16. Mai 2001 Die Gentechnik macht es möglich: Mehr als zehn Jahre nach dem tödlichen Terror-Anschlag auf den mächtigsten Industriellen der Wendezeit gelingt dem Bundeskriminalamt ein Durchbruch bei den Ermittlungen. Am letzten Mord der Roten Armee Fraktion (RAF) scheint der zwei Jahre später ums Leben gekommene Terrorist Wolfgang Grams beteiligt gewesen zu sein.
Ein Haar an einem Frottee-Handtuch bringt Grams nun postum in Verdacht. Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, damals Herr über 8000 ehemalige DDR-Betriebe, wurde am 1. April 1991 heimtückisch ermordet. Am Rheinufer in Düsseldorf nehmen die RAF-Killer den Topmanager aus dem Dunkel einer Kleingarten-Anlage mit einem Gewehr ins Visier.
Rohwedder hatte am Ostermontag bis in die Nacht gearbeitet. Als er von seinem Schreibtisch aufsteht, trifft den 58-Jährigen eine Kugel aus gut 60 Metern Distanz in den Rücken. Rohwedders Frau wird von einem weiteren Geschoss am Arm verletzt.
Kaum Spuren
Das letzte Attentat der RAF hinterließ die wenigsten Spuren: Es waren ein Plastikstuhl, ein Feldstecher, drei Patronenhülsen, das Handtuch und der Bekennerbrief. Die RAF hatte in eine Sicherheitslücke gefeuert: Die Fenster im Obergeschoss waren nicht aus kugelsicherem Glas - im Gegensatz zum Erdgeschoss und obwohl der in Thüringen geborene Manager in dieser Zeit zu den am stärksten gefährdeten Personen der Republik zählte.
Trotz sofort eingeleiteter Ringfahndung und mühevoller Kleinarbeit konnte die Tat bislang nicht aufgeklärt werden. Der Mörder musste der dritten und letzten RAF-Generation angehören. Wer allerdings in der Spätphase zu der Terrorgruppe zählte, ist bis heute nicht genau bekannt.
Zwischenzeitlich kam in den Medien sogar die Theorie auf, ein Stasi-Kommando habe den bei vielen verhassten Abwickler der maroden DDR-Wirtschaft regelrecht hingerichtet. Noch zum 50-jährigen Jubiläum des Bundeskriminalamts vor wenigen Wochen konnten die Ermittler keine heiße Spur vermelden.
Neue Methode
Mit etwas Verspätung warteten die Gentechniker des Kriminaltechnischen Instituts der Behörde aber nun doch mit einer kleinen Sensation auf: Den Wissenschaftlern ist es gelungen, auch tote, ausgefallene Haare ihrem Besitzer zweifelsfrei zuzuordnen - mit Hilfe einer neuartigen Genanalyse. Bislang waren nur ausgerissene Haare brauchbar, bei denen noch lebende Zellen gefunden werden konnten.
Der scheinbare Durchbruch beim Rohwedder-Mord könnte der Auftakt zu einer ganze Reihe spektakulärer Ermittlungserfolge mit Hilfe der neuen Methode sein. Wolfgang Grams wird verdächtigt, an einer ganzen Reihe von RAF-Attentaten beteiligt gewesen zu sein: Die Morde am Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, am Spitzendiplomaten Gerold von Braunmühl, am MTU-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts und an dessen Fahrer sollen ebenfalls auf sein Konto gehen.
Wolfgang Grams starb am 27. Juni 1993 bei einem Polizeieinsatz auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern im Alter von 40 Jahren. Die genauen Umstände seines Todes blieben umstritten. Der Terrorist war achteinhalb Jahre lang mit Haftbefehl gesucht worden. Er wurde der etwa 20-köpfigen Kommandoebene der RAF zugerechnet.
Text: Frank Christiansen, dpa
Bildmaterial: dpa