09. Februar 2008 Von Alexander Kissler
München. Am Dienstag will die Deutsche Bischofskonferenz ihren neuen Vorsitzenden wählen. Wer auch immer die Nachfolge von Kardinal Lehmann antreten wird, er steht vor jener doppelten Herausforderung, mit der soeben das Bistum Hildesheim eine Meldung überschrieb: "Aufbruch und Abbruch". Fast jedes fünfte Gotteshaus wartet dort auf die Abrissbirne oder den Immobilienmakler, "weil die vorhandenen Finanzmittel nicht ausreichen, um die Substanz sämtlicher Gebäude zu erhalten". Ein Aufbruch soll mit dem Abbruch verbunden sein, weil man in die verbliebenen Kirchen "sogar baulich investieren wird".
Ähnliche Meldungen gibt es aus den Bistümern Essen, Aachen, Limburg - und selbst dort, wo, wie in Freiburg, die finanzielle Ausstattung kommod ist, spricht der Oberhirte von der "Baustelle Kirche". Robert Zollitsch sagte unlängst, "die Kirche bedarf immerzu der Erneuerung", etwa durch Dekanatsreform, Verschlankung, eine "Pastoral der Vernetzung" und die "Besinnung auf das Reich Gottes". Zollitsch, mit 69 Jahren ein Angehöriger der mittleren Generation, ist damit ein Kandidat für eine Übergangsphase.
Zollitsch gilt als konzilianter Meister der Zahlen und Strukturen. Vor seiner Wahl zum Hirten von Deutschlands zweitgrößtem Bistum war er zwanzig Jahre lang dessen Personalreferent. Er leitet den Verwaltungsrat des "Verbandes der Diözesen Deutschlands", der die Bischofskonferenz rechtlich trägt. Energischer als viele Amtskollegen zog der gebürtige Donauschwabe die Konsequenzen aus den schwindenden Ressourcen, legte Pfarreien zusammen, organisierte runde Tische, reformierte, renovierte. Sein Motto lautet: "Wer sich bewahren will, muss sich ändern."
Damit ist die Leitlinie einer großen liberalen Gruppe in der DBK beschrieben, die sich eine Fortsetzung des Lehmannschen Kirchenbilds und Politikstils erhofft. Unterstützung findet Zollitsch etwa bei seinen Amtsbrüdern aus Rottenburg-Stuttgart und Fulda, Gebhard Fürst und Heinz Josef Algermissen. Fürst vertritt die von vielen Bischöfen abgelehnten Pläne eines kircheneigenen Fernsehsenders; auch sind seine Ansprachen eher vertrackt. Fürst spricht vom "Ensemble gesellschaftlich und medial vermittelt wirkender Kräfte", das es erschwere, zu den "Inseln eines präevangelischen Klimas" vorzudringen. Algermissen profiliert sich als Gegner der Embryonenforschung, wie sie Kanzlerin Angela Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan vorantreiben wollen. Auf diesem Feld weiß er alle Bischöfe hinter sich. Keine souveräne Figur machte er bei der Einrichtung sogenannter Pastoralverbünde, stieß die konservativen Teile des Klerus dabei arg vor den Kopf. Gleiches gilt von Lehmanns Stellvertreter, dem melancholischen Dauersanierer aus Aachen, Heinrich Mussinghoff.
Ebenfalls ein Zeichen der Kontinuität wäre die Wahl des Hamburger Erzbischofs Werner Thissen. Thissen steht dem flächenmäßig größten Bistum vor, in dem nur knapp 400 000 Katholiken leben. Sie verteilen sich auf Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Hamburg, so dass mit Thissen auch der Osten eine Stimme bekäme. Thissen ist Vorsitzender des Hilfswerks "Misereor". Vor wenigen Tagen forderte er eine "Globalisierung der Solidarität".
Eine solche Maxime findet man gemeinhin im linken Meinungsspektrum, doch unter Bischöfen ist sie Konsens. Auch Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg, theologisch konservativ, buchstabiert die katholische Soziallehre ähnlich. Welche weiteren Elemente des Christlichen aber zählen zur Substanz, und welche gilt es umzuarbeiten? Darüber gehen die Meinungen auseinander, und die liberalen Bewahrer wie die konservativen Erneuerer könnten sich auf die Bilanz Lehmanns berufen.
Unmittelbar vor seiner letzten Wiederwahl, im August 2005, wählte Lehmann für das eigene Erbe Worte, wie sie auch einem Lehmann-Kritiker von den Lippen kämen: Das Gleichgewicht zwischen Wandel und Beständigkeit sei verlorengegangen. Man sei "oft viel zu heutig". Lehmanns Fazit klang düster: "Wir haben die Radikalität und Einfachheit des Glaubens verloren und müssen sie wiedergewinnen. Uns ist die Leidenschaft für Gott verlorengegangen." Auch diese Überlegung wird die Bischöfe und Weihbischöfe leiten: Soll das Gesicht des Katholizismus für eine neue Entschiedenheit stehen oder für den Geist des Kompromisses?
Wer die erste Option bevorzugt, gehört der konservativen Gruppe an und also der Minderheit. Dort hat man nicht vergessen, dass unter Lehmanns Ägide der Gottesdienstbesuch von 25 auf 14 Prozent zurückging und zwei Millionen Katholiken aus der Kirche austraten. Keine Chancen dürften jene haben, die in der Vergangenheit die Mehrheit gegen sich aufbrachten, also die Bischöfe Meisner, Müller und Mixa. Konservative Kompromisskandidaten wären Ludwig Schick (Bamberg) und Gregor Maria Hanke (Eichstätt). Beide gehören der vom neuen Münchner Erzbischof Reinhard Marx geleiteten Freisinger Bischofskonferenz an, wären diesem also im Falle ihrer Wahl bayrisch nachgeordnet, national aber übergeordnet: eine undenkbare Konstellation.
So wird die wichtigste Frage am Dienstag lauten: Bruder Reinhard, bist du bereit? Der vor einer Woche inthronisierte Bischof gilt als leutselig und zupackend, wertkonservativ und aufgeschlossen. Der 54 Jahre alte Marx, als Sozialethiker Anwalt der Armen und Kritiker einer schematischen Verteilungsgerechtigkeit zugleich, fordert seit langem eine "mentale Wende in der Kirche", um den Abstieg zur "Gefühlsreligion mit etwas folkloristischem Klimbim" zu verhindern. Marx würde die neukonservativen wie die altliberalen Gruppierungen nicht verdrießen. Als Vorsitzender müsste er indes moderieren statt zuspitzen. So gesehen, könnte die Wahl auch in die Einhegung eines Eigenwilligen münden.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 6
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