23. April 2007 Das wichtigste Ergebnis der ersten Runde der Präsidentenwahlen in Frankreich war die Entscheidung darüber, wer in die Stichwahl am 6. Mai einzieht: Das werden als Favorit der UMP-Kandidat Nicolas Sarkozy und die Sozialistin Segolene Royal sein. Aber der erste Wahlsonntag hat noch zwei weitere bemerkenswerte Entwicklungen gezeigt.
Die erste ist die Wahlbeteiligung: Mit annähernd 85 Prozent ist der Rekord in der Geschichte der Fünften Republik, der mit der ersten Wahl de Gaulles im Jahr 1965 aufgestellt wurde, nur hauchdünn verfehlt worden. Im Vergleich zum ersten Wahlgang 2002 ist das eine Steigerung von etwa vierzehn Prozentpunkten. An den Programmen der Kandidaten kann das nicht gelegen haben: Sie waren wolkig. In den heiklen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik hatten sich Sarkozy, Frau Royal und der drittplazierte Zentrist Francois Bayrou kaum auf konkrete Aussagen eingelassen. Dies war eine Persönlichkeitswahl, und die Stichwahl wird es in noch höherem Maße sein.
Beginn einer neuen Epoche
Außerdem wurden die Franzosen mit einer Sturzflut von Umfragen überschüttet. Die waren bis zum Schluss so mehrdeutig, dass die Spannung anhielt - Bayrou etwa wäre mit seinen 6,75 Millionen Stimmen von 2007 im ersten Wahlgang 2002 mit einer Million Abstand zu Chirac als Erster ins Ziel gekommen.
Es kommt hinzu, dass die drei aussichtsreichen Kandidaten einen Generationswechsel in den Führungsämtern Frankreichs verkörperten. Die schier ewig währende Konkurrenz zwischen Politikern, deren Karrieren die Geschichte der Fünften Republik abbildeten - der 78 Jahre alte Rechtsausleger Le Pen wurde gar schon zu Zeiten der Vierten Republik als Abgeordneter der radikalen Kleinbürgerpartei des Populisten Poujade in das Parlament gewählt -, ist vorbei: Diese Wahl bedeutet für Frankreich, mindestens personell, den Beginn einer neuen Epoche.
Konzentration der Stimmen
Die zweite bemerkenswerte Entwicklung ist die Konzentration der Stimmen auf die aussichtsreichen Kandidaten. 2002 hatten die beiden Sieger der ersten Runde, Chirac und Le Pen, zusammen nicht einmal 37 Prozent erreicht; nimmt man den Dritten dazu, den geschlagenen Sozialisten Jospin, war es gut die Hälfte der Wählerstimmen. Die andere knappe Hälfte war auf Bewerber verzettelt, die von vornherein keine Chance auf den Sieg hatte.
Dieses Mal haben die beiden Gewinner zusammen allein 57 Prozent der Stimmen errungen; zählt man den respektablen dritten Mann Bayrou hinzu, haben drei Viertel der Franzosen eine nützliche Stimme (vote utile) abgegeben, also für einen Bewerber mit Siegeschancen gestimmt. Die Kleinen, inklusive Le Pen, der auf seine Stammklientel von gut zehn Prozent zurückgefallen ist, teilen sich das restliche Viertel.
Unter ihnen hat sich der lausbübisch wirkende Briefträger Olivier Besancenot, ein Trotzkist, noch am besten geschlagen. Katastrophal abgestürzt sind die Kommunisten, einst eine Partei, die in Parlamentswahlen um die 20 Prozent erreichte, mit ihrer Kandidatin Buffet, die nicht einmal auf zwei Prozent kam.
Auch die Grünen, die die ehemalige Umweltministerin Voynet aufboten, stehen mit gerade eineinhalb Prozent schlecht da. Nicht dass über Umweltfragen im Wahlkampf nicht gesprochen worden wäre - das Thema Ökologie wird inzwischen, wie in Deutschland, von allen ernstzunehmenden Parteien und Kandidaten auch ernsthaft besetzt. Frau Voynet wurde dafür abgestraft, dass sie die französischen Grünen in der Form eines Wurmfortsatzes der Sozialisten repräsentierte.
Was wird für die Stichwahl am 6. Mai entscheidend sein?
Sarkozy und Frau Royal müssen nun - ganz in der gaullistischen Tradition - plausibel machen, dass sie nicht nur Kandidaten ihrer Parteien sind, um über das eigene Lager hinaus Stimmen einsammeln zu können. Dabei kann sich Frau Royal der gut zehn Prozent verstreuter Linksstimmen einigermaßen sicher sein, auch wenn sich der kecke Besancenot (4,1 Prozent) weigert, eine Wahlempfehlung für sie auszusprechen.
Sarkozy kann mit den annähernd 13 Prozent rechnen, die Le Pen und der nationalkonservative Graf von Villiers (2,2 Prozent) eingesammelt haben - auch wenn Le Pen seinen Wählern dies nicht ausdrücklich anrät. Es wird also hauptsächlich um die 18,5 Prozent der Stimmen gehen, die im ersten Wahlgang auf Bayrou entfallen sind: Die Hauptkonkurrenz zwischen Frau Royal und Sarkozy findet in der Mitte statt.
Mit Vehemenz gegen das Duopol der großen Parteien
Bayrou, dessen kleine, von internem Streit geschwächte Zentristenpartei traditionell mit den Gaullisten verbunden war, ist in den vergangenen Jahren von der Mitarbeit in der Regierung zur Opposition in der (Regierungs-)Mehrheit und dann zur direkten Opposition übergegangen. Er hat, ausweislich seines Ergebnisses von 2002, rund sieben Prozent (eher konservative) Stammwähler, der Rest waren von dem überenergischen Sarkozy abgeschreckte Rechtswähler und Sozialisten, die Frau Royal, die anfangs für Recht und Ordnung warb, nicht über den linken Weg trauten.
Bayrou hat mit einer Vehemenz, die fast an Le Pen erinnerte, gegen das Duopol der großen Parteien gewettert, die Frankreich seit einem halben Jahrhundert regieren, und für eine überparteiliche Mehrheit der kooperationsbereiten Vernünftigen geworben. Er wird deshalb Schwierigkeiten haben, seinen Wählern die eine oder die andere Seite zu empfehlen, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen.
In welcher Form Bayrou und seine Wähler mit diesem Dilemma zu Rande kommen, wird in den kommenden Tagen eines der großen Themen sein. Die zweite entscheidende Frage wird sein, wie Sarkozy und Frau Royal in dem vor dem zweiten Wahlgang geplanten Fernseh-Duell abschneiden. Derzeit stehen die Wetten besser für Sarkozy.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, FAZ.NET, REUTERS