24. April 2005 Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hält Vollbeschäftigung in Deutschland unter anderen politischen Rahmenbedingungen für möglich. Auf ein Datum, bis wann eine unionsgeführte Bundesregierung die Arbeitslosigkeit verringern könnte, wollte Merkel sich nicht festlegen.
Gewiß werde ich nicht versprechen, wie es der Bundeskanzler tat, wir würden bis zu einem bestimmten Zeitpunkt soundsoviele Arbeitslose weniger haben, denn die Menschen können so ein Reden nicht mehr hören, sagte Merkel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß mit der richtigen Politik das Ziel der Vollbeschäftigung und Arbeit für alle möglich ist. Wir können in der Lage sein, gleichsam eine zweite Gründerzeit zu schaffen.
Merkel hat sich zugleich für die Beibehaltung sozialer Werte in der Wirtschaft ausgesprochen. Wachstum und Arbeitsplätze haben absolute Priorität. Denn ohne das ist vieles nur wenig wert, sagte Merkel, ergänzte jedoch: Eingebettet ist dies in die Werte des Miteinanders und der Nächstenliebe, denen wir uns verpflichtet fühlen. Wir müssen es schaffen, auf Grundlage einer Neuen sozialen Marktwirtschaft Deutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen und so den Wohlstand zu erhalten.
Sehnsucht nach Glauben und christlichen Werten wächst
Die große Anteilnahme an der Wahl des neuen Papstes hält die CDU-Vorsitzende für eine Aufforderung, sich stärker auf christliche Werte zu besinnen. Grund für die wachsende Sehnsucht nach Maßstäben und Werten sei das Zusammentreffen verschiedener Kulturen im Zuge der Globalisierung.
Sie interpretiere die große Anteilnahme am Abschied von Johannes Paul II. und an der Wahl von Benedikt XVI. unserer Landsleute als Aufforderung an uns alle, daß wir uns auf die Wurzeln und Werte unseres Lebens, nicht zuletzt auch der christlich-jüdischen, besinnen. Merkel stellte fest: Glaube und Werte sind wieder Gegenstand öffentlicher Debatten geworden, nachdem beides zu sehr in den Hintergrund gedrängt worden war.
Merkel sieht in der Globalisierung den Grund, daß sich die Deutschen wieder mehr für das Christentum interessieren. In Zeiten der Globalisierung sind wir mit dem Zusammentreffen der Kulturen konfrontiert, was oft spannungsreich ist. Daraus erwächst das Bedürfnis, sich der eigenen, hierzulande vorrangig christlich geprägten Wurzeln und Werte zu vergewissern und sich zu ihnen zu bekennen, sagte Merkel der FAS.
Deutschland ist bislang nicht als Hort expressiver Spiritualität aufgefallen. Insofern ist die jetzige Debatte, die offene Sehnsucht nach Werten in Deutschland, ein Teil der Antwort auf die Globalisierung.
Die Politik kann nur einen Teil der Antworten geben
Der Papst stehe für eine Besinnung auf das wirklich Wesentliche unseres Lebens, sagte Merkel. Die breite Zustimmung gerade junger Menschen zum bisherigen und zum neuen Papst belegt, daß der Wunsch nach unverrückbaren Maßstäben besonders bei der Generation besteht, die mit der Globalisierung groß geworden ist. Auch wenn Jugendliche sich im täglichen Leben nicht nach all dem richten, was der Papst vorgibt, sehnen sich junge Menschen nach Maßstäben und nach Werten, sagte Merkel.
Politik könne diese Sehnsucht nicht befriedigen, ergänzte sie. Politik kann immer nur einen Teil der Antworten geben, die sich dann einfügen in ein Gesamtsystem von Werten und auch von Glaubensbotschaften. Unsere Gesellschaft lebt auch von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Der Staat kann nicht per Gesetz Werte verordnen. Er kann den Rahmen stecken, damit diese Werte gelebt werden. Er kann bestrafen, wenn sie überschritten werden. Die Politik würde sich überheben und sie würde andere entmündigen, wollte sie allein den Anspruch haben zu bestimmen, was welche Werte sind. Dazu brauchen wir nicht zuletzt die Kirchen.
Das Interview im Wortlaut finden Sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23. April 2005.
Text: F.A.S., 23.04.2005, Nr. 16 / Seite 4
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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