Kommentar

Ein Gespenst kehrt nach Europa zurück

Von Majid Sattar

Wiederkehr der Vergangenheit? Die ausgebrannte Synagoge von Lyon

Wiederkehr der Vergangenheit? Die ausgebrannte Synagoge von Lyon

06. Mai 2002 Es sind Nachrichten, von denen das moderne Europa dachte, sie gehörten der finsteren Vergangenheit an: In London, Antwerpen und Marseilles brennen Synagogen. In Berlin empfiehlt ein Rabbiner der größten jüdischen Nachkriegsgemeinde in Deutschland, öffentlich auf das Tragen jüdischer Embleme zu verzichten, nachdem an der Spree zuvor orthodox gekleidete Bürger verprügelt wurden. Und in Frankreich wird ein antisemitistischer Politiker in die Stichwahl um die Präsidentschaft geschickt. Ist das Abendland wieder so weit?

Provokante Frage, komplizierte Antwort. Die Polizei vermutet hinter einem Großteil der Straftaten „nahöstliche Täter“. Die Einwanderungsgesellschaften des Okzidents haben den israelisch-palästinensischen Konflikt quasi importiert. Kein neuer europäischer Antisemitismus also, allenfalls Antizionismus in Europa? Die Antwort ist noch schwieriger - zumal in Deutschland.

Keine Leisetreterei

Um Missverständnisse zu vermeiden: Israel ist nicht sakrosankt. Auch kann Leisetreterei nicht die Lehre aus der deutschen Geschichte sein. Wenn Israel sich weigert, eine UN-Kommission ins Land zu lassen, die die Stürmung des Flüchtlingslagers in Dschenin untersuchen soll, dann verdient dies Kritik. Und wenn Premier Ariel Scharon verhindern will, dass seine Siedlungspolitik auch nur zum Thema eventueller Verhandlungen mit den Palästinensern gemacht wird, dann muss die internationale Gemeinschaft den Judenstaat zurecht weisen dürfen. Es ist sicher so, dass es in Israel eine Neigung gibt, sich mit dem Hinweis auf den Holocaust gegen Kritik zu immunisieren. Man mag den Reflex einer traumatisierten Gesellschaft nachvollziehen können. Rücksicht nehmen kann man darauf nicht.

Doch es geht hier um etwas anderes. In Deutschland hat die zweite Intifada einen Tabubruch bewirkt. Dass Bundeskanzler Gerhard Schröder die Lieferung von Waffen nach Israel verzögert, mag als Ausdruck der neuen, unverkrampfteren, ja selbstbewussten Außenpolitik durchgehen, die der Sozialdemokrat auch schon mal Brüssel und Washington spüren lässt. Berlin hat mit Joschka Fischer einen Außenminister, der sich gerade wegen seiner Biografie Israel und seinem Sicherheitsinteresse verpflichtet fühlt.

Zum Beispiel das FAZ.NET-Forum...

Hingegen sind es interessanterweise Oppositionspolitiker, die Israel gegenüber einen Ton anschlagen, der bislang undenkbar war. Die israelischen Militäroperationen nennt der frühere Bundesminister Norbert Blüm (CDU) einen „Vernichtungskrieg“. Sein Kollege Jürgen Möllemann (FDP) redet von „israelischem Staatsterrorismus“ und bekundet, wenn sein Land besetzt wäre, würde auch er sich wehren. Nun sind weder Blüm noch Möllemann Antisemiten. Doch sie haben mehr getan als sich nur im Ton zu vergreifen. Auch fehlt es ihnen nicht einfach an der nötigen Sensibilität und Kenntnis der regionalpolitischen Dynamik dafür, was es bedeutet, wenn Israel, jenes demokratische Eiland inmitten arabischer Autokratien, auch nur einen einzigen Krieg verliert.

Blüm und Möllemann, um nur zwei der exponiertesten Israel-Kritiker zu nennen, tragen zu einer Stimmung bei, die diejenigen bestärkt, die immer schon wussten, nur bislang nicht öffentlich sagten, dass der Quell allen Übels das Judentum sei. Ein Beispiel für dieses Phänomen ist auch ein FAZ.NET-Forum zum Nahostkonflikt ( ). Da gibt es viele interessante und differenzierte Beiträge, in denen Mitleid mit dem Schicksal des palästinensischen Volkes oder/und Verständnis für die israelische Sicherheitspolitik geäußert werden. Doch auffallend viele User nutzen das Forum, um das loszuwerden, was sie immer schon über - so wörtlich - „israelische Kriegsverbrecher“, „europäische Oberjuden“ und „die Zentralratsjuden“ sagen wollten. Da wird der „Führer“ zitiert und bewusst nicht gesagt, sondern nur gefragt, ob dieser seinerzeit nicht doch Recht gehabt habe. Und da werden hanebüchende Theorien über die jüdische Unterwanderung Amerikas und Russlands bemüht. Die Autoren machen sich nur so viel Mühe, ihren Antisemitismus als Kritik an Israels Militäraktion zu verbrämen, wie nötig ist, um nicht aus der Debatte verbannt zu werden.

Nicht repräsentativ, aber typisch

Gewiss, im Forum dieses Online-Dienstes ist es so wie überall: Menschen mit entschiedenen Meinungen melden sich eher zu Wort als solche, die zu keinem abschließenden Urteil gekommen sind. Wer sich zu Schwarz oder Weiß bekennen kann, wer die Schuldfrage längst für sich beantwortet hat, der teilt seine Gewissheiten gerne der Community mit. Wer hingegen eher zu „Ja, aber“ und „Sowohl als auch“ neigt, hält sich mit seiner differenzierteren Meinung leider oft zurück. Insofern ist das Forum zwar typisch für die deutsche Debatte zum Nahostkonflikt, aber nicht repräsentativ für die deutsche Gesellschaft.

Die Lektüre der Beiträge bestätigt das, was Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. schreibt: Die deutsche Kontroverse über den Nahost-Konflikt „bringt keinen neuen Antisemitismus hervor - sie entlarvt den vorhandenen.“ Es bedarf keiner großen Prognosekraft, um vorherzusagen, dass die Ewiggestrigen FAZ.NET vorwerfen werden, in diesem Beitrag die Antisemitismuskeule zu schwingen. Was man sehen will, das sieht man auch. Da helfen keine Argumente.

Text: @sat
Bildmaterial: dpa

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