Von Elke Richter, Hamburg
14. Dezember 2001 Seit 18 Stunden ist Aydan Özoguz auf den Beinen: Konferenz, Moscheebesuch, Lokaltermin in einer Gesamtschule, Journalistengespräch. Ein volles Programm, erst recht während des Ramadan. Für die Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete und praktizierende Muslimin bedeutet der Ramadan trotzdem Ruhe und Besinnung. In diesem Monat nehme ich mir die Zeit, meine Ziele und Werte zu überprüfen, sagt sie am Abend, als sie sich im Hamburger Schach-Café ein Stück Nusstorte gönnt.
Wenn Aydan Özoguz morgens in ihr Büro in der Körber-Stiftung kommt, quillt das Postfach ihres E-Mail-Programms über. Für Gesprächsnotizen liegt neben dem Telefon ein sechs Zentimeter dicker Block parat. Allzu lange halte der nicht vor, berichtet Aydan Özoguz, obwohl sie das Handy im Büro ausschalte und ihre Mitarbeiterin nur noch Fraktionsmitglieder durchstelle. Doch alleine das Türkeiprogramm der Stiftung, für das Aydan Özoguz verantwortlich ist, erfordert mit Symposien, Sommerakademien und Publikationen viele Absprachen und Telefonate. Diese Arbeit kann Aydan Özoguz auch während des Ramadan nicht vernachlässigen.
Morgens trinkt die 34-Jährige viel Tee
Das Fasten ist nicht so anstrengend. Schlimmer ist die Müdigkeit, sagt die 34-Jährige. In der Fastenzeit muss sie früher aufstehen als gewöhnlich, um vor der Morgendämmerung das Frühstück beendet zu haben. Meistens isst sie morgens nur eine Banane oder ein Brot. Und trinkt sehr viel Tee. Der löscht den Durst am besten.
Özoguz ist Deutsch-Türkin, die Eltern immigrierten 1959 nach Deutschland. 1967 wurde Aydan Özoguz hier geboren. Aufgewachsen in Hamburg, nahm sie mit 22 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft an. Doch auch der Türkei fühlt sie sich eng verbunden. Als Schülerin verbrachte sie jedes Jahr zwei Monate bei den Verwandten im Herkunftsland ihrer Eltern. Türkisch bedeutet für mich Emotionalität.
Eine Frau, zwei Berufe
Während sie das erzählt, sitzt sie in der S-Bahn. Sie ist auf dem Weg von der Hamburger Körber-Stiftung zur Centrum Moschee, von der einen Arbeitsstelle zur anderen. Aydan Özoguz hat zwei Berufe: Sie ist nicht nur für die deutsch-türkischen Projekte der Körber-Stiftung verantwortlich, sondern sitzt auch im Hamburger Teilzeitparlament. Als Abgeordnete bekommt sie in diesem Jahr besonders viele Einladungen zum Fastenbrechen.
So auch für diesen Nachmittag. Rund 100 Muslime versammeln sich im Gemeinschaftsraum der Hamburger Centrum Moschee, begrüßen sich, tauschen Neuigkeiten aus. Die lebhaften Gespräche verebben, sobald die Stimme des Imam ertönt. Er trägt die den Ramadan betreffenden Suren aus dem Koran vor. Aufrecht auf einem Stuhl sitzend, rezitiert der Imam die arabischen Verse mit einer hohen, gepressten, fast singenden Stimme. Nach der Übersetzung der Suren ins Deutsche und einem Willkommen wird das Büffet eröffnet.
Erst das Gebet, dann das Essen
Viele der Gläubigen gehen erst in den Gebetssaal der Moschee, dessen Wände mit ornamentgeschmückten Fliesen bedeckt sind. In großen Regalen vor der Eingangstür stellen sie ihre Schuhe ab, bevor sie sich nebeneinander auf den flauschigen, rot-, blau- und türkisfarbenen Teppich zum Beten stellen und in Richtung Mekka niederknien.
Mit gefüllten Paprika, gebratenen Auberginen, Fleisch, Salaten, Börek und eigens aus der Türkei importierter Baklava, einem süßen Nachtisch, brechen sie anschließend das Fasten. Seit 6.27 Uhr haben Aydan Özoguz und die anderen Muslime weder gegessen noch getrunken.
Fasten ist im Winter leichter
Nach den ersten Tagen der Fastenzeit sei das Hungergefühl nicht mehr so stark, sagt die Abgeordnete. Es hat viel mit Selbstdisziplin zu tun. Im Moment ist das Fasten relativ leicht, weil die Tage kurz sind. Im Sommer könne die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sehr lang werden.
Mit dem Festessen ist der Arbeitstag für Aydan Özoguz nicht zu Ende. Die Parteilose wird für die SPD voraussichtlich im Schul- und Europaausschuss sitzen und arbeitet sich gerade in die Bildungspolitik ein. Lehrer der Gesamtschule Steilshoop wollen mit ihr über die Probleme und Projekte der Schule diskutieren. Sie müssen warten, Aydan Özoguz steht auf dem Weg nach Steilshoop, einem sozialen Brennpunkt der Hansestadt, im Stau.
In der Türkei gehört die Religion zum Alltag
Bis 21 Uhr dauert die Diskussion. Eigentlich versucht die 34-Jährige, während des Ramadan am Abend seltener auszugehen. Wenn doch, treffe ich mich eher privat bei Freunden zu einer Tasse Tee. Beruflich aber lassen sich Abendtermine kaum vermeiden. Die Tätigkeit in einem Feierabendparlament lassen ihr keine Wahl.
Wie reagieren die Fraktionskollegen darauf, dass Aydan Özoguz praktizierende Muslimin ist? Ich trage es nicht sonderlich in die Öffentlichkeit, das ist eher meine Privatsache. In der Türkei sei es leichter, Religion und Alltag miteinander zu verbinden. Dort ist zum Beispiel der Moscheebesuch ein fester Bestandteil des Alltags vieler Menschen, während es in Deutschland zwei getrennte Lebensbereiche sind. So unterschiedlich wie das Schach-Café und die Centrum Moschee.
Text: @eric
Bildmaterial: özoguz