Stoiber fühlt sich mißverstanden

„Ich möchte wachrütteln“

Hat Stoiber mit soviel Kritik gerechnet?

Hat Stoiber mit soviel Kritik gerechnet?

11. August 2005 Nach der Empörung über seine Äußerungen zum Wahlverhalten der Ostdeutschen hat der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber Vorwürfe der Wählerbeschimpfung zurückgewiesen. „Meine Äußerungen werden mißgedeutet. Ich beschimpfe niemanden. Ich möchte wachrütteln“, sagte der bayerische Ministerpräsident der „Bild“-Zeitung (Freitagausgabe). 73 Prozent der Deutschen finen laut einer repräsentativen Blitzumfrage des „ARD-Deutschlandtrends“, daß Stoiber die die ostdeutschen Wähler beleidigt habe. Ein Viertel der Befragten stimmt Stoiber zu, 71 Prozent lehnen seine Äußerungen ab.

In der politischen Diskussion sei „viel zu wenig bewußt, welche Folgen es hätte, wenn Lafontaine und Gysi über die künftige Bundesregierung mitentscheiden würden“, verteidige sich Stoiber. Wer Lafontaine und Gysi wähle, der wähle „die Vergangenheit und nicht die Zukunft“. Diese beiden Politiker habe er mit der Bemerkung über die „Frustrierten“ gemeint, die nicht über das Schicksal Deutschlands bestimmen dürften. Auch sei Lafontaine „kein Anwalt des Ostens“.

Stoibers Taktik

Stoiber verwahrte sich zugleich gegen den Vorwurf, für ihn gebe es Wähler erster und zweiter Klasse. Dies sei „Unsinn. Jede Stimme zählt gleich.“ Er wies auch die Behauptung zurück, er habe mit seiner Kritik der Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) schaden wollen: „Die CSU und ich persönlich kämpfen für den Erfolg der Union und von Angela Merkel an vorderster Front.“

Stoiber deutete an, daß er mit diesen Äußerungen ein taktisches Ziel im Westen verfolgt. „Ich möchte alle für uns erreichbaren Wählerinnen und Wähler mobilisieren, damit die CSU ein so hohes Ergebnis erhält, daß wir trotz des Auftretens dieser fünften Partei den Wechsel für Deutschland schaffen.“

Die „Frustrierten“ sollen nicht bestimmen

Stoiber hatte auf einer Wahlkampfveranstaltung gesagt: „Wir freuen uns über die Entwicklung in den neuen Ländern. Wir wissen, daß das schwierig ist. Und ich weiß, daß natürlich auch Bayern, Baden-Württemberg gerade auch für die neuen Länder enorm in den Finanzausgleich finanzieren.“

Mit Blick auf das Erstarken der neuen Linkspartei im Osten fügte der bayerische Ministerpräsident hinzu: „Aber ich akzeptiere nicht, daß letzten Endes abermals der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Das wird nicht mehr sein. Wir leisten jedes Jahr etwa 120 bis 130 Milliarden Euro Finanzausgleich zur Aufbausituation der neuen Länder. Aber es darf nicht sein, daß letztlich wieder die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen.“

Union verliert weiter in der Wählergunst

Die Äußerungen hatten Politiker aller Parteien gegen Stoiber aufgebracht. (Siehe auch: Fast alle kritisieren Stoibers Ost-Thesen) Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) warf ihm vor, dem Prozeß der Einheit in Deutschland massiv geschadet zu haben. Stoiber verkenne, daß jede Wähler das Recht habe, seine Stimme dort abzugeben, wo er das für richtig halte. „Seine Äußerung ist deshalb nicht nur geschmacklos, sondern zeugt auch von mangelndem demokratischen Respekt“, sagte Schröder.

Die Union hat in den vergangenen Tagen weiter in der Wählergunst verloren. Nach einer neuen Emnid-Umfrage würden sich nur noch 41 Prozent für die CDU/CSU entscheiden, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als vor einer Woche. Die SPD würde um zwei Punkte auf 28 Prozent zulegen, die Linkspartei verlöre einen Punkt und käme auf 12 Prozent. Grüne und FPD kämen auf jeweils 8 Prozent. Ein schwarz-gelbes Bündnis hätte demnach nur noch einen Prozentpunkt Vorsprung vor Rot-Rot-Grün.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Stoibers Ost-Thesen

Noch ein Frustrierter?

Stoiber - Am bayerischen Wesen genesen?

Spezial Schönbohms Thesen und Stoibers Äußerungen über den Osten - was für ein Doppelschlag! Die Kollateralschäden sind groß, die Umdeutungsversuche aus München wirkungslos. Nur wenige wollen der höheren CSU-Dialektik folgen.

Stoiber und der Wahlkampf

Der Allzuständige

Der bayerische Ministerpräsident blickt auf sein Land

Stoiber der Nimmermüde, der ein neues Wahlkampffeuer entfacht, während seine medialen Leibwächter noch an anderer Stelle löschen müssen. Manche in der CSU sehen mit Sorge nicht nur auf die Bundestagswahl, sondern auch auf die nächste Landtagswahl.

Stoibers Ost-Thesen

„Eine Geschmacklosigkeit sondergleichen“

Schröder: Das zementiert die Spaltung

Die Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber über die Ostdeutschen schlagen hohe Wellen. Kanzler Schröder beschuldigte Stoiber, dem Einheitsprozeß in Deutschland massiv geschadet zu haben.

Stoibers Äußerungen

Schweigendes Entsetzen und wütende Kritik

Eckhardt Rehberg: “Völlig verfehlt“

Parteiintern wurde empfohlen, die Worte des bayerischen Ministerpräsidenten lieber zu bagatellisieren, als empört Stellung zu nehmen. Die jüngsten Verärgerungen verstärken die negative Stimmung, die sich gegenüber Stoiber in der CDU gebildet hat.

Stoibers Äußerungen

„Das war ja Stoiber im Bierzelt in Bayern“

Stoibers Äußerungen über den Osten erhitzen die Gemüter

Als bewußte Fehlinterpretation hatte die CSU Kritik an der Äußerung ihres Vorsitzenden Stoiber über die Ostdeutschen zurückgewiesen. Doch Stoiber legte nach: „Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern.“

Unions-Wahlkampf

Studienrätin Merkel und Don Stoiber

Merkel geht der Wahl zuversichtlich entgegen

Wie die Kanzlerkandidatin der Unionsparteien, Angela Merkel, eigene Fehler überspielt und andere die Ausführungen ihres bayerischen Vorgängers Edmund Stoiber deuten läßt.

Wahlausgang

Auf den Osten kam es an

Ob 1990, 1998 oder 2002: Alle drei Bundestagswahlen wurden im Osten entschieden. Bei der Neuwahl in diesem Jahr sah es zunächst so aus, als spielten die neuen Länder keine maßgebliche Rolle. Doch dann kam die Linkspartei.

Christliche Demokraten

„Es fehlt die kontinuierliche Stimme des Ostens“

Thüringer Bratwurst weiß Merkel zu schätzen

Die CDU in Ostdeutschland befürchtet, im Wahlprogramm zu kurz zu kommen - und das trotz einer ostdeutschen Kanzlerkandidatin. Angela Merkel hat sich mit Äußerungen zum Aufbau Ost bisher auffällig zurückgehalten.

Ostdeutschland

Von „Chefsache Ost“ ist keine Rede mehr

Zwei wahrlich stolze Kanzler-Cousinen

Mit Cousinen, Aufbauministern und Fluthilfen eroberte Schröder 1998 und 2002 die neuen Länder. Auch 2005 ist der Osten für den Kanzler bedeutend, nur eben auf andere Weise: Ist es doch die neue Linkspartei, die eine schwarz-gelbe Mehrheit verhindern könnte.

Gewaltdebatte

Nach Merkels Machtwort: Schönbohm entschuldigt sich

Merkel rügt Schönbohm

Brandenburgs Innenminister Schönbohm hat sich für seine heftig kritisierte Äußerung zu den Kindstötungen in Brandenburg entschuldigt: Er beschimpfe „überhaupt nicht die Ostdeutschen“.

Empörung über Schönbohm

„Proletarisierung schuld an Gewalt in Brandenburg“

Schönbohm: „Wilde Schwermut”

Für Empörung hat nach dem neunfachen Baby-Mord in Brandenburg eine Bemerkung des CDU-Politikers Schönbohm gesorgt, der eine „erzwungene Proletarisierung durch das SED-Regime bis 1989“ mitverantwortlich für Gewalttaten im Osten macht.

Wahlkampf

CSU setzt Meßlatte für die Union auf 45 Prozent

Die Union verschärft den Wahlkampf. Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber gab eine Zielvorgabe von 45 Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl 2002 hatte er selbst als Spitzenkandidat 38,5 Prozent erzielt.