Finkelstein-Debatte

Viel falscher Beifall

Von Ralf Bartoleit

Verteidigt kontroverse Thesen: Norman Finkelstein

Verteidigt kontroverse Thesen: Norman Finkelstein

08. Februar 2001 Der amerikanische Politologe Norman Finkelstein, Autor des Buches die „Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, stellte sich am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion in Berlin erstmals einem größeren Publikum. Es wurde ein Abend des permanenten falschen Beifalls. Er endete mit einem Eklat.

Rechtsextreme versuchten, Proteste von Finkelstein-Kritikern niederzubrüllen. Die skandierten daraufhin „Nazis raus“. Nach vorübergehenden Handgreiflichkeiten wurde die von dem Kritiker Johannes Willms geleitete Diskussion abrupt beendet. Die Finkelstein-Kritiker hatten Transparente aufgespannt mit den Sätzen: „Deutsche Täter sind keine Opfer“ und - unter Bezug auf den Buchtitel - „Holocaust-Industrie: Siemens, Deutsche Bank, IG Farben“.

Unbehagen deutscher Historiker

Die Diskussion, an der unter anderem der Schiftsteller Sten Nadolny und der Berliner Historiker Peter Steinbach teilnahmen, bestätigte das Unbehagen zahlreicher deutscher Historiker, die vor „Beifall von falscher Seite“ gewarnt hatten, an Finkelsteins Buch. Finkelstein bezichtigt jüdische Interessenorganisationen, die These von der Einzigartigkeit des Holocaust mit finanziellen Interessen zu verknüpfen. Dieser von ihm so bezeichneten Holocaust-Industrie müsse das Handwerk gelegt werden, sagte Finkelstein.

„In den letzten Jahren ist die Holocaust-Industrie geradezu zu einem erpresserischen Geschäft geworden“, heißt es in dem Buch. „Die Holocaust-Industrie muss geschlossen werden“, sagte der amerikanische Politologe zu Beginn der Diskussion. Zuvor hatte er am Morgen bei der Erstvorstellung seines Buches in Deutschland dazu aufgerufen, jüdische Organisationen wie die Jewish Claims Conference und den Jüdischen Weltkongress nicht an der geplanten Entschädigung von ehemaligen Zwangsarbeitern teilhaben zu lassen. Dabei hatte Finkelstein betont, er sei sich der „realen Gefahr“ des Beifalls von Rechts bewusst.

„Der bleierne, kalte Planet Holocaust“

Diese Gefahr bestätigte der Abend nachdrücklich. Finkelsteins Kritik an jüdischen Organisationen wurde während der Podiumsdiskussion immer wieder von offensichtlich rechten Gruppen lautstark mit heftigem Klatschen bedacht. Und jede Initiative von Teilnehmern der Diskussion - wie etwa Nadolnys Nachdenken über eine mögliche Inflation des Holocaust-Gedenkens oder Steinbachs Überlegungen zur Frage einer Kontextualisierung des Holocausts - erhielt ebenso solchen „falschen Beifall“.

Als Nadolny sagte, er müsse für sein literarisches Arbeiten manchmal den „bleiernen kalten Planeten Holocaust“ vergessen, widersprach der Historiker Steinbach. Vergessen gehe nicht. „Am Ende stellen wir fest: Wir wollen auch nicht vergessen.“ Von der Schulung des historischen Blicks, so Steinbach, hänge auch unsere heutige „Empörungsfähigkeit“ ab.

Wie wirkt das Buch in unserem Kontext?

Der Historiker war es auch, der die von Finkelstein aufgenommene Diskussion über die wirkliche Zahl der Holocaust-Überlebenden als „gespenstisch“ bezeichnete. „Wie wirkt das Buch in unserem Kontext?“ Steinbach stellte die entscheidende Frage, die von Finkelstein nicht beantwortet und von dem Moderator Johannes Willms leider zu keinem Zeitpunkt weiter verfolgt wurde: „Wie wirkt das Buch in unserem Kontext?“ Selbst wenn es im amerikanischen Zusammenhang aufklärerisch wirken möge, müsse in Deutschland gefragt werden, ob das Buch nicht bestimmte Tendenzen des Anti-Semitismus verstärke, meinte Steinbach.

Nadolny wies darauf hin, dass die von Linken immer wieder gestellte Frage „Wer profitiert, wer verdient Geld?“ als Ansatz des Finkelstein-Buchs die Perspektive zu sehr verenge. Steinbach sprach von der zuweilen „fatalen Neigung von Historikern“, Geschichte vom Ende her zu denken. Denn am Anfang, daran erinnerte er im Rahmen der Finkelstein-Debatte, stehe „ein fast gelungener Völkermord“.

Text: @ba
Bildmaterial: dpa

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