12. Oktober 2006 Nach dem Tod des zweieinhalb Jahre alten Kevin in Bremen will Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Vernachlässigung von Kindern durch ein neues Frühwarnsystem verhindern. Im Fall Kevin hat das Zusammenspiel der staatlichen Hilfen sträflich versagt. Das können wir nicht länger hinnehmen, sagte die CDU-Politikerin am Donnerstag in Berlin mit Blick auf den Tod des Kindes, das unter staatlicher Vormundschaft stand.
Um künftig vernachlässigte und mißhandelte Kinder früh zu finden und ihnen zu helfen, investiere das Familienministerium zehn Millionen Euro in ein Frühwarnsystem. Familien, die mit der Erziehung eines Kindes überfordert seien, sollen im Rahmen von Modellprojekten vor oder auch ab der Geburt intensiv begleitet werden. Die Projekte würden mit Ländern und Kommunen entwickelt. Das Ministerium kündigte die Einrichtung eines Kompetenzzentrums zur Koordinierung der Aktivitäten noch in diesem Jahr an.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Behörden
Die Leiche des kleinen Kevin war am Dienstag im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters gefunden worden. Als Reaktion übernahm die Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke die politische Verantwortung und trat zurück. Kevin hatte unter Amtsvormundschaft gestanden. Der Stadt lagen nach Angaben von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) schon Monate vorher Hinweise auf den Fall vor. (Siehe auch:Fall Kevin: Unverzeihliches Behördenversagen )
Der Tod des zweieinhalb Jahre alten Kevins soll nach dem Willen der Bremer SPD und CDU sowie der Bremer Grünen von einem Untersuchungsausschuß der Bremer Bürgerschaft untersucht werden. Überdies müssen sich drei Mitarbeiter der Bremer Sozialbehörde Disziplinarverfahren stellen. Dabei handelt es sich nach Angaben der Behörden um den Amtsvormund des Jungen, den zuständigen Sozialarbeiter und den Chef des Jugendamtes.
Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gegen eine Reihe von namentlich nicht genannten Mitarbeitern der Sozialbehörde.wegen möglicher Verletzung ihrer Fürsorgepflicht.
Obduktionsbericht offenbart Martyrium
Als Sofortmaßnahme beschloß der Bremer Senat nach Angaben einer Sprecherin der Sozialbehörde, daß alle Kinder in Krisenfamilien in den nächsten Tagen zu Hause besucht werden sollen. Dabei soll kontrolliert werden, ob bei ihnen Anlaß zur Besorgnis bestehe oder nicht.
Der drogenabhängige Vater sitzt bereits seit Dienstag wegen des dringenden Verdachts der Mißhandlung Schutzbefohlener und wegen Totschlags in Untersuchungshaft. Der am Donnerstag veröffentlichte vorläufige Obduktionsbericht läßt erahnen, was Kevin seit seiner Geburt am 23. Januar 2004 erleiden mußte. Der linke Oberschenkel, das rechte Schienbein und der linke Unterarm sind gebrochen, auf dem Schädel finden sich Blutungen.
Klima des Verdrängens
Die Fraktion der Bremer Grünen fordert die Suspendierung des Jugendamtschefs Jürgen Hartwig. Zudem forderte die Fraktion ein Sofortprogramm des Senats, wonach alle aktuellen Fälle von Kindern und Jugendlichen, die das Jugendamt betreut, neu überprüft werden müßten. Das Bremer Hilfesystem verdient seinen Namen nicht. Es gibt ein Klima des Verdrängens in Bremen, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Karoline Linnert.
Nach Informationen der Grünen seien die Sachbearbeiter des Jugendamtes angehalten, aus Kostengründen keine weiteren Kinder mehr aus der Familie zu nehmen. Ein unerhörter Spardruck wird auf die Mitarbeiter ausgeübt - das Budget darf auf keinen Fall überschritten werden, sagte der kinder- und jugendpolitische Sprecher der Grünen, Jens Crueger. Seiner Ansicht nach wird von der Sozialbehörde nicht nach fachlichen, sondern nach finanziellen Gesichtspunkten über einen Fall entschieden. Seinen Angaben zufolge kostet die Unterbringung in einem Heim 400 Euro pro Tag.
Programm zur Rettung sozial bedrohter Kinder
Der Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer will schon Anfang November in fünf Regionen Niedersachsens und Bremens ein Programm zur Rettung sozial bedrohter Kinder starten. Die nach amerikanischem Vorbild gestaltete Stiftung Pro Kind könne sich 280 sozial bedrohter Mütter in den ersten Schwangerschaftsmonaten annehmen und sie über Jahre hinweg von Hebammen und Familienhelfern begleiten lassen. Das Projekt soll inklusive der Begleitforschung in den ersten zwei Jahren rund drei Millionen Euro kosten.
Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU, Johannes Singhammer, forderte eine höhere Verbindlichkeit für die Teilnahme von Kindern an Früherkennungsuntersuchungen. Defizite könnten so früh erkannt werden.
Die jugendpolitische Sprecherin der SPD, Christel Humme, wies die Forderung hingegen zurück. Eine Pflicht zur Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder könne wenig zur Aufdeckung solcher Fälle wie dem des zweijährigen Kevin beitragen. Besser seien mehr Angebote durch Schwangerschaftsberatungen, Geburtsvorbereiter und Familienhebammen. Insofern sei die Ankündigung von der Leyens zu begrüßen. Frühwarnsysteme seien hervorragend geeignet, um gefährdeten Kindern und ihren Familien rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen.
Fall in München
Der Münchner Polizeibericht meldete unterdessen den Fall eines zwei Jahre alten Jungen, den seine Mutter am Mittwoch abend im trunkenen Zustand mit einem Messer lebensgefährlich verletzt habe.
Die Nachrichtenagentur ddp zitierte eine Mitarbeiterin des Sozialreferats München mit der Angabe, die Familie sei seit der Geburt des Jungen, der zufällig auch Kevin heiße, wegen der Alkoholabhängigkeit der Mutter kontinuierlich betreut worden. Doch habe es keine Hinweise auf eine Gefährdung des Kindes gegeben..
Der Leidensweg von Kevin
23. Januar 2004: Kevin wird als uneheliches Kind geboren. Die Eltern sind drogenabhängig.
März 2004: Klinikaufenthalt von Mutter und Kind zur Entgiftung.
August 2004: Polizei meldet Verdacht der Kindesmißhandlung.
Oktober 2004: Einweisung Kevins in eine Kinderklinik wegen Frakturen.
November 2004: Kevin kommt in Obhut des Kinderheims Herman-Hildebrandt-Haus. Danach Einsatz eines Familienkrisendienstes.
März 2005: Jugendamt stellt positive Entwicklung des Kindes fest. Kind wieder bei der Mutter.
Juli 2005: Polizei meldet Auffälligkeiten des Kindes. Besuch von Mitarbeitern des Sozialzentrums. Sie stellen keine Versorgungsmängel fest.
November 2005: Mutter stirbt. Laut Notärztin wird Fremdverschulden nicht ausgeschlossen. Vater wird vom sozialpsychiatrischen Notdienst zwangseingewiesen. Kevin kommt zweites Mal in Obhut des Kinderheims.
17. November 2005: Jugendamt wird Vormund des Kindes.
21. November 2005: Mitarbeiter im Sozialzentrum schätzen die Erziehungsfähigkeit des Vaters unterschiedlich ein. Kevin kehrt zu Vater und Oma zurück.
Februar bis März 2006: Tagespflege mit Überwachung des Kindes.
April 2006: Fallkonferenz mit Stadtteilleiter: Abermals Unterstützung durch Frühförderstelle eingeleitet. Vater nimmt Termine bei Förderstelle nicht wahr.
September 2006: Amtsvorstand versucht Kontaktaufnahme mit Vater. Vater nimmt vereinbarten Termin nicht wahr. Telefonat zwischen Sozialzentrum und Arzt. Arzt hat Kevin zuletzt am 5. Juli gesehen; Inobhutnahme wird vorbereitet, aber vom Arzt abgelehnt; Fallkonferenz beschließt, Kind im Rahmen einer gerichtlichen Anhörung aus der Familie zu nehmen. Vater erscheint nicht vor Gericht. Gericht beschließt Herausgabe des Kindes.
10. Oktober: Auffinden des toten Kindes in der Wohnung des Vaters.
(Quelle: Akten des Bremer Jugendamtes zum Fall Kevin)
Text: FAZ.NET mit Reuters/dpa/ddp
Bildmaterial: ddp
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