörige der Bundeswehr.

Der Kommandeur des deutschen Isaf-Kontingents, Brigadegeneral Christof Munzlinger, schloß nicht aus, daß die Unruhen gerade in Kabul, wo die Bundeswehr in ihrem Lager bislang unbehelligt blieb, „möglicherweise ausgenutzt und gesteuert worden sind“. Auch sei zu beobachten, das die „militanten Kräfte“ ihre Methoden verbesserten und mit Selbstmordanschlägen sowie Minenanschlägen versuchten, die Lage in Afghanistan generell zu destabilisieren.

Bundeswehrverband: „Ohne Konzept“

Der Bundeswehrverband bemängelt mit Blick auf die Lage in Afghanistan, der Einsatz dort basiere nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept. Die Aufgabenverteilung zwischen den Nationen funktioniere nicht richtig: „Insgesamt verfehlen wir das Ziel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern“, sagte der Verbandsvorsitzende Bernhard Gertz der „Leipziger Volkszeitung“. Daraus ergäben sich Rückwirkungen auf die Sicherheit der Soldaten, die Anlaß zur Sorge gäben.

Es hätte schon sehr viel früher eine Bestandsaufnahme gemacht werden müssen, warum es noch immer keine Aussicht auf einen strategischen Erfolg gebe, sagte Gertz. „So belastet die immer noch nicht geklärte Frage des Zusammenwirkens zwischen 'Operation Enduring Freedom' - den wesentlich von den Amerikanern gestellten Anti-Terroreinheiten - und der Isaf alle beteiligten Soldaten.“

Text: FAZ.NET mit AP/dpa/ddp
Bildmaterial: AP

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