Von Norman G. Finkelstein
14. Mai 2002 Der Nahost-Konflikt hat in Deutschland eine vielschichtige Debatte ausgelöst: Über das militärische Vorgehen Israels in den Palästinensergebieten, über die Rolle Deutschlands als Vermittler und auch über die Schwierigkeiten deutscher Kritik am Staate Israel. FAZ.NET hat die Debatte mit Berichten, Kommentaren und einem Forum begleitet. In diesem Gastbeitrag äußert sich nun der Politikwissenschaftler Norman Finkelstein, der mit seinem Buch Die Holocaust-Industrie in Amerika und in Deutschland eine Kontroverse über den Umgang mit Auschwitz ausgelöst hat. Jetzt prangert er nicht weniger kontrovers die israelische Regierung für ihre Besatzungspolitik an.
Lesen Sie hier die Fortsetzung seines Gastbeitrages:
Nachdem die Zuckerbrotmethode keinen Erfolg brachte, griff Israel nun zur Peitsche. Zwei Voraussetzungen mussten jedoch erfüllt sein, bevor Israel seine militärische Überlegenheit würde einsetzen können: grünes Licht aus den USA und ein hinreichender Vorwand. Bereits im Sommer 2000 berichtete die amtliche Jane´s Information Group, Israel verfüge über Pläne für eine massive und blutige Invasion der Besetzten Gebiete. Aber die USA legten ihr Veto gegen dieses Vorhaben ein und auch Europa machte seine Ablehnung hierzu gleichermaßen deutlich. Nach dem 11. September jedoch kamen die USA wieder ins Spiel. Scharons Ziel die Palästinenser niederzuschlagen passte nun grundsätzlich in die Zielsetzung der amerikanischen Regierung, nach den Anschlägen auf das World Trade Center jeden noch bestehenden Widerstand in der arabischen Welt gegenüber der amerikanischen Vorherrschaft zu brechen. Durch ihre starke Willenskraft und trotz einer in hohem Maße korrupten Führung gelten die Palästinenser als die widerstandskräftigste und hartnäckigste populäre Kraft in der arabischen Welt. Sie in die Knie zu zwingen käme einem vernichtenden psychologischen Schlag gegen die gesamte Region gleich.
Nach dem grünen Licht aus USA brauchte Israel nun lediglich noch den passenden Vorwand. Wie vorherzusehen war, heizte Israel die Gewaltspirale an. Sobald die palästinensischen Terroranschläge aufgehört hatten, gab es immer wieder neue Mordtaten an palästinensischen Führern. Nach der Zerstörung der Häuser in Rafah und Jerusalem gaben sich die Palästinenser weiter gemäßigt in ihren Aktionen, beobachtete Shulamith Aloni von der israelischen Partei Meretz. Scharon und sein Verteidigungsminister befürchteten offenbar, sie müssten zum Verhandlungstisch zurückkehren und beschlossen daher etwas zu unternehmen. Sie ließen den Fatah-Aktivisten Raad Karmi liquidieren. Sie waren sich im klaren darüber, dass diese Tat nicht unbeantwortet bleiben würde und dass wir den Preis mit dem Blut unserer Bürger würden bezahlen müssen. (Yediot Aharonot, 18. Januar 2002) Israel wartete tatsächlich sehnsüchtig auf diese blutige Antwort. Als die Terrorangriffe der Palästinenser dann das gewünschte Maß überstiegen, konnte Scharon den Krieg erklären und seine Vernichtung der wehrlosen palästinensischen Zivilbevölkerung fortsetzen.
Israelischer Schlachtruf
Nur diejenigen, die bewusst die Augen verschließen, bemerken nicht, dass Israels jüngster Einmarsch in das Westjordanland eine exakte Spiegelung des Einmarsches in den Libanon im Juni 1982 ist. Um das Ziel der Palästinenser nach einem unabhängigen Staat an der Seite Israels zu zerschlagen - die Friedensoffensive der PLO - hatte Israel im August 1981 seinen Einmarsch in den Libanon vorbereitet. Hierzu brauchte Israel grünes Licht von der Reagan-Administration und einen passenden Anlass. Zu seinem großen Verdruss und trotz mehrfacher Provokationen konnte Israel an seiner Nordgrenze keinen palästinensischen Angriff herbeiführen. Israel verstärkte also die Luftangriffe über Südlibanon und nach einer besonders mörderischen Attacke, bei der zweihundert Zivilisten getötet wurden (darunter 60 Personen eines palästinensischen Kinderkrankenhauses), übte die PLO mit der Ermordung eines Israelis schließlich Rache. Nachdem Israel nun den nötigen Anlass hatte und von der Reagan-Regierung grünes Licht bekam, marschierten seine Truppen in den Libanon ein. Mit demselben Schlachtruf, den palästinensischen Terror auszurotten, zog Israel nun voran, eine wehrlose Bevölkerung zu vernichten und tötete 20.000 Palästinenser und Libanesen, in der Mehrzahl Zivilisten.
Das Problem mit der Bush-Administration, so hören wir immer wieder, liegt darin, dass sie sich zu wenig im Nahen Osten engagiert habe. Diese diplomatische Lücke sollte nun die Nahostmission von Collin Powell schließen. Aber wer hat Israel grünes Licht für die Massaker gegeben? Wer lieferte die F-16 Raketen und Apache Hubschrauber an Israel? Wer legte zu den Resolutionen des Sicherheitsrates, nach denen internationale Beobachter eingesetzt werden sollten, um für eine Eindämmung der Gewalt zu sorgen, sein Veto ein? Und wer lehnte soeben den Vorschlag der obersten Menschenrechtsbeauftragten der Vereinten Nationen, Mary Robinson, ab, ein Untersuchungsteam in die palästinensischen Gebiete zu entsenden, um die Hintergründe und Ausmaße des Massakers herauszufinden? (IPS, 3. April 2002)
Geist von Auschwitz
Man stelle sich folgendes Szenario vor: A und B sind des Mordes angeklagt. Es stellt sich heraus, dass A die Mordwaffe an B lieferte, A gab B das Startsignal und A verhinderte, dass Beobachter auf die Schreie der Opfer antworteten. Würde das Urteil lauten, dass A nur unzureichend in den Fall eingebunden war oder dass A den Mord in genau demselben Maß zu verantworten hat wie B?
Um den palästinensischen Widerstand zu brechen, hat ein ranghoher israelischer Offizier Anfang dieses Jahres die Armee dringend aufgefordert, die Methoden zu analysieren und zu verinnerlichen..., nach denen die deutsche Armee im Warschauer Ghetto vorging. (Haaretz, 25. Januar 2002, 1. Februar 2002) Betrachtet man das jüngste israelische Blutbad im Westjordanland, so scheint es, dass die israelische Armee den Rat ihres Offiziers befolgt hat - palästinensische Rettungswagen und medizinisches Versorgungspersonal wurden angegriffen, Journalisten wurden angegriffen, palästinensische Kinder wurden aus Spaß getötet (Chris Hedges, ehemaliger Chef des Büros der New York Times im Kairo), alle palästinensischen Jungen und Männer im Alter zwischen 15 und 50 Jahren wurden wie Vieh zusammen getrieben, mit Handschellen gefesselt und vermummt, am Handgelenk wurde ihnen eine Nummer aufgedrückt, palästinensische Inhaftierte wurden willkürlich gefoltert, die palästinensische Zivilbevölkerung erhielt keine Nahrung und kein Wasser, sie wurde von der Stromversorgung abgeschnitten und auch jegliche medizinische Versorgung wurde ihr verweigert. Die palästinensischen Nachbargebiete wurden wahllos aus der Luft angegriffen, palästinensische Zivilisten als Schutzschilde benutzt, palästinensische Häuser, in denen die Bewohner sich zusammendrängten, wurden von Panzern niedergewalzt. Es scheint so, als habe die israelische Armee auf den Rat des Offiziers gehört. Ellie Wiesel - Hauptfürsprecher der Holocaust-Industrie - wies jegliche Kritik eines antisemitisch motivierten Vorgehens zurück und gab Israel seine bedingungslose Unterstützung. Er sprach von dem großen Schmerz, den seine wütende Armee habe erdulden müssen. (Reuters, 11. April; CNN, 14. April)
Inzwischen hat der portugiesische Literaturnobelpreisträger Jose Saramago den Geist von Auschwitz herangezogen, um die Gräueltaten der Israelis zu beschreiben. Ein belgischer Parlamentarier erklärte öffentlich, Israel macht aus dem Westjordanland ein Konzentrationslager. (The Observer, 7. April 2002). Angesichts derartiger Vergleiche empören sich Israelis aller politischen Parteien. Wenn die Israelis nicht als Nazis angeklagt werden wollen, dann müssen sie eben aufhören, wie Nazis zu handeln.
Norman G. Finkelstein wurde der deutschen Öffentlichkeit durch sein umstrittenes Buch Die Holocaust-Industrie bekannt. Der amerikanische Politikwissenschaftler, der 1953 in Brooklyn geboren wurde, ist der Sohn von Holocaust-Überlebenden.
Text: @sat
Bildmaterial: AP, dpa
Hessen: Linkspartei: Kein Blankoscheck für ![]()
Kampf um die Grünen-Spitze: Und am Ende blieb nur noch Özdemir
Drei Viertel der Hessen gegen Ypsilantis Regierungsplan
Armenien: Ein politisches Fußballspiel in Eriwan
Wahlen in Angola: Angst hinter der Pastellfassade
Kommentar: Deutsch-afghanische Illusionen
Bangkok: Hier kann niemand mehr regieren
Wahlparteitag der Republikaner: Ich gehöre nicht zur Washingtoner Elite