Studie

Acht Prozent der Bevölkerung gehören zur „Unterschicht“

Am Rande der Gesellschaft

Am Rande der Gesellschaft

15. Oktober 2006 Acht Prozent der Deutschen werden in einer Studie einer neuen gesellschaftlichen „Unterschicht“ zugerechnet. In Ostdeutschland zähle sogar jeder fünfte zu dieser Schicht, im Westen seien es vier Prozent, heißt es nach Angaben in einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich auf eine Umfrage des Instituts TNS Infratest stützt. Die Wissenschaftler sprechen in der Studie „Gesellschaft im Reformprozeß“ von Menschen, die sich in unsicheren Arbeitsverhältnissen und einer prekären Lebenslage sowie sozialer Lethargie befinden.

Laut Studie empfinden viele der Betroffenen ihr Leben als „gesellschaftlichen Abstieg“. Ihr Bildungsgrad sei überwiegend einfach, „berufliche Mobilität“ und Aufstiegswillen seien nur gering ausgeprägt. Zwei Drittel der „neuen Unterschicht“ hätten ihren Job bereits verloren, die anderen empfänden den Arbeitsplatz „häufig als nicht sicher“. Die Betroffenen litten unter „größter finanzieller Unsicherheit: sehr niedriges monatliches Haushaltseinkommen, kaum Wohneigentum oder finanzielle Rücklagen, Schulden, wenig familiärer Rückhalt“. Vom Staat fühlen sie sich allein gelassen, so die Studie. Viele glaubten, „Abschottung gegenüber Ausländern“ löse die Probleme.

Streit in der SPD über Mitverantwortung

In der SPD ist nach Bekanntwerden der Studie eine heftige Debatte über eine mögliche Mitverantwortung an sozialen Fehlentwicklungen entbrannt. Parteichef Kurt Beck hatte kürzlich vor einem wachsenden „Unterschichten-Problem“ gewarnt. Ihm bereite Sorgen, daß in weiten Teilen der Bevölkerung das Streben nachlasse, sich um sozialen Aufstieg zu bemühen. Beck wertete dies als Zeichen der Hoffnungslosigkeit.

Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Stefan Hilsberg kritisierte im Berliner „Tagesspiegel“: „Wir haben den Menschen vorgegaukelt, daß mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen kann und Steuersenkungen für die Unternehmen die Probleme lösen.“ Insofern sei die Hartz-IV-Politik der früheren rot-grünen Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder eine „Lebenslüge“. Schröder habe „zu kurz gedacht“, bemängelte er. Der SPD-Linke Ottmar Schreiner warf seiner Partei vor, Mitschuld am Entstehen einer gesellschaftlichen Unterschicht zu tragen.

Kauder lehnt Begriff „Unterschicht“ ab

Als Reaktion auf die Studie fordert der Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) „konkrete Hilfen“ besonders für Kinder, Jugendliche und Arbeitslose. Es gebe in Teilen der Gesellschaft eine Verwahrlosung, sagte Kauder in einem vorab verbreiteten Bericht der „Süddeutschen Zeitung“.

Grundsätzlich begrüßte Kauder die vom SPD-Chef Beck angestoßene Debatte über eine so genannte neue „Unterschicht“. Er lehne den Begriff aber strikt ab. „Dieser Ausdruck stigmatisiert und sorgt dafür, daß man diese Leute nicht mehr erreichen kann“, sagte er. Er spreche deshalb lieber von Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen.

Kauder betonte, das Phänomen gebe es seit etwa zehn Jahren als Folge der Massenarbeitslosigkeit, die Politik habe es jedoch unzureichend wahrgenommen. Zwar habe es schon immer „so genannte Sozialhilfekarrieren“ gegeben. Aber das Problem habe sich „deutlich verschärft“. Dies zeige sich auch an den schrecklichen Fällen mißhandelter und vernachlässigter Kinder.

Text: löw, F.A.Z. 16. Oktober 2006, dpa
Bildmaterial: ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Ist die Pkw-Maut gerecht?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche